Onkel Wanja im Schauspiel Stuttgart als neorealistische Liebeserklärung an Federico Fellini

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Am Schauspiel Stuttgart wird ab sofort Rad gefahren. Der neue Intendant Armin Petras macht es vor. Bevorzugte Fortbewegungsmethode in der Stadt: Mit dem Fahrrad, bekennt er in Das Journal der Staatstheater Stuttgart Nr. 10. Und damit es allen immer deutlich vor Augen ist, hängt im Foyer ein altes Fahrrad von der Decke. Unübersehbar signalisierend, dass das ausgegebene Statement für die neue Spielzeit Spurensuche politisch korrekt, nur umweltverträglich sein kann. Eine Einladung an das Theater-Team und das Publikum, mit jeder Inszenierung  gemeinsam auf Spurensuche in die Stadt und in die Region zu gehen.

Entsprechend  sportlich hat es auch Robert Borgmann mit seiner Inszenierung von Anton Tschechow‘s Onkel Wanja am Schauspiel Stuttgart genommen. Es wird Federball gespielt. Hatte sich Thomas Lawinky – als Arzt Astrow vor Spielbeginn noch unerkannt – unter das Publikum gemischt, reichte Sandra Gerling als Elena Andrejewna, der jungen Frau des Professors einen Federballschläger in das Parkett und das Spiel ging los.

Ping, Pong, von Heiterkeit begleitet, während auf der Bühne ein räderloses Auto, von Marina, einer alten Kinderfrau (Susanne Böwe in der Doppelrolle auch die Mutter von Onkel Wanja spielend) mit einem Wollfaden gezogen, sein Zeit entgrenztes Kreisen begann, nahmen die Szenen aus dem Landleben in vier Akten ihren Lauf. Borgmann, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnete, nahm Tschechows Vorlage in den ersten zwei Akten nicht nur sehr textgenau, sondern in gleicher, respektvoller Weise integrierte er die szenischen Beschreibungen des Autors in den dramaturgischen Ablauf (Dramaturgie: Jan Hein).

Auf einer der Bänke liegt eine Gitarre, in den Händen des stotternden, ehemaligen Gutsbesitzers Telegin (Michael Stiller) ein Accessoire des Gestern, wie strickt an einem Strumpf dem Wollfaden als Zugseil eine vergebliche Hoffnung anhaftet, den Karren aus dem Langzeit-Sumpf einer Hoffnung auf gelingendes Leben ziehen zu können. Die Tschechow’sche Spielanweisung  Marina geht ums Haus und lockt die Hühner übersetzt Borgmann lautmalerisch (für Marina) in put, put, put.

Es sind solche sprachlichen Versatzstücke gemeinsam mit verzögerten Betonungen, die die Originaltexte zu zeitlosen Texten machen. In Verbindung mit Generalsprechpausen, in denen mit ans Artistische reichenden Spielszenen sowie slapstickartigen bis pantomimischen Einlagen gestisch und mimisch weiter erzählt wird, wird eine lebendige Unmittelbarkeit erreicht, die bis ins Parkett und damit in den Heute-Alltag reicht.

Es sind schauspielerische Bravourstück, wie etwa Katharina Karp in der Rolle der Sonja mehrmals vergeblich versucht, hochhackige rote High Heels anzuziehen, dass man bei jedem Versuch versucht ist, ihr beizuspringen und ihr mit jedem Fall wieder aufzuhelfen. Oder wie sich Peter Kurth (Onkel Wanja) und Thomas Lawinky  in slow motion  im Stil von hitting the wall über das  kreiselnde Auto kämpfend bewegen, hat nicht nur einen großen Schauwert. Es ist wie auch Kurths anrührende Vogelstimmen-Pfeifeinlage eine überzeugend inszenierte Übersetzung eines geradezu tragikomisch anmutenden Zeit-Leerlaufs. Die Zeit, die nicht vergehen will. Die ihre Perspektiven verloren hat, bevor sie überhaupt sichtbar werden konnten. Für mich erhoffe ich schon gar nichts mehr, und die Menschen mag ich nicht, resigniert und versinkt nicht nur Astrow in Selbstmitleid.

Die von Borgman als sonderbare und merkwürdige Menschen episodisch in Onkel Wanja vorführt werden, sind sich schon lange selbst verloren gegangen. Lasziv wabert die Zeit, beobachtet von ihnen selbst. Jan Hein verweist in der Programmzeitschrift des Theaters Stuttgart 2013/2014 auf das bei Ezra Pounds entlehnte poetische Periplus-Motiv, das schon in der antiken Seekriegsführung als taktisches Moment des Beobachtens und Umfahrens der gegnerischen Schiffe Bedeutung hatte. Borgmann tauscht das Schiff gegen ein Auto ein, das sich ohne Räder nicht mehr allein fortbewegen kann. Angeschoben und gezogen von einer lebensfernen Phantasie (mit einem Wollfaden), kann es leergelaufen,  nur noch um sich selbst kreisen.

Wenn Borgmann im zweiten Teil von Onkel Wanja die Textabfolge der Akte drei und vier nicht nur in ihrer Reihenfolge versetzt und sie nach der Pause mit dem 4.Akt beginnend und von Katharina Karp als Mehr-Personen-Collage sprechen lässt, erreicht die Inszenierung den neo-realistischen Atem eines Fellini-Films. Es ist als hätte sich Katharina Karps Sonja in die Zirkus-Assistentin Gelsomina des Zampano aus La Strada verwandelt. Karps Spiel der clownesk-traurigen, ein wenig naiven, aber ebenso starken Sonja-Gelsomina ist wie eine Liebeserklärung an Giulietta Masina und Federico Fellini.

Mit dem Fahrrad im Foyer auf neo-realistische Spurensuche in Stuttgart unterwegs könnte mehr als nur eine reizvolle Vorstellung sein. Mit Peter Kurth wäre man sicher gern noch länger auf eine solche Spurensuche als die drei Onkel-Wanja-Theaterstunden. Mit seinem Spiel fordert er seinen Körper wie seiner Stimme ständig in immer wieder neuen Varianten zu überzeugend charakterisierenden Haltungen heraus: Changierend zwischen Sentiment und Verloren-Sein respektive Platzhalter in einem bösen Spiel zu sein. Und wenn er am Ende von Sonja getröstet wir, Wir müssen leben. Wir werden leben, ist es eine Hoffnung, die man trotz aller Trostlosigkeit, die hinter ihnen liegt, gern glauben möchte. Vorstellbar, dass er sich als Peter Kurth  in nuce aufs Rad schwingt, davon fährt, nachdem er das Publikum aufgefordert hat, mit zu kommen.

Wir ruh’n uns aus, gibt Sonja am Ende die Richtung vor. So als würde sie sagen, danach sehen wir weiter. Die Kraft dazu trug sie im ersten Teil des Abends schon wie ein Credo auf ihrem Körper. Power through joy war auf ihrem T-Shirt zu lesen.

23.02.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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