Alina Pogostkina und David Afkham jugendlich elegant mit dem Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie

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Die Dame, die sich bei der Konzerteinführung durch den wienerisch launigen Erzähler Gottfried Franz Kasparek zu ihrem Nachbarn beugte und fragte, was heute denn auf dem Programm stände, hatte sich hoffentlich bis zum Auftritt der Geigerin Alina Pogostkina ausreichend informiert. Ansonsten würde die Gefahr bestanden haben, dass sie den eines Models einer Fashion Week durchaus ebenbürtigen glamourösen Schreitens zum Konzertpodium in der Kölner Philharmonie von der Solistin des Abends Alina Pogostkina durch hastiges Blättern im Programmheft verpasst hätte. Mit einem rosafarbenen, mit Pailletten durchwirkten, trägerlosen Abendkleid mit einer bodenlangen Schleppe betrat sie mit formvollendeter Eleganz die Bühne.

Diese Eleganz, gepaart mit ihrer brillanten musikalischen Präsenz bei der Interpretation des Violinkonzerts Nr. 2 op.61 von Karol Szymanowski, gab dem sinfoniekonzert 05 des Gürzenich-Orchester Köln eine besondere Note. So zerbrechlich und zart ihre jugendliche Figur, so kraftvoll und vital spielte sie das relativ selten zu hörende Violinkonzert mit souveräner Beherrschtheit. Gerade weil es Szymanowski der Solovioline in seiner Komposition gegenüber dem opulenten, in sinfonischer Dichte spielenden Orchester (molto energico) nicht leicht gemacht hat, muss sie sich immer wieder behauptend durchsetzen.  Alina Pogostkina nahm diese orchestrale Kampfansage nicht nur technisch überzeugend an. Ihr Violinspiel war wie das Malen einer grafischen Linie. Aufmerksam in einer Halbdrehung dem Orchester zugewandt, nahm sie die ihr zugeschossenen (Ton)Pfeile erhobenen Kopfes an und übernahm sie sie – je sanft, aber auch je entschlossen kompromisslos. Mit einer ihren ganzen Körper durchformender Geschmeidigkeit behauptete sie in traumwandlerischer Perfektion ihre Violine gegen die orchestrale Flut. Konnte man angesichts  ihres über den Boden schleifenden Kleides vielleicht noch die Befürchtung haben, dass sie sich in dem üppigen Stoffvolumen verheddern könnte, wischte ihr fulminantes, aber gleichzeitig punktgenau konzentriertes Spiel solche Bedenken mit dem ersten Ton weg.

Die vom Konzertpublikum mit anhaltend gespannter Atemlosigkeit verfolgte Solo-Kadenz ließ auch die letzten Zweifel an ihrer Standsicherheit verschwinden. Alina Pogostkina bewies mit musikalisch überzeugender Eleganz, dass Konzertprogrammen ohne dem 2.Violinkonzert von Karol Szymanowski etwas fehlt. Das zu demonstrieren – und dass es durchaus ein Verlust an musikalischer Vielfalt ist, dazu hatte sie mit dem ebenso jugendlichen Dirigenten David Afkham einen Protagonisten zur Seite, mit dem sie auf Augen-Hör-Ebene von Gleichgesinnten kommunizierte und spielte. Wie er die vier, sich übergangslos verbindenden Sätze des Konzert mit seinem Dirigat konturierte, ihnen sowohl molto tranquillo als auch andantino sostenuto differenzierte Farbigkeit zu geben vermochte, offenbarte seine affirmative Haltung zu ihm.

Schon mit der Passacaglia für Orchester op.1 von Anton Webern zu Beginn des Konzerts war nach wenigen Takten klar, dass mit David Afkham ein Dirigent einer neuen, der nach 1980 geborenen Generation am Pult stand, die, exzellent ausgebildet, genau wissen, was sie wollen. Repertoire-Durchdringung, Aufdecken von musikalischen Linien und Strukturen sowie die variierenden Identitäten von Komponisten einer Generation, das Gemeinsame und das Verschiedene in ihren Kompositionen zutage fördern – und keine dem tradierten Konzertbetrieb verpflichtete Repertoire-Verwaltung. Dass Anton Webern (geboren 1883), Karol Szymanowski (geboren 1882) und Bela Bartók (geboren 1881) fast dem gleichen Jahrgang angehören, musikalisch aber durchaus verschiedene Wege gegangen sind, zeigt aber letztlich, wie in einem Brennglas zu sehen und wie jetzt in der Kölner Philharmonie zu hören war, wessen Zeiten Kinder sie sind. Und worum sie rangen. Hinter ihnen die übermächtigen Komponisten-Gallionsfiguren des 19.Jahrhunderts Richard Wagner und Anton Bruckner, vor ihnen das neue 20.Jahrhundert mit Aufbruch in die Moderne und seinem Abstieg in die Untiefen menschlicher Katastrophen. Unterwegs zu neuen musikalischen Ufern von 12-Tonmusik und atonalen Ausdrucksformen;  immer wieder aber auch Vergewisserung der Vergangenheit haben alle drei Komponisten zutiefst geprägt.

Nach Jahren gezählt genau 100 Jahre jünger, hat sich David Afkham ihnen in ihren Kompositionen mit seiner Interpretation anverwandelt. Das Konzertprogramm hatte etwas davon, Zeuge einer entdeckenden Wertschöpfung zu sein. Mit elastischem Gestus zupackend, dann wieder behutsam zurücknehmend, dabei die Finger der Hände beschwörend aufgefächert, sog er dem Gürzenich-Orchester die Klangfarben magisch aus ihren Instrumenten. War es in der Passacaglia das chromatisch Exzessive in spätromantischer Erinnerungsfärbung, so waren es die fugenartigen Passagen, die Afkham in Bela Bartóks Konzert für Orchester Sz 116 von 1943 in ihren Nuancen hörbar machte. Mit Bartóks Konzert, das im ersten Satz  in düsterem Raunen seine Oper Herzog Blaubarts Burg von 1911zitiert und das teilweise immer noch als Verrat an seinen atonalen Überzeugung angesehen wird, gelang Afkham mit einem sensibel disponierten Gürzenich-Orchester (herausragend Blech und Holz) ein stimmiger Gegenentwurf. Er machte hörbar, dass Bartók gerade mit seinem Spätwerk in modellhafter Kontrapunktik und übersichtlichen Satzanlagen zu recht als ein intellektuell und moralisch redlicher Komponist die Musik des letzten Jahrhundert wesentlich mit geprägt hat.

Blumen gab es für Alina Pogostkina und David Afkham nach dem Montagskonzert gemäß der Gürzenich-Konzert-Tradition nicht (die gibt es nur im Sonntagsvormittag-Programm!). Aber das lächelnde Augenzwinkern, mit dem er ihr nach dem Violinkonzert nobel Respekt bezeugte, war mehr als nur ein blumiger Ersatz. Kaum besser als mit dieser stillen Geste hätte die durchgängige Eleganz des Konzerts sich ausdrücken können.

 11.12.13

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Über Peter E. Rytz Review

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