Tannhäusers Bild- und Musikwelten von Kay Voges an der Oper Dortmund neu justiert

Niemand will Kulturprovinz sein. Auch die Oper Dortmund nicht. Und der Intendant des Schauspiels Dortmund Kay Voges schon gar nicht. Mit High-Tech zu beeindrucken, ist eine Möglichkeit, sich zu zeigen. Voges hat Sponsoren überzeugen können, dass eine exzellente Video-Technik eine gute Investition für Dortmund in Sachen Theater und Oper ist. Will heißen: Champions League Ansprüche nicht nur im Fußball.

So technisch aufgerüstet, inszenierte Voges mit Tannhäuser  und der Sängerkrieg auf Wartburg von Richard Wagner nicht nur seine erste Oper. Er ging gleich aufs Ganze. Provinz hin oder her, mit diesem Tannhäuser macht Voges einen Aufschlag, dem niemand ausweichen kann. Er fordert und fordert heraus. Manche mögen sich auch überfordert fühlen. Dass er es sich dabei leicht gemacht hätte, kann man beim besten Willen nicht sagen. Tannhäuser-Inszenierungen der letzten Zeit ebenso wenig. Ob Biogasanlage im Venusberg und auf der Wartburg, die Sebastian Baumarten 2011 in Bayreuth auf die Bühne gehievte hatte, oder der Versuch von Burkhard Kosminski 2013 in Düsseldorf, Wagners Antisemitismus als Background-Raunen im Venusberg zur Sprache zu bringen(von einigen Medien kurzerhand als Nazi-Oper bezeichnet und nach der Premiere vom Spielplan wieder abgesetzt), haben ein grundsätzliches Akzeptanzproblem offen gelegt.

Das Problem liegt in der Tannhäuser-Perspektive des 19.Jahrhunderts. Ein öffentliches Liebes-Bekenntnis, das frank und frei sagt, was Sache ist, war zu Wagners Zeiten ein Tabubruch und ein Skandal zugleich. Dass Liebe auch erotisch körperliches Begehren ist, war auch schon damals nicht fremd und vielfach gelebte Praxis. Nur darüber zu reden oder es gar auf einer Opernbühne wie mit Tannhäusers schwelgerisch sinnlichen Gesang als Anstiftung zum Sex vorgesetzt zu bekommen, das war das eigentliche Skandalon.

Wer heute Tannhäuser inszeniert, kann deshalb die gehabte, schamhaft sich gebende aber in Wirklichkeit verlogene Moral-Keule nicht mehr schwingen. Allein mit jedem Klick im Internet ist es möglich, Räume zu öffnen, wo erotische Phantasien zu pornografischen Freizeitangeboten stand-by gebeamt werden. Selbst ein Bordellbesuch ist kein Aufreger mehr. Was also im 21.Jahrhundert mit einem von Wagner im 19.Jahrhundert zusammen gebastelten Tannhäuser-Mythos aus dem 13.Jahrhundert machen, um Menschen heute zu erreichen?

Kay Voges hatte eine auf dem ersten Blick verblüffende, und wie sich zeigende sollte, schlüssige und überzeugende Tannhäuser-Assoziation. Der 1951 veröffentlichte Roman Die letzte Versuchung von Nikos Kazantzakis erzählt mit mächtigen Bildern in einer wortgewaltigen, homerischen Sprache die Leidensgeschichte Jesu als die übliche biblische Legende. Bis auf den Schluss, wo ein Engel Jesu am Kreuz zurief, er hätte genügend für die sündige Welt gelitten, er solle herabsteigen und ein bürgerliches Leben als Mann mit Saft und Kraft führen. Gesagt getan. Voges nimmt für seine Inszenierungsidee die kazantzakisisch transformierte Jesus-Figur als Reflexionsfolie für seine Tannhäuser-Figur. Schon mit der Ouvertüre öffneten sich die Mehrebenen-Bilderwelten des Kay Voges (Video: Daniel Hengst). Als hätte Wagner die Voges-Vermutung Wenn Wagner Video gekannt hätte, hätte er sie mit Sicherheit angewendet! schon in seine Komposition berücksichtigt, klang die Musik ungemein dicht und wie maßgeschneidert zu Tannhäusers Abstieg vom Kreuz, engelhaft gerufen und sein Einstieg, von dem Vollweib  Venus erwartet, ins richtige Leben. Noch bevor das eigentlich Spiel von amour courtois und amour fou seinen Lauf nahm, nahm Voges das Publikum für die folgenden drei Stunden mit seiner opulenten Bilderwelt in Tannhäuser-Haft. Da konnte es schon mal vorkommen, dass in einzelnen Szenen die Bildmacht übermächtig die Musik in den Hintergrund drängte.

Um tradierte Bilder als solche zu entlarven, die sie häufig sind, nämliche leere Schubladenbilder in den Köpfen und sie durch Frage-Bilder zu ersetzen, setzt er mit Hilfe von Videos auf Bildangebote in mehrfach versetzten Ebenen. Demjenigen, der sich nach ersten Irritation in diese Bild-Musik-Welten eingesehen und eingehört hatte, konnte beginnen, diese zu entschlüsseln – und einen subtil reflektierten Tannhäuser durchaus genussvoll erleben. Gabriel Feltz, der als Dirigent nicht wie häufig fast vollständig im Orchestergraben versunken war, repräsentierte als Halbkörper im Scheinwerferlicht die Bildebene heute, 21.Dezember 2013 und machte schon mit den ersten Tönen deutlich, wohin er mit den Dortmunder Philharmoniker wollte: Auf Augen-Hör-Höhe mit der Inszenierung (Was ihm auch eindrucksvolle gelang). Vor ihm auf der Bühne spielte sich die Tannhäuser-Geschichte als Apotheose des 13.Jahrhundert in Video-Screens auf durchsichtigen Folien, in einer Video-Kreuz-Installation a la Nam June Paik in extremer Slow-Motion oder in Filmsequenzen als Bildererzählung auf mehreren Ebenen ab. Wagners Tannhäuser, der das 19.Jahrhunderts in seinem moralinsauren, gesellschaftlich als verbindlich definierten Verständnis befragte, setzte Voges seine Antwort aus heutiger Sicht entgegen. Tannhäusers Dornenkrone und Elisabeths Heiligenschein erwiesen sich als Bildträger einer Distinktion, die nicht blasphemiert sondern Wirklichkeit fokussiert. Das Erhabene nahe neben dem Lächerlichen, die sinnliche Liebe neben dem ambitionierten Gutmenschentum als Engagement für eine bessere, erlöste Welt. Tannhäusers Einerseits Nach Freiheit, Freiheit dürstets mich (I, 2) und Tannhäusers Andererseits Ach, schwer drückt mich der Sünden Last, kann länger sie nicht mehr ertragen (I, 3) zeigt einen nicht zu bewältigenden Spagat.

Daniel Brenna (Tenor) ist ein Tannhäuser mit schauspielerischem Überschuss im weißen Büßergewand, der sich dadurch gelegentlich mit seinem Gesang in eine überfordernde Atemlosigkeit manövrierte. Vom Kreuz durch die Niederungen des Lebens als Liebhaber und Minnekünstler zum Kreuz als zyklischen Parforceritt forderte nicht nur Tribut an Kondition für Stimme und Körper. Brenna musste die Opernbesucher auch geistig bei der Stange halten. Das gelang ihm ebenso überzeugend, wie Christiane Kohl mit ihrem auch in den Höhen deutlich artikulierendem Sopran der Elisabeth eine differenzierte Präsenz gab (im Unterschied zur Mezzosopranistin Hermine May in der Rolle der Venus, die in der Artikulation merkwürdig undeutlich blieb).

Dass in diesem Jahrhundert-Folien-Spiegel-Spiel die inszenatorischen Assoziationen hier und da überreichlich sprudelten und dann zu vordergründigen Effekten führten, wenn beispielsweise der Landgraf (Christian Sist mit schlankem Bass als Minnesänger-DSDS-Typen-Moderator) die Sänger aufforderte, Greift in die Saiten! sie die Hände in ihre Körperseiten stemmten oder wenn Wolfram von Eschinbach (Gerardo Garciacano überzeugte mit ausbalanciertem Bariton) Tannhäusers Lob der erotisch sinnlichen Liebe Was Genuss beut‘ Deiner Jugend ist wohl feil, keines Streiches werth ihm mit einem Backstreich antwortete oder als Tannhäuser die Lust der Grotte unter dem Rock der Küchen-Venus suchte, gab der Inszenierung an diesen Stellen etwas unnötig Revuehaftes. Gleichwohl vom Publikum mit lebhaftem Schmunzeln goutiert. Man kann zwar wie eine Opernbesucherin ihre Nachbarin grundsätzlich fragen: Warum muss man eine 150 Jahre alte Oper unbedingt ins Heute zwingen? Wenn aber ein Schauspiel, eine Oper Ihrem Selbstverständnis nach für die letzten (Lebens) Fragen Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? sensibilisieren möchte, sind sie in ihrer besten Form wie mit diesem Tannhäuser ein Angebot zum Streiten. Getreu dem Credo des Hauses Wo, wenn nicht hier. In dem Voges Tannhäuser in eine zeitgemäße Perspektive stellte, die ihn nicht allein auf die Auseinandersetzung mit einer veralteten  Sexualmoral reduzierte sondern dem Publikum eine vielschichtige Bildererzählung anbietet, aktualisiert und justiert er verloren gegangene, tradierte Zeithorizonte nach.

Tannhäuser in Dortmund ist sowohl ein Versuch als auch eine Chance, die zunehmende Bildermacht zu dechiffrieren – und sie im eigenen Lebensalltag zu bewältigen. So wie sich das über der Szene schwebende Dach der heiligen Halle beim Ruf des Pilgerchors Auf nach Rom! bis auf eine instabil wirkende Holzverschalung auf fünf stabile Säulen senkte (Bühne: Daniel Roskamp), so werden, allegorisch verstanden, auch alle Anstrengungen nach dem richtigen Leben vage Unsicherheit kalkulieren müssen. Sie müssen auch mit ihrer  Nicht-Erfüllung rechnen. Das Bild, wie der Papst mit maliziösem Lächeln Tannhäusers Bitte um Entsühnung abwies So bist nun ewig du verdammt!, war ein doppeltes. An Symbolkraft für diese Tannhäuser-Sicht kaum zu überbieten; gleichzeitig ein ernüchterndes Zurkenntnisnehmen: So ist die Welt. Tannhäusers Rückkehr ans Kreuz könnte trotzdem eher als Hoffnungssymbol für die Zukunft verstanden werden, als das in seinem persönlichen Scheitern ein Scheitern für alle Ewigkeit festgeschrieben würde.

23.12.13

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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