Ein Raunen im Düsseldorfer Schauspielhaus: Peer Gynt, geh außen rum!

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Im Museum begegnet man immer der Vergangenheit. Auch die ausgestellten Arbeiten in einem Kunstmuseum bezeugen Vergangenheit. Allerdings, und das ist das Besondere, sind in künstlerischen Arbeiten Gegenwart und Zukunft antizipiert. Zumindest im besten der Fälle, nämlich genau dann, wenn man mit jedem neuen Blick auf eine bekannte Arbeit immer wieder Neues entdeckt. Kunstausstellungen erzählen Geschichten in Bildern, Skulpturen, Assemblagen oder konzeptionellen Dispositionen im Raum. Nicht unbedingt in realistischer Abbildern – oder was man landläufig dafür hält; sondern auch in abstrakten, surrealen oder dekonstruktiven Bildangeboten erzählen sie von Wirklichkeiten. Wirklichkeiten, gesehen aus ungewöhnlichen, verrückten Perspektive, die in ihrer Ver-Rückheit verrückt machen können. Vielleicht absichtsvoll auch wollen und sollen. Wirklichkeiten hinter der Wirklichkeit sichtbar zu machen.

In der skandinavisch inspirierten, gleichzetig biografisch legitimierten Inszenierung von Henrik Ibsens Peer Gynt am Düsseldorfer Schauspielhaus schickt der Regisseur Staffan Valdemar Holm Olaf Johannessen als Gynt  mehr als drei Stunden durch eine Fotografie-Ausstellung. Zwischen Fotografien von Ausdruckstanz in der freien Natur, von düsteren Waldidyllen, von Körperdetails, von Schiffen auf stürmischer See oder von Rohrverbindungen bis zu einer Tafel abseits eines amerikanischen Highways mit dem Hinweis Go back, you are going wrong way!, bewegt sich Gynt durch seine eigene Geschichte. Und begegnet sich in den ihn umstellenden Fotografien selbst mit denjenigen, die für eine bestimmte Zeit mit ihm waren. Häufig von ihm benutzt und instrumentalisiert, seiner ego-zentrierten Lebensgier zu (be)dienen.

Szene für Szene werden die musealen Fotowände wie auf einer Zeitebene verschoben.  Sie sind die bebilderte Folie für seinen rücksichtslosen, jede soziale Verantwortung scheuenden Ausstieg aus dem Alltag. Wie in einem Perpetuum mobile verliert sich Gynt  immer mehr in enthemmender Selbstüberschätzung in Kaiser-König-Unternehmer- Phantasien. Begleitet und getrieben von einer manisch triebhaften Jagd nach dem nächsten Lustobjekt. Lebenskraft gleich Potenzkraft, eine Gleichung, die auf Dauer nicht aufgehen kann. Als schließlich eine muslimische Frau in der Rolle einer Verführerin unter der Burka ihre nackten, gespreizten Schenkel Gynt zeigt und sie ihm einladend öffnet, aber im nächsten Moment wieder verhüllt, zerschellt sein Potenz-Popanz wie ein steuerloses Wrack an einem Riff.

Von jetzt an wendet sich der Schein-Aufstieg zu einem Sein-Abstieg in die Niederungen seines Selbst. Gynt wird langsam klar, dass Lügen Lügen bleiben; sie ihn in seinem Selbstbetrug einholen. Erkennend, dass auch sein Leben endlich ist. Und so gehen Gynts Kaiserreich-Phantasmagorien von einer Stadt Peeropolis und einem Land Gyntiana unter, bevor sie überhaupt zu existieren begonnen haben.

Dass auch eine Lebenslüge nur bis zu einem  bestimmten Haltbarkeitsdatum ihre (Schein)Frische erhalten kann, bevor sie ungenießbar wird, hatte ihm schon seine Mutter entlarvt. Aber wer hört schon noch auf seine Mutter, wenn er sich jungmännlich in Saft und Kraft der vollen Manneskraft wähnt. Ein Typ wie der Phantast Gynt jedenfalls nicht. Die bis zum Break-even-Point verhallte Aufforderung der Chöre der Mädchen und Bürger (den Chor in der griechischen Tragödie antizipierend) Geh‘ außen rum!, bringt ihn nach dem vergeblich angestrebten Pakt mit dem Teufel letztendlich dazu sich zu befragen: Wer bin ich? Was treibt mich? Was ist das Selbst-sein? Die triviale, in der Küche täglich zu machende Erfahrung, dass man, um an den Kern der Zwiebel zu kommen, Schicht für Schicht freilegen muss, beschreibt, um was es dabei geht.

Olaf Johannessen spielte diesen vielfältigen Charakter Gynt an diesem Montag im Januar 2014 nun wahrlich nicht in einem lakonisch nachsichtig gestimmten Augenzwinkern: Na ja, blauer Montag. Viel mehr zeigte er eine beeindruckende schauspielerische Wandlungsfähigkeit in Gestik, Mimik und Sprachkultur, die diesen gebrochenen Gynt eine atemberaubende Authentizität gab, als ginge es in dieser Vorstelllung um einen Wettbewerbspreis. Das sei an dieser Stelle ausdrücklich mit Respekt angesichts dieser Mammutrolle vermerkt, da das wie im richtigen Leben, was (als Berufsauffassung) selbstverständlich sein sollte, es aber auch im Theater nicht immer so ist.

Staffan Valdemar Holm lässt den Singulär Gynt auf seiner Fixen-Ideen-Reise Menschen in den sich ständig verschiebenden Museumswänden so begegnen, als würden sie aus der gespielten Szene in die Fotografien transformiert: Verschobene Wahrnehmungsperspektiven.  Als Bildersammlung funktionieren sie in der Inszenierung von Holm wie ein kulturelles Gedächtnis; aus skandinavischer Sicht mit europäischer Dimension gespiegelt. Die Umbrüche in der Mitte des 19.Jahrhunderts, die tradierte gesellschaftliche Verlässlichkeiten obsolet werden ließen, gab Hendrik Ibsen in der Person des Peer Gynt typologisch Ausdruck. Hoffnungen und Heilsversprechen aller Art, wie die vom Tellerwäscher zum Millionär oder wie bei Gynt mit Trollen-Trotz zum Kaiser, geboren und getragen von einem unbedingten Glauben an den technischen Fortschritt, gepaart mit weit überschätzten eigenen Fähigkeiten, enden nicht selten in einem Fiasko. Das Angebot des Knopfgießers, aus Knopf für Knopf mit vielen Löchern Neues aus dem Eingeschmolzenen zu verfertigen, kann Gynt nur als eine wahnsinnige Idee erscheinen.

Auch Solveig (Anna Kubin spielte sie als eher verängstige, schüchterne Frau ohne Selbstbewusstsein; bis auf die Schlussszene, wo sie im Ringen mit Gynt als ebenbürtige Partnerin von Johannessen pantomimisch und darstellerisch sehr überzeugte), die einzige Frau, die während seiner langen Abwesenheit auch nach der Rückkehr (in den Schoß der Heimat, die es aber so nicht mehr gab) zu ihm in Glaube, Liebe, Hoffnung hielt, konnte ihn in seinen Untergang nicht aufhalten. Endstation! Rein ne va pluis!

Staffan Valdemar Holm mephistophelische Pointe der Inszenierung hatte am Ende sichtbar auch Teile des Publikums verstört. Ibsens dichterisches Selbstverständnis Mein Amt ist fragen, nicht Bescheid zu geben konnte dieses Dilemma nicht auflösen. Holm, der inzwischen zurückgetretene Intendant und so selbst unterwegs ist, gibt den untröstlich Fragenden mit Dream Baby, dream, der schwedischen Hip-Hop-Sängerin  Neneh Cherry ein Hauch von Hoffnung mit auf den Nachhauseweg.

31.01.14

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Über Peter E. Rytz Review

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