Nora hoch drei – Potenzierter Mehrwert von Kunst und Alltag im Schauspielhaus Düsseldorf

©  Sebastian Hoppe

© Sebastian Hoppe

Vielleicht muss Theater heute so sein, um einen – vielleicht sogar den – Nerv der Zeit, des Publikums zu treffen. Dušan David Pařízek hat mit Nora3 eine rasante Zeitreise von Henrik Ibsens Familientragödie des ausgehenden 19.Jahrhunderts bis in die heutigen Niederungen des global agierenden Kapitalismus von Europa bis Bangladesch inszeniert, dass einem an manchen Stellen der Atem stockte. Mit Elfriede Jelineks früher theatrale Reflexion Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hat (1979) zusammen mit der Ibsen-Adaption Nora, ein Pupenheim als Stück im Stück dramaturgisch unter Volldampf gesetzt, baute die Inszenierung einen nicht nur sinnlich ästhetisch aufgeladenen, sondern gleichzeitig auch einen körperlich beklemmenden Überdruck auf.

Stefanie Reinsperger als doppelte Nora zeigte auf der Bühne Noras seelische und körperliche Verletzungen so unmittelbar, sich physisch so bedingungslos hingebend und verausgabend, dass es schwer fiel, sich distanziert zuschauend im Parkett zurückzulehnen. Dass Pařízeks Inszenierung dafür keine Möglichkeit gab, wurde sofort klar gestellt. Er übernahm das Publikum gleich zu Beginn kurzerhand als Belegschaft einer Textilfabrik, in der  sich Nora Helmer jetzt als Textilarbeiterin Nora nach der Ehetortur mit dem egoistischen, allein auf seine Karriere fixierten, aufstiegsgeilen Torvald anschickte, sich selbst erstmals als Individuum zu entdecken: Das Wichtigste ist, dass ich ein Mensch werde; in der Intention  Jelineks eine Persönlichkeitsentwicklungsreise vom Objekt zum Subjekt. Dass sie dabei aber ihre Nora-Identität nicht wirklich los wird, vielleicht aufgrund der gesellschaftlichen Umstände auch nicht los werden kann, ist die ungeschönte Essenz der Gegenwart, die die Inszenierung konstatiert.  Das Publikum wird im Verlauf der anschließenden zwei Theaterstunden zum Beleg dafür, dass es selbst jederzeit diese Belegschaft sein könnte.

Der Textilkönig Konsul Fritz Weygang (Michael Abendroth – wie alle Schauspieler und Schauspielerinnen in Ibsen-Jelinek-Doppelrollen – spielte ihn als (be)rechnenden Chef, der genau weiß, was er will: Profit- und Geldvermehrung) begriff die Situation als Motivations-Chance, der bevorstehenden Betriebsversammlung einen kulturellen Touch zu geben. Nora Helmer als Nora Helmer. Die Frage What comes after? schlug gleich einer Brandungswelle über sie zusammen. Es kam, wie es kommen musste.

In die Theater-Vergangenheit zurück gebeamt, beatmete Nora Nora, bis ihr buchstäblich Atem und Kraft ausgingen. Als verpupptes Liebesobbjekt eingesperrt in einem Waldvögelein-Puppenheim, das Pařízek als leeren Holzquader auf die Bühne gestellt hatte, gehetzt von Torvald Helmers Ich-Sätze – Ich verzeihe Dir! Ich verbiete es Dir! –, irrlichterte Noras Identität als grotesk verzerrt wie  Schattenbilder auf der Puppenheim-Gefängnis-Holzwand.

Rainer Galke, in seinem in manchen Szenen fast übergangslosen Wechsel vom sich vor allem um sich selbst sorgenden Ehemann Torvald, dem alle Selbstzweifel fremd sind, zum Personalchef in rüder, machohafter Selbstinszenierung, war in seinem Doppelspiel exemplarisch für ein exzellentes, spielfreudiges Nora3-Ensemble insgesamt.

Die in Solothurn geborene Sarah Hostettler polierte einerseits als Schweizerdeutsch sprechende Arbeiterin Eva die globale Glaskugel, die Pařízek mit seiner Inszenierung ins Rollen brachte, um als Frau Linde in dem Moment, wo es um alles ging, energetisch zupackend, zielbewusst die erotische Karte zu spielen – und als Schiffbrüchige das sinkende Schiff noch rechtzeitig mit Rechtsanwalt Krogstad alias Vorarbeiter Franz zu verlassen.

Begleitet und unterstützt von Till Wonka (sein sächsischer Geburts-Sprech in Kontrast und Ergänzung zu Hostettlers Sprachkolorit gab der Kugel einen weiteren Farbtupfer mit auf die Reise) in der Rolle des Vorarbeiters Franz – naiv fordernd, nörgelnd – brillierte er als Rechtsanwalt Krogstad mit einer bieder komischen,  nonchalant gespielten Coolness.

Dem stand Bettina Ernst (Arbeiterin Marie-Anne/Kinderfrau Anne-Marie) kaum nach. In ihrer an das Hunsrücker Idiom erinnernde Sprechweise in der Rolle der Arbeiterin vervollständigte sie in gewisser Weise die globale Perspektive des Stücks; wie es ebenso Reinsperger als Arbeitsbewerberin Nora mit Wiener Schmäh ihrer österreichischen Herkunft überzeugend tat.

Als Torwalds schmachtend verzweifelte Zurückhol-Versuche Nora! Nora!  sie schon nicht mehr in ihrem Fortgehen erreichten, applaudierte das Publikum lauthals; offenbar in der Annahme, dass Stück wäre zu Ende. Aber die Betriebsfeier war noch nicht zu Ende. Die Saaltüren öffneten sich  und es wurden Brezeln, Bier und Hütchen ausgegeben. Wie weiland das retardierende Moment im klassischen Drama den Höhepunkt ankündigte, bis dahin aber noch ein bedeutungsschwerer Schlenker zu vollziehen war, unterlief Jelinek mit ihrem Kommentar Nach Nora (Uraufführung in Düsseldorf!) die Betriebs-Party nachhaltig. Die Brezel in der Hand, das Bier in der Kehle, das Hütchen auf dem Kopf erfuhr die Feststellung Nehmen, was man kriegt!, die vor Vorstellungsbeginn jemand im Parkett als Antwort auf einen nicht näher zu erkennenden Gesprächsinhalt gegenüber seinem Nachbarn machte, eine Reflexionsdichte, als wäre sie dramaturgisch beabsichtigt. Jelineks Textcollage ließ nicht nur die Kehle trocken werden, das Lachen im Halse steckenbleiben: Menschen sterben sowieso. Nur eben jeder irgendwie anders. Wir können es nicht verhindern.

Ein Theaterabend kann die Ungerechtigkeiten der Schicksalsgemeinschaft der Menschen auf diesem Planeten nicht verändern. Momente, eigenes Handeln und seine Folgen zu überdenken, das kann eine Aufführung im besten der Fälle allerdings schon erreichen.  Nora3  ist eine solche.

18.01.14

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Über Peter E. Rytz Review

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