Mein Name sei Gantenbein als konjunktivische Perspektive, die Philemon und Baucis kennt am Schauspielhaus Zürich

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Was würde sein, wenn ich ein anderer wäre? Ich bliebe zwar derselbe, nur anders?  Der deutsche Künstler Ludger Gerdes hat mit seiner Neonskulptur ICHS (im Garten des Krefelder Museums Haus Esters) 1991 die Frage in einem ästhetisch künstlerischen Kontext zurück gegeben: Ichs dürfen können wollen sollen müssen sterben.

Max Frisch entwickelte in seinem 1964 veröffentlichten Roman Mein Name sei Gantenbein ein Szenario, was hätte passieren können, wenn Theo Gantenbein nach einem Autounfall erblindet wäre? Welche Ich-Identitäten ständen ihm offen? Fortan spielt er den Blinden, der die Welt durch die Blindenbrille nicht nur anders erlebt. Auch er, immer noch derselbe, wird von den ihm vertrauten Menschen anders wahrgenommen – und behandelt.

Es ist dieses Spiel mit dem Konjunktiv, das viele Träume und Hoffnungen immer wieder beflügelt. Ich stelle mir vor, dass, zieht sich leitmotivisch durch Frisch‘  Roman und eröffnet Raum für Narrationen mit fiktiv entworfenen Weltbildern und Wirklichkeiten, in denen fiktive Figurenkonstellationen stringent und authentisch handeln.

Diese Vorgabe hat zweifellos ein dramaturgisches Potential, das Dušan David Pařízek offensichtlich gereizt hat, von dem Roman eine Bühnenfassung zu erarbeiten (zusammen mit Roland Koberg) und sie jetzt im Schauspielhaus Zürich zu inszenieren. Damit tat er erst einmal nicht weniger, aber auch nicht mehr als das, was seit einiger Zeit auf deutschsprachigen Bühnen en vogue ist. Nämlich Adaptionen von Romanen und Erzählungen auf die Bühne zu bringen. Ob damit ein künstlerisch theatraler Mehrwert verbunden ist, muss sich jedes Mal wieder neu erweisen.

Pařízek‘ Inszenierung macht romantext nah – Ich sitze in einer Wohnung…Lang kann’s nicht her sein, seit hier gelebt worden ist… Von den Personen, die hier dereinst gelebt haben, steht fest: eine männliche, eine weibliche – von Beginn an deutlich, um was es ihm geht. Da ist Gantenbein (Lukas Holzhauser lotet die Figur in ihren Dimensionen von gespielter Hilflosigkeit und pokerhafter Coolness abgründig aus), der im Schutz der Blinden-Dunkelheit das Buhlen und Wettstreiten sowie das Räsonieren und Antichambrieren vom selbstgefälligen bis gefallsüchtigen Womanizer Felix Enderlin (Michael Neuenschwander) und von František Svoboda (Siggi Schwientek in einer überzeugenden Charakterstudie), dem trottlig wirkenden, aber wenn es darauf ankommt, hellwachen Ex seiner Frau, der lebensgierigen Schauspielerin Lila (Miriam Maertens) beobachtet. Was man sieht und was man nicht sieht, ist eine Frage des Taktes.

Das Zimmer samt Mobiliar ist anfangs mit einem riesigen Leinentuch zugedeckt. In dem Moment, wo das Tuch abgezogen und Tisch sowie Sitzmöbel sichtbar werden – auch die für eine normale Nutzung absurde Wandbefestigung eines Stuhls -, werden Schicht für Schicht wie Farben auf einer Leinwand Geschichten dick aufgetragen, bis sie sich als Farbklumpen davon wieder lösen und den Protagonisten vor die Füße fallen.

Das Spiel, das sie alle gemeinsam spielen, heißt: Drei Männer versuchen bei Lila zu landen,  arbeiten sich an ihr ab – und scheitern. Lila ist in Pařízek‘ Inszenierungskonzeption die Projektionsfläche für das täglich millionenfach vollzogene Lebensspiel von Liebe, Eifersucht, Altern und Tod. Wie Fixsternen drehen, verdrehen sich die drei Männer um Lila.

Max Frisch‘ Texte sind vielfach von der Suche nach der eigenen Identität bestimmt. Ich probiere Geschichten an wie Kleider. Variationen solcher Geschichten werden in der Spielfassung von Pařízek kaleidoskopartig in mehr als zwei Stunden ohne Pause vorgeführt. Eine Kraftanstrengung nicht nur für die Schauspieler.

Allein Miriam Maertens‘ mehrfacher Kleiderwechsel like a chamaeleon, der von den Zuschauern wie durch eine halboffene Badezimmertür als Halbakt voyeuristisch gesehen werden konnte, war ein immerwährender, irgendwann auch überstrapazierter Wettlauf mit der Wechsel-Metapher. Als sich schließlich aller Ich-versuche die Männer ebenfalls im Kleiderwechsel, inklusive High Heels abarbeiteten, brachte es neben der Slapstick-Komik allerdings die Pointe des Stücks auf den Punkt. Am Ende ist es nur ein Maskenspiel gewesen. Desillusioniert wieder in den normalen Wahnsinn des trivial Alltäglichen zurück geworfen. Der Entwurf Mein Name sei Gantenbein kann als demiurgische Schöpfungsidee, die ein neues (Menschen)Material schaffen will, mit Platon nur scheitern.

Auch die Zuschauer sind gefordert, mitzuspielen. Ein Möglichkeitsangebot, das Michael Neuenschwander – neben seiner Rolle des Enderlin auch Erzähler – mit interaktiven Ambitionen suggeriert. Das Bühnenspiel in das unmittelbare Jetzt zu überführen. Gemeinsam ein Glas Wein trinken, vielleicht noch eine charmante Zustimmung abholen, dort wo das richtige Leben tönt.

Mit der Geschichte von Philemon und seiner Frau Baucis, die Ovid in den Metamorphosen erzählt und davon handelt, dass allein sie von allen Stadtbewohnern bereit waren, den verkleideten Göttern Jupiter und Hermes Unterkunft und Essen zu gewähren, hat Neuenschwander als Erzähler mit Beginn der Inszenierung eine alternative Perspektive angeboten, wie man konjunktivisch auch andere Lebensverwirklichungschancen haben könnte. Wie die Götter Philemon und Baucis ihre Gastfreundschaft doppelt belohnten – ihre Hütte wird zu einem goldenen Palast und sie leben, in tiefer Liebe verbunden, für immer bis zum Tod zusammen -, könnte sich jeder selbst belohnen, wenn er bereit wäre, dem mythologischen Sinnversprechen zu folgen.

Es bleibt ein Vielleicht! Einzulösen von jedem selbst. So könnte und müsste es nicht nur ein Spiel im Theater bleiben.

15.03.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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