Es weihnachtete im 4.Sternzeichen – Konzert in der Tonhalle Düsseldorf

Das hat die weihnachtliche Vorfreude so an sich. Sie deckt auch dann alles mit einer mild verklärenden, die Seele romantisch berührende Schneedecke sanft zu, selbst wenn es gar keinen Schnee gibt. Ohne Schneeflöckchen-Weißröckchen-Imagination keine Weihnacht. Dass das 4.Sternzeichen-Konzert in der Tonhalle Düsseldorf daran nicht vorbeikommen wollte, fand ihren Ausdruck in dem etwas bemüht getitelten Konzertprogramm Weihnachten. Der Klassiker unter den Weihnachtsprogrammen, Engelbert Humperdincks Singspiel Hänsel und Gretel eröffnete mit seiner Ouvertüre weihnachtlich straight. Bei Erich Wolfgang Korngolds Konzert für Violine und Orchester D-Dur op.35 war eine weihnachtliche Anmutung nur über einen Umweg möglich. Mit einem Seitenthema des Finalsatzes zitiert Korngold sich als Filmkomponist einer Filmadaption von Mark Twains 1881 veröffentlichten Roman The Prince and the Pauper. Da dieser Film in den angelsächsischen Ländern seit Jahren zum Standardrepertoire Weihnachtsstimmung gehört, konnte man das Violinkonzert mit etwas guten Willen ebenfalls als weihnachtlichen Programmpunkt verbuchen. Bei der Krönungsmesse (Messe C-Dur KV 317) von Wolfgang Amadeus Mozart musste man bereit sein, Ostern zu Weihnachten oder Weihnachten zu Ostern zu machen. Getreu dem Vorsatz: Messe passt immer zu Weihnachten!

Damit war Weihnachten als Konzertprogramm abgedeckt. Die Tonhalle war bis auf den letzten Platz im Montagskonzert besetzt und deckte damit einen großen Publikumszuspruch ab (vor der Tonhalle bemühten sich noch viele vergeblich, eine Karte zu bekommen). Gleichzeitig deckte aber ein großer Teil des Konzertpublikums mit ihrem weihnachtlichen Sehnen nach prächtigem Glanz und überschwänglicher Freude, die jeden Satz des Korngold-Konzerts mit dem jungen Geiger Nigel Armstrong applaudierend feierte, ein aufmerksames Hinhören und Nachlauschen allerdings auch zu. Ernsthafter Musikgenuss war in diesem Konzert nur als Kompromiss zu haben. Aber dass die so apostrophierte Ernsthaftigkeit auch nur eine tradierte Facette von Kunstrezeption einer in die Jahre gekommenen Generation sein könnte, lässt sich genauso ernsthaft fragen, wenn, wie an diesem Konzertabend zu beobachten war, auch mehr als sonst üblich jüngeres Publikum in der Tonhalle zu sehen war, für die das Konzert offensichtlich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk bedeutete. Ihre emotionale Spontanität verdiente vielleicht genauso viel Respekt wie die Ernsthaftigkeit der anderen?

Aber damit waren die musikalischen Weihnachtsgeschenke aber noch nicht vollständig. Sir Neville Marriner, inzwischen 89jährig debütierte mit den Düsseldorfer Symphonikern in der Tonhalle. Er kennt sie zwar seit vielen Jahrzehnten von unzähligen Konzerten mit seiner Academy of St Martin in the Fields, aber diese Zusammenarbeit in Düsseldorf fehlte ihm noch in seiner schier endlosen Reihe von Konzerten. Von daher stand er natürlich auch als der Elder Statesman der klassischen Musik im Mittelpunkt des Interesses – und der Bewunderung für seine ungebrochen geistig frische Lebendigkeit am Pult. Wo andere schon lange die Welt nur noch aus dem Ruhesessel betrachten (können), enterte er das Pult, auf dem Weg dorthin noch mit leicht unsicherem Schritt, dynamisch kraftvoll, ergriff unverzüglich, direkt, ohne Maestro-Attitüde den Taktstock und legte los. Mit sicherem Stand, keine Spur von körperlicher Einschränkung dirigierte er das Orchester mit sparsam beherrschter gleichwohl deutlich konturierter Beweglichkeit. Um seine Vorstellung von der Musik dem  Orchester zu kommunizieren, bedurfte er keiner ausholenden, wie bei machen Dirigenten zu beobachtende, mehr der Selbstinszenierung als der Sache der Musik verpflichteten, großen Gesten. Ganz British Sir and Gentleman und dabei allein auf die Klanggestaltung des Orchester sowie im Zusammenspiel mit Nigel Armstrong konzentriert, machte Marriners eindrucksvoll und vital die Musik hörbar.

Im Violinkonzert von Korngold zeigten Marriner (89) und Armstrong (23) eindrucksvoll, dass in der Musik Alter und Zeit zumindest für einen Konzert-Moment außer Kraft gesetzt sind. Armstrong wandte sich bei seinem Violinspiel so unmittelbar und direkt Marriner zu, suchte fast körperlich seine Nähe, dass man für Momente Angst hatte, dass Violine und Taktstock sich miteinander verhaken könnten. Souverän übernahm Marriner die Hinwendung von Armstrong zu ihm in einem aufmerksamen und sensiblen Flow, der Schutz und Ermutigung zugleich war. Marriner versuchte die Korngold-Komposition, in der eine melodisch überschwengliche Tonfärbung des Wieners Fin de siécle  sowie ihre von seinen Hollywodd-Filmmusiken geprägten Sinn für eindrucksvoll ausmalende Tonfolgen unüberhörbar sind, mit seinem Dirigat von vordergründigen Effekten zu entschlacken. Und Armstrongs mitunter etwas zu technizistisch ambitioniertes Violinspiel zu kultivieren. Korngolds Violinkonzert hat Hollywood wie einen Fluch immer im Gepäck. Es davon so weit wie möglich zu befreien und seine Klassik hörbar zu machen, dafür hat Marriner mit den Düsseldorfer Symphonikern Armstrong den Teppich bereitet.

Mehr noch als in der abschließenden Krönungsmesse demonstrierte Marriner beim Vorspiel zu Hänsel und Gretel, welche Klangpracht das volle Instrumentarium eines spätromantischen Orchestersatzes die Düsseldorfer Symphoniker entfalten können. Er entlockte ihnen weihnachtlich gestimmte Zaubertöne.

Mozarts Krönungsmesse ist ein opulentes Kunstwerk; viel gespielt – und immer in der Gefahr, es zu verspielen. Nicht das der Eindruck aufgekommen wäre, dass das Orchester und die Solisten (Jutta Maria Böhnert, Sopran; Ingeborg Danz, Alt; Corby Welch, Tenor; Andreas Wolf, Bass) sowie der Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf (Einstudierung: Marieddy Rosetto) Mozarts Partitur nicht aufmerksam studiert und interpretiert hätten. Dass die Krönungsmesse letztlich nicht wirklich überzeugte, hat viel damit zu tun, dass beim Chor im Gegensatz zu seiner Quantität der Sänger und Sängerinnen in der Qualität einer klaren und akzentuierten Tonartikulation einige Wünsche offen blieben.

Bleiben wird von diesem Konzertabend vor allem die musikalische Noblesse und der Charme von Sir Neville Marriner. Als ihm nach dem Konzert der Blumenstrauß überreicht wurde, hielt er kurzerhand den Taktstock mit den Zähnen fest, um mit den beiden Händen den Dank respektvoll entgegen nehmen zu können. Mit einem aufmunternden Winken verabschiedete er sich vom Publikum. Weihnachten hatte schon begonnen.

  18.12.13

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Über Peter E. Rytz Review

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