Der Jazz-Weckruf Hey JOE hat auch im 18.Jahr in Essen wieder gewirkt

© Peter E. Rytz  2014

© Peter E. Rytz 2014

Hey JOE, du bist schon älter als der, mit dem Du schon mal verwechselt werden kannst. So oder so ähnlich mag mancher Jazzfan am letzten Wochenende in Essen nachdenklich geworden sein. 18 Jahre JOE – Festival Essen, länger als es Hey-Joe-Jimi-Hendrix vergönnt war, eine so lange musikalische Lebensspur auszulegen. Gelebte Jazz-Jahre, die auch die JOE-Familie, altersmäßig betrachtet, nicht jünger werden lassen. Die Begeisterungsfähigkeit ist dagegen ungebrochen vital. Aus der Perspektive unserer schnelllebigen – und dabei ebenso schnell vergänglichen – Medienwelt betrachtet, ist es deshalb mehr als bemerkenswert, was ehrenamtlicher Jazz-Enthusiasmus nicht nur auf die Beinen stellen kann, sondern es ihm gelingt, das einmal Hingestellte am Laufen zu halten.

Die Jazz Offensive Essen e.V. ist inzwischen im Jazz-Festival-Kalender im Januar eine feste Kulturgröße im Ruhrgebiet. Das davon ausgehende Wir-Gefühl ist im Katakomben Theater im Girardethaus  auch dann unmittelbar spürbar, wenn, wie in diesem Jahr der Donnerstag als Festivalbeginn ausprobierte wurde, und nur wenige Zuhörer kamen. Aber gerade da wurde eine fast familiär intime Vertrautheit  zwischen Publikum und Musikern mit dem ersten Gig von Roman Babik Wedding Urban Band lebendig. Pulsierende Beats frischer Modern Jazz affiner Kompositionen setzten einen musikalisch stimmigen Auftakt, der einige junge Frauen sogar zu Tanzeinlagen vor der Bühne animierte. Von Null mitten ins musikalische Erfrischungsbecken, das schafft nicht jedes Festival.

Dass das so fast selbstverständlich passierte, hat sehr viel mit der authentischen Präsenz der Macher des Vereins zu tun. Der Trompeter John-Dennis Renken und Drummer Patrick Hengst halten als Vereinsspeerspitze mit eine für manche schon kultig verehrte, ruhrgebietslaunig unterhaltsame Moderation, die mit banal trivialem Allerweltsraunen und animierendem Blödel-Bla-Bla intellektuell aufgeblasenes Jazz-Kennertum-Gequatsche absichtsvoll unterläuft, den Katakomben-Festival-Laden zusammen. Manchmal allerdings verirrten sie sich geradewegs in eine Off-Abseitsfalle, wo nichts mehr zu hören war.

Aber wie das in einer Familie ebenso ist. Nicht alles passt immer und überall harmonisch zusammen.  Musik ist da immer ein gutes Regelungsventil. Man kann gehen, ein Bier trinken, alten Zeiten nachsinnen – und wieder zurückkommen. Mit solchen Wellenbewegungen, mit solchen Auf und Abs spülten auch die Konzertabende beim 18.JOE Festival neben Super-Jazz-Surf-Wellen zwar auch manche Treibsandbänke in die Theater-Katakomben, aber der Notdienst für Jazz-Schiffbrüchige musste nicht alarmiert werden.

Andreas Kalings hatte in seinem Bass-Saxophon-Soloprogramm noch Luft genug, dass er trotz der durch schweißtreibende Zirkularatmung, die dem imposanten Instrumente  Töne zwischen brachialer Wucht und lyrischer Zartheit entlockten, um Ernst Jandls Gedicht Fünfter sein musikalisch einzufügen. Fünfter sein, irgendwie auch eine sympathische Bezeichnung für das JOE-Festival. Die Variationen der Textzeile tür auf, einer raus, eines rein, vierter sein, brachte die Stimmung des Festivals gleichzeitig noch auf den Punkt.

Dabei hatten alarmistisch gestimmte Schönheitsverschwendungen wie bei What A Waste of Beauty, insbesondere in Person ihres Frontmanns, des Saxofonisten Florian Walter etwas von dem, was man als überflüssige Zeitverschwendung bezeichnen kann. Ihnen nicht nach in zwar lautmächtiger, nichtsdestoweniger affektierter Aufgeblasenheit stand Christians Lillingers Grund. Unterm Strich war nicht mehr zu hören, als ein soundsovielter, mit bedeutungsvoller Gestik hoch gejazzter Improvisationsaufguss.

Wie freie Improvisationen auch noch nach jahrzehntelangem Zusammenspiel sich immer wieder neu erfinden kann, zeigte das Schlippenbach Trio. Alexander von Schlippenbach (p), Evan Parker (sax) und Paul Lovens (dr) prägen seit mehr als 40 Jahren den Free Jazz mit unverminderter geister Frische, die angesichts des Alters der Jazz-Granden einfach nur beeindrucken kann.

Es spricht viel für ein Festival, dem es gelingt, Leerstellen und Tretminen sowie Leuchtfeuer und Lagerfeuer in einem Cocktail so zu mixen, dass ein gewöhnungsbedürftiger, weil mit zu vielen Aromaten angereichert, aber auf Dauer angenehm erfrischender Geschmack übrig bleibt. Zu einen echten JOE-Renken-Hengst-Cocktail gehören deshalb auch Musiken, die Jazz als Schubladen-Kategorie bewusst ignorieren. Ob die Melancholie, die Traumverlorenheit von Kokotob (Niko Meinhold, p; Taiko Saito, marimba, vibraphone; Tobias Schirmer , b-cl) oder die nachdenklichen Songs der Sängerin Imke Johanne Spöring (ausgewogen kommentiert und  begleitet von Tarik Dosdogru am Vibraphone und von Jan Bierter, git) bis zu den explosiven Lyrismen des Melt Trios, die von den kraftvollen Dubs des Drummers Andi Haberl vorwärts getrieben wurden, sie alle versetzten das Katakomben Theater in einen weiten Klangraum. Und manchmal brannte sogar die Hütte, wenn Max Andrzewskis Hütte loslegte, um sich dem Jazz-Sturm entgegen zu stemmen. Ein brandneues Jahr mit Hey JOE. So kann es für den Rest des Jahres weitergehen.

 photo sstreaming 18.JOE Festival

20.01.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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