Von Männern und Tieren: Auf Pirschgang in der Gessnerallee und im Schiffbau/Box in Zürich

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Die Zürcher Oper und Theater sind in diesem Frühjahr offenbar in einer konzertierten Aktion auf der Suche nach Identität. Es sind die alten, sich aber immer wieder neu stellenden Frage: Wer bin ich? Was erwarten die anderen von mir? Was erwarte ich von mir selbst? Was und wer hindern, mich selbst zu entdecken?  Wo komme ich her und wohin gehe ich?

Ob in der Oper Zürich mit der Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Aida durch Tatjana Gürbaca (Aida am Opernhaus Zürich von Tatjana Gürbaca als Suche nach Identität in einer globalisierten Welt inszeniert, vom 9.3.14), ob im Schauspielhaus mit der Dramatisierung von Max Frisch‘ Mein Name sei Gantenbein (Mein Name sei Gantenbein  als konjunktivische Perspektive, die Philemon und Baucis kennt am Schauspielhaus Zürich, vom 15.03.14) durch Dušan David Pařízek oder ob mit den jetzt hier kritisch betrachteten Inszenierungen Neue Männlichkeit. Ein Dating Seminar in der Gessneralle und Über Tiere im Schiffbau/Box, allen gemeinsam ist eine – wenn auch unterschiedlich fokussierte – libidinöse Perspektive. In selbstreflexiver Attitüde, verschränkt mit Machtphantasien und realer Gewalt, wird die Bühne unter der Hand zum psychotherapeutischen Sofa erklärt. Beziehungsreich raunt es von den theatralen Spielflächen unisono im Chor: Beziehungen klären, Balance gewinnen, Interessen wahren, Leben und Lieben ermöglichen.

Während sich in der Gessnerallee das Zürcher Kollektiv NEUE DRINGLICHKEIT nichts weniger vorgenommen hat, als Kunst, Politik und Leben in einer Performance, die sich aus Facetten von Weiterbildungsseminaren, wissenschaftlichen Vorträgen und Interaktionen des Publikums respektive der Teilnehmer zusammensetzt, dem Mann als einen von Frauen geliebten auf die Sprünge zu helfen, ist die Sicht auf Frauen in dem von Elfriede Jelinek für die Aufführung in Zürich ergänztem Stück eine existentiellere. Männer sind in Über Tiere nicht wie in Neue Männlichkeit Subjekte, die Liebe lernen wollen (sollten); sie sind männliche Konsumenten von käuflichen Liebensdiensten, die von Frauen in einem aufgezwungenen, auf Abhängigkeiten aufgebauten System von Macht, Sex und Drogen erbracht werden.

Jelinek hat die 2005 im Magazin Falter veröffentlichten Abhör-Protokolle mit Mädchenhändlern zu einem Text Über Tiere verarbeitet, um, wie sie im Prorammhaft sagt, den privaten Diskurs über Frauen als Geschäftsgespräch in seiner abgrundtiefe Verachtung vor dem Humanum des Menschen (insbesondere von Frauen) nicht nur zu entlarven, sondern dem ihm zugrunde liegenden, von einigen Männern als konsensfähig angesehen, liberal gestimmten Ökonomismus von Warenbeziehungen (Sex in allen Variante gegen Geld) öffentlich zu machen. Männer gleich Tiere – Assoziationen in diesem Zusammenhang, wie unzutreffend sie im Einzelnen auch sein mögen, sind in der Inszenierung von Tina Lanik zumindest unterschwellig premanent da.

Wäre man in einem juristischen Verfahren, würde die Unschuldsvermutung rechtskonform sein. Aber das Theater ist kein Gerichtssaal – und Tiere sind immer unschuldig. Jelinek lässt vier Frauen von dem sprechen, was Männer an ihnen schuldig werden lässt. Ausgerüstet mit ihrer metapherreiche, bewusst falsche Fährten auslegenden Sprache – ich bin leibhaftig, aber nicht der Leibhaftige; wenn es sich klärt, ist die Liebe eine Kläranlage?-, mit ihr dialektisch-semantisch spielend Alles ist Gegenstand. Nur die Liebe nicht?,  ringen die Schauspielerinnen (Julia Kreusch, Lisa-Katrina Mayer, Isabelle Menke, Lena Schwarz) wie um ihr eigenes Leben. Angetrieben und singend kommentiert von Polly Lapkovskaja  (Musik: Pollyester). Die elektronisch verzerrten Beats entluden sich wie Furien in die Schiffbau/Box.

Fuhr in Über Tiere der Liebes-Box-Wagen schließlich mit vollem Tempo an die Wand und konfrontierte das Publikum direkt und ungeschminkt mit der Wirklichkeit, die ihre unmittelbare Parallele in der Zürcher Langstrasse hat, mit kaum zu ertragenden  Time On The Fucking Earth-Kaskade, erklärte Christopher Kriese im Dating Seminar, wie man extrem erfolgreich mit Frauen sein kann. Zusammen mit Stephan Stock, der den Sozialwissenschaftler gab, benutzten sie das Jagdspiel-Szenario von Pick-Up Artisten, früher als Freizeit-Casanovas romantisch verklärt, das einzig und allein dem Ziel diente, um Frauen umgehend ins Bett zu kriegen.

Die Konzeption, die Kriese und Stock mit ihrer Inszenierung verfolgen, emotionale Manipulation als Männerbildungsprogramm zu ironisieren, geht nicht wirklich auf. Eine konsequente  Distanzierung vom zur Jagd freigegebenen Lustobjekt Frau, also das Eigentliche, das als geheimes Lehrplanziel angeblich hinter vielen Weiterbildungsseminaren steht, war sowohl durch die auch hier verwendete Tier-Metapher Lass auch mal den Gorilla in Dir raus! als auch durch im kategorischen Imperativ formulierte Merksätze wie Hört auf Beziehungen, zu idealisieren! oder Bring sie dazu, in Dich zu investieren! nicht überzeugend erkennbar. Das führte an vielen Stellen wohl zu einem nachdenklichen Schmunzeln. Im Hals blieb, anders als bei Über Tiere, das Lachen nicht stecken. Es war mehr ein nachsichtiges Lächeln. Am Ende stand zwar als Bekenntnis und Resümee, dass gelingende, wirkliche Liebesbeziehungen nicht von männlicher Leistung und Potenz abhängen, denn es treten letztlich immer nur Menschen zueinander in Beziehungen.

Ging man aus der Schiffbau/Box wie ein im Ring Niedergeschlagener, der sich umgehend um seine Wunden zu kümmern hatte (wenn man nicht sofort die Zürcher Stadtmission um Hilfe aufsuchen sollte), konnte man nach dem Dating in der Gessnerhalle beim gefühligen DJ-Sound gleich ausprobieren, was Mann gerade gelernt hatte.

In Süddeutsche Zeitung Magazin (vom 11.März 2014) war über Kindheitserfahrungen von Männern zu lesen: Auf nichts haben wir so wenig Einfluss wie auf unsere Kindheit. Aber unsere Kindheit hat einen riesigen Einfluss auf uns. Aber die Kindheit ist nicht alles. Allerdings lernt man schon frühzeitig zwischen Tieren und Menschen zu unterschieden. Wo selbst solche frühkindlichen Erfahrungen verloren gehen (können?), ist der Totentanz, wie er von vielen Künstlern immer wieder in Musik, Grafik oder Malerei ausgedrückt worden ist und wird, näher an der Wirklichkeit als die After-Work-Party-Musik.

17.03.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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