Gegensätze als kreatives Kraftfeld – Karl Lagerfeld: Parallele Gegensätze im Museum Folkwang Essen

© Peter E. Rytz 2014

© Peter E. Rytz 2014

Es ist Karl-Lagerfeld-Zeit in Deutschland. Seit Freitag, 14.Februar 2014 ist im Museum Folkwang Essen die Ausstellung Karl Lagerfeld. Parallele Gegensätze: Fotografie –   Buchkunst – Mode zu sehen. Eine Woche später eröffnet die Kunsthalle in seiner Geburtsstadt Hamburg mit Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models eine weitere Perspektive seines staunenswerten, kreativen Schaffens. Vergleicht man die Ausstellungsprogrammatik der beiden Ausstellungen, ergibt sich eine höchst interessante Konstellation.

Die Sammlungsgeschichte des Museum Folkwang, die mit dem sogenannten Hagener Impuls von  Karl Ernst Osthaus in den 1920ger Jahre ihren Ausgangspunkt mit Textilkunst hatte, Kunst in Handel und Gewerbe zu fördern, zeichnet eine für manche sicher überraschende Linie zwischen Osthaus‘ Idee und Lagerfelds Werk.

Des weiteren verfügt das Museum über eine reichhaltige Plakat-Sammlung, wie auch Lagerfeld seit Jahrzehnten Plakate sammelt. In der Essener Ausstellung sind Lagerfelds Arbeiten wie in einem Panorama zu besichtigen. Raum für Raum öffnen sich Türen, durch die man ein Blick in seine Malerei-, Textil-, Produktdesign-, Fotografie- und Bücher-Werkstätten werfen kann.

Dabei kann man im Raum Wie gemalt eine bemerkenswerte Entdeckung machen.  Hier sind Ektachrome aus der Serie Hommage á Feuerbach (1988) zu sehen, die in der Hamburger Ausstellung mit Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models speziell thematisiert werden. So gesehen, werden in Essen schon indirekt Teilaspekte der Hamburger Ausstellung antizipiert. Ein doppelter Gewinn für alle, die sich eine Lagerfeld-Woche gönnen.

Lagerfeld himself in Essen hatte einen riesigen Medienauflauf zur Folge. Security unter logistischer Hochspannung wie sonst nur für höchste politische Mandatsträger – und für Pop Artisten. Damit bestätigend: Lagerfeld ist Pop Artist. Allerdings ein Singulär ohne Konkurrenz. Keiner von denen, die wie eine Sternschnuppe kurz am Firmament der öffentlichen Wahrnehmung leuchten und im nächsten Moment schon wieder verglüht sind. Sein Stern strahlt und umstrahlt seit Jahrzehnten das, was er macht. Sein Leben ein work in progress: Grenzenlos, grenzüberschreitend, allumfassend. Mithin ein Gesamtkunstwerk, das nicht kategorial nach Mode, Design, Fotografie, Zeichnung oder Malerei rubriziert werden kann. Es ist immer alles in einem.

Deshalb ist es auch aussichtslos, Lagerfeld allein als Person habhaft werden zu wollen. Der Mensch Lagerfeld und die Selbstinszenierung Lagerfeld  – weiß gepuderten Haarzopf, Sonnenbrille, halboffene Autofahrer-Handschuhen, Vatermörder-Hemdkragen, schwarzer Designer-Anzug – bilden inzwischen eine kunst-symbiotische Einheit, die nicht in ihren Einzelteilen zu reduzieren ist. Lagerfeld ist ein Gesamtkunstwerk, eine seltene Einheit von Person und Werk.

So begegnet man Lagerfeld in jeder ausgestellten Arbeit bedingungslos selbst – und gleichzeitig immer wieder überraschend anders gleich. Er, der in der Pressekonferenz von sich behauptete,  Ich bin kein Künstler. Ich handle nicht autoprädikativ, erschafft mit jeder seiner so unterschiedlichen Arbeiten einen Wahrnehmungskosmos, der sich selbst erklärt. Von Erklärungen hält Lagerfeld grundsätzlich nichts. Er verweist dabei gern auf ein Zitat von Voltaire: Alle Dinge, die eine Erklärung nötig haben, taugen nichts.

Geht man so gewappnet durch die Ausstellungen, fallen einem die Lagerfeld-Preziosen vor die Füße. Um in diesem Kunst-Kosmos die Orientierung zu wahren, Wahrnehmungsperspektiven und Blickachsen in ein eigenes Koordinatensystem einzuordnen, kulturelle Hintergründe zu erkennen und sich nicht von seinem Bilder-Universum überwältigen zu lassen, ist es unbedingt ratsam, ausgeschlafen und hellwach in die Ausstellung zu gehen. Man besten mehrmals. Um, wie es der Direktor des Museum Folkwang Tobia Bezzola im Vorwort des Ausstellungskatalog formulierte, den panoptischen Reigen seiner ungestümen kreativen Energie gewachsen zu sein, braucht der Ausstellungsbesucher einen eigenen Energie-Vorrat.

Denn der Rummel um die Person LagerfeldIch bin das Opfer meiner selbst, bekannte Lagerfeld in der Pressekonferenz augenzwinkernd – hat inzwischen ein Selbstdynamik in der Öffentlichkeit erreicht, die in staunender Verehrung Augen verkleistern und Münder das Atmen vergessen lassen können. Dass da schon vor dem Rundgang manchem die Puste ausgehen kann, liegt auf der Hand. Keine gute Voraussetzungen, um sich selbst in der Lagerfeld-Welt zu begegnen. Aber in Karl Lagerfeld. Parallele Gegensätze werden Parallelen offenbar, die man in die eigene Lebenspraxis ziehen kann. Und man erlebt, dass Gegensätze Synergien schaffen können.

photo streaming Karl Lagerfeld (in the exhibition)

16.02.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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