Dolce vita mit Moliere – Der Menschenfeind am Schauspiel Frankfurt

© Schauspiel Frankfurt

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Im Schauspiel Frankfurt diesmal ganz intim.  Betritt man durch meterhohe Türen den Zuschauerraum hat der an Herrschaftsarchitektur gemahnende Zuschauerraum etwas Erhabenes und Bedrückendes zugleich. Die schiere Größe kann so beeindrucken, dass man sich wie in einer Kathedrale klein und unbedeutend fühlen kann.

Normalerweise. Nicht so bei Der Menschenfeind in der Inszenierung von Günter Krämer. Den Schauplatz: Paris, in Célimènes Haus – so lautet die ursprüngliche Spielvorgabe von Jean Baptiste Molière – hat Jürgen Bäckmann (Bühne) als Theke einer Bar aufgebaut. Unmittelbar an den Bühnenrand mobil platziert, schafft sie eine fast übergangslose Fortsetzung in den Zuschauerraum. Spiel und Zuschauen sind nur minimal voneinander getrennt. Auch wenn die Theke an den Seitenrad verschoben wird, um auf der Drehbühne Platz zu schaffen, um scheinbar konsistente, festgefügte Ordnungs- und Verhaltensnormen  als moralinsaure Attitüden ins Schleudern zu bringen, bleibt das Spielband zwischen Bühne und Publikum unter Spannung.

Irgendwann sitzt eben jene Hausdame Célimène (Franziska Junge) auf dem Schoß eines Mannes in der ersten Reihe. Ob spontan gespielt oder inszeniert, egal. Verliert sich schon allein durch diese Spielanordnung eine kathedrale Distanz, so zeigt der Text eine fast unwirkliche,  zeitgeistige Aktualität. Selbst die Versformen des Molière-Textes in ihren alliterativen Wechsel von Paar-, Kreuz- und sogenannten umarmenden Reimen tragen zu einer plastischen Akzentuierung der Inszenierung bei.

Wenn der Verseschmied Oront (Martin Rentzsch) den Alceste (Wolfgang Michael) insistierend fragt: Sie finden also mein Sonett nicht gut? und dieser, der als Misanthrop nicht so wie gewöhnlich viele denken – und mit ihrer wahren Meinung (aus Takt, aus Angst?) hinter dem Berg halten -, antwortet: Das sag‘ ich nicht. Doch jenem macht‘ ich klar, dass grad in unsrer Zeit die Schreibewut schon vielen wackren Leuten schädlich war, so fühlt man sich an die von Sensationswut getriebene Journaille von vorhin erinnert, die man gerade gelesen hat. Frei nach dem Motto: Was gestern in der Zeitung stand, ist heute schon lange wieder vergessen.

Krämers Inszenierung sucht – und findet – die Gegenwart in diesem mehr als 300 Jahre alten Text. Unterwegs auf diesem Weg begegnet man Moliere als Vorläufer von Viscontis Dolce Vita. So wenn Krämer Nebenrollen aus Der Menschenfeind als Chor geiler Jungmannen aus den Banken-Wolkenkratzer von nebenan auftreten lässt.  Oder Szenen mit Licht-Schatten-Perspektiven beleuchtet, die an Bilder von Edward Hopper erinnern, als Arsinoë (Claude de Memo) mit Alceste in ein amerikanisch anmutenden Straßenkreutzer zur Pause abfährt: Türschlag, Licht aus.

Mit der Bitte um eine ehrliche Meinung zu Orontes vorgetragenem Sonett begann letztlich ein Schlagabtausch der Meinungen. Wieweit sollte und darf man immer der Wahrheit auf der Spur sein, ohne sich im Dickicht der eigene Ansprüche zu verlieren?  Vor allem wenn Eifersucht die Phantasie beflügelt, wird die Ziellinie Wahrheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit verpasst. Das Leben ist, wie man weiß, kein Streichelzoo. Auch (Liebes)Wünsche und Träume werden durch unbedingte Verfolgung eines leeren Wahrhaftigkeitsanspruchs nicht in Erfüllung gehen: Sweet dreams are made of this, who am I to disagree. I travelled the world and the seven seas, everybody’s looking for something. Der Eurythmics-Songtext als rhythmische Aufforderung, angestimmt, gesungen,  getanzt vom Männerchor, zieht sich wie ein roter Song-Line-Faden durch die Inszenierung.

In diesem Kosmos von altertümlichen Versreimen, dramaturgischen Zitaten der Kunstgeschichte (Film, Malerei, Pop) und partieller Aufhebung der Grenzlinie zwischen Bühnenspiel und Zuschauerdistanz ist in Frankfurt eine spielfreudige Inszenierung zu sehen, die im Heute zentriert ist.

Wolfgang Michael verfügt über eine variable sprachliche und gestisch mimische Bühnenpräsenz, die Alceste als einen Zerrissenen seines Selbst überzeugend Gestalt gibt. Der sieht genauso aus wie Siegfried aus dem Dschungelcamp, kommentierte in der Pause einer aus der Gruppe der Ü 25, die einen Großteil des Publikums ausmachte, den Typ Alceste. Eine Einzelstimme aus dem Milieu, die,  mediensozialisiert mit der Muttermilch, die Welt anders wahrnehmen, als diejenigen, die Der Menschenfeind auf die Bühne gebracht haben.

Reflexionshintergründe zu evozieren, ohne sie absichtsvoll inszenatorisch vollständig zu planen, sondern ihnen Raum zu geben, sich zu artikulieren, ist Theater heute, wie es nur sein kann und sollte, wenn es überwältigen möchte. Überwältigen des vorschnell sich forsch als abgeklärt Gebenden und dabei als hot spot Theater cool zu bleiben. Ein Wegangebot für schwere und leichte Zeiten ohne misanthropische Verklärung.

Mit Alceste‘ letzten Worten Nicht auszudenken, alle Menschen wären gut. Ach, stecken Sie sich doch ihre Sprüche an den Hut!, zu Célimène gesprochen, aber wie eine Weisheit zu hören, Sweet dreams noch im Ohr, das Theater verlassend, pfiff der Wind über den Theatervorplatz und es schien für einen Moment, als wollte er das riesige €-Signet verblasen: I travelled the world and the seven seas, everybody’s looking for something

15.02.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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