Bleibe einfach Du selbst! meint Andy Warhol – Andy Warhol-Pop Artist in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

 

Wie sich die Zeiten ändern. Während Andy Warhol sich in den 1960ger Jahr mit seiner Kunst aus dem Fundus öffentlicher Bilder und Kunstwerke bediente und die Kopie symbolisch als Allgemeingut behandelte, werden heute in Zeiten von Paste & Copy nicht nur wissenschaftliche Arbeiten generell unter Kopierverdacht misstrauisch beargwöhnt. Auch Kunstwerke haben sich jenseits von Fälschungen immer schon dem Verdacht ausgesetzt gesehen, sich von anderen Arbeiten nicht nur inspiriert zu haben, sondern sie unverhohlen zu zitieren. Zitat und Kopie sind sich als inhaltliche Zuschreibungen zwar ähnlich, werden aber durchaus widersprüchlich bewertet.  Andy Warhol inszeniert mit seiner Kunst ein bewusstes Verwirrspiel. Was ist Allgemeingut, was ist Kunst?

Das heute beispielsweiseauf das Fotografiertwerden von Betrachter und Kunstwerk während des Presserundgangs, wie neulich bei der Ausstellungseröffnung Andy Warhol – Pop Artist in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen (19.Januar bis 18.Mai 2014), von einzelnen energisch und unmissverständlich auffordernd Sofort löschen! reagiert wird, konterkariert auf eine merkwürdige Art die Ausstellung selbst. Angesichts massenhafter, fast vollständiger Video-Überwachung nicht nur des öffentlichen sondern auch des privaten Raums, wirkt die massive Berufung auf das Recht am eigenen Bild angesichts der Warhol-Perspektive, Alltag und Kunst als eine Einheit zu verstehen (und zu leben!), geradezu grotesk. Es ist auf diesem Hintergrund schwer nachzuvollziehen, wie und mit welcher Haltung die Ausstellung Andy Warhol – Pop Artist rezipiert und reflektiert wird, die sich nicht nur in der Attitüde des distanzierten Betrachtens selbst genügt – und sich dabei selbst betrügt. Zumindest wird dann das vollzogen, dem Warhol sich mit seiner Kunst bewusst widersetzte, dass Leben mit allen Facetten Kunst ist. Selbst Geldverdienen wird kurzerhand so zur Kunst. Geschäfte machen, ist die beste Kunst.

Dafür hat Warhol schon in den 1950ger Jahren den Siebdruck als ideale Vervielfältigungsform für sich entdeckt. Nicht die eigene künstlerische Handschrift wurde zum Markenzeichen, sondern die von vielen in der Factory in Gemeinschaftsarbeit produzierten Blätter, Plakate, Objekte und Filme.

In Warhols frühen Zeichnungen experimentierte er mit variablen Konturen der Linie. Sie sind Vorstufen einer Lineatur, die als blotted line seinem Werk den Stempel aufdrückte. Stempel als Werkzeugform, die die Idee der Wiederholung partieller oder ganzer Motive idealerweise ermöglichte. Das Abbild eines Abbild als sogenannter Abklatsch manifestierte sein Verständnis von einem Kunstwerk, die eigene Handschrift zu überspielen, sie zurück zu nehmen: Der vervielfältigbare Druck wurde zum Original.

Die junge Kuratorin Meike Allekotte nimmt diese Warhol-Disposition zum Ausgangspunkt ihrer feinsinnigen Reflexion über den Mythos Pop Artist Andy Warhol. Die sich mit jeder Warhol-Ausstellung stellende Frage: Wieso noch ein Warhol-Ausstellung? wird auf eine subtil hintergründige Wegbeschreibung als vom Bekannten zum eher Unbekannten in Warhols Werk umgeleitet. Der Weg durch die Ausstellung hat etwas von dem, als würde man in einem Buch blättern, aus dem sich einzelne Blätter lösten und einem vor die Füße fallen würden. Siebdruck für Siebdruck von Cow (1966), Marilyn Monroe (1967) oder Jackie II (1966) hat das kollektiven Gedächtnisses geprägt. Je länger man durch die Ausstellung geht, umso mehr stellt sich der Effekt ein, als würde das Bekannte neu wahrgenommen, so wie das, was im (Gedächtnis)Sieb hängen bleibt, neu sortiert werden muss.

Gleichzeitig zeichnet Allekotte die Bruchlinie in Warhols Arbeit nach dem Mordanschlag auf ihn durch die Factory-Schauspielerin Valerie Solanas 1968 in der Ausstellung mit akzentuiertem, aber nicht vordergründigem Gespür für den neuen Warhol. Die Narben der Notoperationen, die seinen Körper danach in eine körpereigene Lineatur verwandelt haben, werden zu ikonografischen Zeichen und Abbilder für den Künstler Warhol in, wie er es selbst ausdrückte, seinem zweiten, von Gott geschenkten Leben. Sie sind der Motor für seine Kunst. Der Todesengel wird ihn fortan nicht mehr verlassen. Die Offenheit der Factory ist Geschichte; aber die Warhol-Leben-Kunst-Geschichte geht weiter: Leben ist eine bloße Abfolge von Bildern, die sich wiederholen. Sein Bekenntnis Es ist toll, sich zu wiederholen! wurde ab jetzt das absolute Maß aller Kunst-Dinge.

Dass Leben ein Traum ist oder anders ausgedrückt, Leben Fernsehen, Fernsehen Leben ist, das hat ihn um- und angetrieben; ihn aber auch irrritiert. Bleibe einfach Du selbst! Wenn auch seine auf diesem Hintergrund optimistisch hehre  Überzeugung Jeder kann für fünf Minuten ein Star sein!, fast naiv klingt, nichts von den exhibitionistischen Selbstentblößungen, respektive Dschungelcamp-Selbstentblödungen ahnend, heute eher in skeptischer Distanz gehört wird, ist sie ein Schlüssel zu seinem vielfältigen (Vervielfältigungs)Werk.

In The last Supper von 1986 kann man Andy Warhol als Pop Artist mit am Tisch sitzen sehen – und vom Leben Abschied nehmen. Vorausgesetzt, man schaut aufmerksam hin. Aber das sollte bei dieser Ausstellung sowieso nicht schwer fallen.

photo streaming Andy Warhol – Pop Artist

22.01.14

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Über Peter E. Rytz Review

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