Verdi sagt: Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ein geborener Tor. Warner inszeniert: Falstaff an der Oper Frankfurt

©  Oper Frankfurt

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Schon die Stehplätze bei der Einführung waren knapp. Im Opernsaal blieb dann kein Platz frei. Volles Haus in der Oper Frankfurt in der zweiten Vorstellung nach der Premiere vor wenigen Tage mit Falstaff, der letzten Oper von Giuseppe Verdi. Konnte der langjährige Dramaturg des Opernhauses Norbert Abels seine Begeisterung über die Inszenierung von Keith Warner in der Einführung kaum zügeln – Ich habe in den letzten 25 Jahren drei Falstaff-Inszenierungen dramaturgisch begleitet; diese ist die schönste! -, stimmte ihm das Publikum knapp drei Stunden später mit dem Schlussapplaus begeistert zu.

Falstaff  eine Commedia lirica, eine komische Oper, an die sich Verdi 50 Jahren nach Un giorno di regno, einer Komposition, die nicht wirklich überzeugen konnte und  mehr oder weniger vergessen ist, noch einmal heran wagte. Er hatte lange gezögert, weil ihm wohl klar war, dass es einer wahrscheinlich letzten Kraftanstrengung bedurfte, um sich noch einmal in die Annalen der Musikgeschichte und der Opernpraxis nachhaltig einzuschreiben. Arrigo Boito, der ihm als Librettist vor allem für seine Shakespeare-Vertonungen (Macbeth, Otello) die Texte geschrieben hatte, packte Verdi bei seiner Ehre: Es gibt nur einen Weg, noch besser als mit Otello zu enden: den glorreichen Abschluss mit Falstaff!

Falstaff würde mit diesen Vorzeichen keine normale Oper werden. Dass Boito-Diktum wies den Weg zu einem musikalischen Vermächtnis mit Shakespeare als Gewährsmann. Und gleichzeitig wurde mit Falstaff aber auch ein Abschied der italienischen Oper des 19.Jahrhunderts eingeläutet.

Keith Warners setzt diese Abschieds- und Wendesituation mit dem C-Dur-Auftakt fulminant in Szene. Schon mit dem ersten Takt war das Frankfurter Opern- und Museumsorchester hellwach, von Bertrand de Billy von Anfang bis Ende mit feinsinnigem Gespür für die Akzente der Partitur geführt.

Der Tenor Hans-Jürgen Lazar als Dr.Cajus schwebt – auf einer Kugel (Abrissbirne?) sitzend – spektakulär auf die Bühne, durchbricht dabei die Wand des Gasthauses und stellt Falstaff zur Rede. Es ist, als mischte ein frischer Wind die alte Wirtshausseligkeit auf. Der reitende Bote der Neuzeit trifft auf einen Falstaff, der prototypisch den vom französischen Philosophen Paul Virilio so bezeichneten rasenden Stillstand verkörpert.

Mit dem ersten Bild ist somit der Akzent der Inszenierung gesetzt. Warner sticht wie mit Akupunkturnadeln in die Oberflächen von Organismen, die sich gesund wähnen aber ihren von krankhafter Eitelkeit besetzten (Lebens)Grund nicht sehen wollen – oder auch können. Das, was unter der Oberfläche Schmerzen, respektive Nicht-Verstehen-Können  verursacht, wird mit der Inszenierung ans Licht gebracht. Am Ende, wenn fast alle die Gefoppten sind, singt der Chor (Einstudierung: Markus Ehmann) Verdis altersmilde gestimmte Weltabschiedssicht: Tutto nel mondo è burla (Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ein geborener Tor; und glauben wir weise zu werden, sind dümmer wir als zuvor).

Bis sich diese allzu menschliche Erkenntnis Bahn bricht, muss vor allem Falstaff einen weiten Weg gehen. Zeljko Lučić ist ein rasant brillanter Falstaff. Ein, wie er im Magazin der Oper Frankfurt frank und frei bekannte, überzeugter – und wie sein Frankfurter Falstaff eindrucksvoll zeigt – auch ein überzeugender Verdi-Bariton. Lučić ist nicht nur ein Sänger mit einer hohen Gesangskultur, dem das typische Verdi-Melos wie in seine Stimme hinein geboren scheint. Er ist auch ein komödiantischer Schauspieler. Selbst noch nach der anstrengenden Falstaff-Partie ließ er beim Schlussapplaus seinem Schalk freien Lauf. Mit Aufmerksamkeit einfordernd erhobenem Zeigefinger machte er über seinen dicken Theaterbauch eine sportlich einwandfreie Rumpfbeuge. Mit Zeljko Lucic steht jemand auf der Bühne, dem es ohne inszenierte Effekte gelingt, in der jeweiligen Rolle überzeugend authentisch zu sein. Manchmal stehen die, die mit ihm auf der Bühne sind, in der Gefahr, von seiner Bühnenpräsenz zu gedeckt zu werden. Wer ihn in der Zürcher Otello-Aufführung als Jago erlebt hat, konnte davon einen unnachahmlichen Eindruck gewinnen. Es gibt nicht wenige Musikwissenschaftler, die behaupten, dass  die Oper Otello eigentlich Jago heißen könnte oder sogar müsste. Mit Lučić` Zürcher Jago sähen sie sich sicher bestätigt.

Aber, und das zeichnet Lučić eben auch als Ensemble-Spieler aus (er war mehr als 10 Jahre Ensemble-Mitglied in Frankfurt bevor seine solistische Weltkarriere startete!), durch seine interpretatorische Balancefähigkeit bleibt trotzdem ausreichend Gestaltungsraum für die anderen Protagonisten in dieser komischen Oper. Von den insgesamt spielfreudigen und gesanglich ambitionierten Solisten überzeugte der Tenor Marin Mitterrutzner mit seinem Rollendebüt des Fenton besonders. Die Arie Dal labbro il canto sang er mit einfühlsamen, ganz beherrscht und selbstbewusst von seiner Liebe zu Nannetta getragenem Timbre. Grazia Doronzio (Sopran) kam als Nannetta erst nach und nach in Schwung, um auf der Zielgeraden atemlos zu bekennen: Sul fil d’un soffio etesio.

Für die Inszenierung hat sich Boris Kudlička eine mobile Holzkonstruktion ausgedacht, die bis zum vorletzten Bild den Flow der Dramaturgie unterstützt und entsprechend spielgerecht funktioniert. Für die Verwandlungsszene im 3.Akt werden die Holzgestelle zu einer Art Baumkronenweg arrangiert. Der Umbau bei offener Bühne dauert eine gefühlte Ewigkeit. Es ist eine Störung, eine irgendwie ärgerliche Unterbrechung, die sich so nicht als unbedingt dramaturgisch notwendig erschließt. Viel technischer Aufwand für wenig Effekt.

Am Ende viel Applaus, der auch zu Recht angesichts einer lebendigen Aufführung   manches dramaturgisch bemühte Zuviel überstrahlte. Mit Verdis Sentenz Tutto nel mondo è burla im Ohr war der Weg von der Oper Frankfurt bei Nieselregen zurück in den ganz gewöhnlichen Alltag nicht weit.

17.02.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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