Tinguelys Überzeugung „Spielen ist Kunst“: Die Ausstellung „Spielobjekte – Die Kunst der Möglichkeiten“ in Basel macht sie spielerisch erfahrbar

© 2014, Jeppe Hein

© 2014, Jeppe Hein

Wer als ambitionierter Besucher von Kunstausstellungen in diesen Tagen das Museum Tinguely in Basel besucht, könnte für einen Moment versucht sein, zu zweifeln: Bin ich hier am richtigen Ort? Lachen von Kindern und Jugendlichen erschallt aus allen Ecken. Lebhafte Bewegungen in den Ausstellungsräumen. Anders als normalerweise, wo die eherne Regel Don’t touch me! als Verhaltens-Code selbstverständlich akzeptiert und eingehalten wird, ist sie in der Ausstellung Spielobjekte – Die Kunst der Möglichkeiten (noch bis 11.Mai 2014) weitestgehend aufgehoben.

Spielen als eine wichtige Form des sozialen Miteinanders, hat mit Jean Tinguely einen bedingungslos der Phantasie und dem zweckfreien Spiel verpflichteten  Protagonisten, der das mit seinen Kunstobjekten lebenslang demonstriert hat. Spielen ist Kunst – infolgedessen spiele ich, hat er 1965 sein Kunstverständnis programmatisch und kategorisch formuliert. Tinguely ein Versteckspieler der Kunst war von den damit verbundenen ludisch-freiheitlichen Momenten inspiriert und fasziniert. Seine sogenannten Meta-Maschinen, seine kinetischen Objekte, ob als Springbrunnen – häufig in Zusammenarbeit mit Niki de St. Phalle – oder als mobile Skulpturen markieren weltweit Orte mit ihrem Charme des freien Spiels von Rädern, Rollen und Laufbändern. Selbst seinen eigenen Tod 1991 hat er als eine kinetische Performance Jahre vorher konzipiert. Entsprechend folgte seinem Sarg eine klirrende, klappernde und rauchende mobile Schrottplastik auf einem Traktor durch Fribourg.

Von daher kann es kaum einen adäquateren Ausstellungsraum für Spielobjekte geben, als das 1996 von Mario Botta erbaute Museum Tinguely. Die Ausstellung nutzt die Räumlichkeiten selbst in einem freien Spiel von Aktion und Kommunikation. In der Haupthalle, diskret von den aktiven Spielflächen getrennt, wird in kunsthistorisch korrekter Anordnung der Variations- und Partizipationsobjekt in Vitrinen, als Objekthängungen und in skulpturalen Präsentationsformen eine mitunter vernachlässigte Periode der Kunstentwicklung in den 1950/60 Jahren dargestellt. Konkret-konstruktive und kinetisch waren Aspekte, die von Künstlern neben Tinguely wie Mary Viera (polyvolume: angles multidéveloppables, 1964), Charlotte Posenenske (Vierkantrohre, 1967), Yaacov Agam (Ambiance, 1955), Grazia Varisco (Imparaticcio al telaio, 1960) oder Dieter Roth (Dreh-Rasterbild, 1960) als Ausdrucksmöglichkeit von perspektivischer Verschränkung und subjektiv interaktiver Wahrnehmung in den Mittelpunkt gestellt wurden.

 Unter ihnen befinden sich Künstler, die eher mit anderen Ausdrucks- und Gestaltungsformen in Kunstmuseen zu sehen sind. Roth beispielsweise mit seinen raumfüllen, überquellenden Inszenierung des Stofflichen.  Posenenske, die als Malerin und teilweise auch mit exzeptionellen Fotografien bekannt ist, vermutet man in diesem Kontext möglicherweise ebenso wenig wie den renomierten Fotografen Peter Lindbergh. Wie das politisch-kulturelle Aufbruchssignal Kunst für alle!, das in dieser Zeit die Gesellschaft durchaus in Atem hielt, wesentliches Movens war, kann man in dem druckgrafisch hervorragend gestalteten Ausstellungskatalog nachlesen. Wichtiger war für mich, dass man die Leute beteiligte und dass es keinen Unterschied mehr zwischen dem gibt, der das entworfen hat, und dem, der es dann benutzt (Lindbergh).

Diesem teilnehmenden, spielerischen Aspekt gibt die Ausstellungen insbesondere im Untergeschoß großzügig Raum. Hier löst die Ausstellung Spielobjekte ihren Anspruch ein, eine zu sein, die Die Kunst der Möglichkeiten auszuprobieren. Und davon wird reichlich Gebrauch gemacht. Selten hat man so lustvoll vom Spieltrieb inspirierte Kunstausstellungsbesucher gesehen. Quer durch alle Altersschichten, jenseits von andachtsvoller Kunst-Heiligen-Verehrung wird gespielt, ausprobiert, gelacht – und gestaunt. Yayoi Kusamas The obliteration room gibt schon in seiner Zeitangabe 2002 bis heute die Intention vor: Nichts ist endgültig, jede Aktion im Raum verändert das Werk.  Ausgerüstet mit einem Bogen bunter Klebepunkte, kann jeder nach Lust und Laune den Raum und die Objekte in ihm (Tisch, Stühle, Sessel und Klavier!) be- und verkleben. Auch Jeppe Heins Intervention Impact (2004) bietet mit 300 Pappkartons reichlich Gelegenheit, der Phantasie und Geschicklichkeit nachzugehen.

 Die im Eingangsbereich aufgebaute Zeichenmaschine a la Tinguely funktioniert als  Magnet und Motivator für die Ausstellung perfekt. Immer dicht umlagert, macht sie von Anfang klar: Hier darf und soll selbst Hand angelegt werden. Die  eigene Wahrnehmung im Freilauf.

Wer nach diesem Freispiel doch noch einmal der Kunstgeschichte im Kontext von Jean Tinguely analytisch nachgehen möchte, dem sei die im Kunstmuseum Basel gleichzeitig laufende Ausstellung Kasimir Malewitsch – Die Welt als Ungegenständlichkeit (noch bis 22.Juni 2014) empfohlen. In ihr finden sich mit Malewitsch‘ suprematischen Formfindungen subtile Hinweise auf Tinguelys Kunstrezeption.

photo streaming Spielobjekte

21.03.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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