Victor Vasarely im haus konstruktiv Zürich wieder zu entdecken

© 2014  Stefan Altenburger

© 2014 Stefan Altenburger

Seit 2001 ist die Zürcher Kunstmuseumslandschaft mit dem haus konstruktiv um ein Kleinod reicher. Zwar schon 1986 gegründet, hat es im ehemaligen ewz-Unterwerk Selnau seitdem seinen Platz in großzügig gebauten Räumen gefunden. Ein Signatur der Moderne in Zürich.

Den Ausstellungs-Mainstream eher meidend, kann man in haus konstruktiv häufig Künstler und ihr Werk neu entdecken. Solche, die einerseits vergessen worden sind, andererseits nie zentral in der kunsthistorischen Wahrnehmungsperspektiven standen. Ob zu Recht oder Unrecht: haus konstruktiv bietet mit seinem Ausstellungsprogramm die Chance, dazu eigene Antworten zu finden.

Mit Victor Vasarely – Die Wiederentdeckung des Malers (noch bis 18.Mai 2014) gibt es wieder eine solche Entdeckungsmöglichkeit. Die Ausstellung erzählt gleichzeitig die Geschichte vom vergessenen Künstler, von einstigem Ruhm und die Wiederentdeckung eines anregenden Werks. Interessant ist es, nach dem zu verfolgen, wie es dazu kam.

Vasarely, 1908 in Pécs als Ungar geboren (seit 1930 in Paris und dort 1997 auch gestorben; seit 1959 französische Staatsbürgerschaft) fühlte sich frühzeitig der Abstraktion in seinem malerischem Werk verbunden. Ihn interessierte dabei insbesondere die räumliche Wirkung in Schwarz-Weiss-Kompositionen. Steht man in der Ausstellung vor Arbeiten wie Citra (1957), Sorata T (1953) oder Taymir (1956), verliert die Wahrnehmung ihre routinierten Sicherheiten. Labyrinthische, endlos scheinende Strukturen verschränken sich zu neuen Bildern, als wären sie insgeheim bewegt. Auf der Retina im Auge des Betrachters entstehen Spiegelbilder von Schachbrettmustern bis zu fluid organischen Strukturen sowie beispielsweise in Etax R (1957 – 1961) Bewegung als Prozessentwicklung, dargestellt in Etappen.

Als Op-Art in die Kunstgeschichte eingegangen, ist Vasarely künstlerisch zu ihrer Gallionsfigur aufgestiegen. Er entwickelte ein grafisches Alphabet aus Linien, Quadraten und Kreisen, das es ihm erlaubte, wie von einem Generator erzeugte Arbeiten in Serie herzustellen. Seine Suche nach einer bildnerischen Universalsprache, später als Planetarische Folklore bezeichnet, verfolgte das Ziel, Bildmotive zu entwickeln, die für jedermann lesbar wären. Das ging so weit, dass in seiner Werkstatt Arbeiten entstanden, die auf seinen konzeptionellen Ideen basierten, aber nicht unbedingt von ihm selbst ausgeführt wurden.

Rückschauend, und das zeigt die Ausstellung eindrucksvoll nachvollziehbar, sind in Op-Art  vor allem in der konzeptionellen Attitüde des Vasarely-Alphabets schon Elemente von mixed media enthalten. Dieser so organisierte Produktionsprozess führte zu einer öffentlichen Präsenz seiner Arbeiten, die mit einem kultischen Repräsentationsstatus verbunden war, der auch jenseits künstlerischer Anerkennung seine Wertschätzung erfuhr. Solche Grenzüberschreitungen haben, wie in der Kunstgeschichte vielfach belegt, häufig zur Folge, dass sie mit ihrer öffentlichkeitswirksamen, multiplikativen Verbreitung – beispielsweise als grafische Replikationen in der Werbung – ihre künstlerische Wertschätzung abnimmt. Redundante Perspektiven können so zu bestimmenden Kriterien der künstlerischen Qualität eines Werks führen. Zumindest vorübergehend, wie die Die Wiederentdeckung des Malers zeigt.

Die ambivalente Wahrnehmung von Vasarelys Arbeiten hat auch damit zu tun, dass die Person das Werk teilweise überlagerte. Vasarely als exilierter Ungar mit französischem Pass wurde in Zeiten des Kalten Krieges auch ein Politikum. Als 1969 die Kunsthalle Budapest mit einer Vasarely-Retrospektive eröffnet wurde, waren nicht alle Künstler, die in Ungarn geblieben waren und dort unter schwierigen Bedingungen arbeiteten, amused about Vasarely.  Die parallel in  haus konstruktiv zu sehende Ausstellungen von Andreas Fogarási – Vasarely Go Home kann man wie ein aufklärischer Kommentar verstehen, politisch und künstlerisch. In Videointerviews erzählen Zeitgenossen von einer fast unbeachteten Aktion des Künstlers János Major, der während der Budapester Ausstellungseröffnung ein kleines Schild mit der Aufschrift Vasarely go home zeigte. Vasarely, der viel dafür getan hatte, als öffentliche Person und nicht nur als Künstler wahrgenommen zu werden – in einem Saaltext heißt es: er war sehr aktiv….der sich um seine eigene Posterität kümmerte -, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, mit der durch seine Berühmtheit geschmückten Retrospektive der ungarischen Kulturpolitik in die Hände zu spielen. Ungarische Künstler, vor allem diejenigen, die wie Vasarely abstrakt arbeiteten und sich in ihrer Arbeit massiv durch den Staat behindert sahen, empfanden seine ungarische Hofhaltung als  Desavouierung der Kunst.

Im Westen nahm, dessen ungeachtet, seine künstlerische Wirkung und Präsenz in den 1960/70ger Jahren nachhaltig und wirksam Fahrt auf. Es kamen neben ausschließlichem Schwarz-Weiss seiner Arbeiten farbige, schwarz umrandete  Strukturelemente dazu (Gestalt ville, 1969; Ambigüe, 1969). Mit Stri-Öt von 1979 endet die Ausstellung und ist ein Hinweis darauf, dass sein Werk sich danach verloren hat.

Vasarelys Werk, auch wenn es zeitweise in den 1980/90 Jahren relativ gleichgültig rezipiert wurde, hat Künstler wie Max Bill oder François Morellet nachweislich inspiriert. Anhand der teilweise insbesondere auch politisch historischen Umständen geschuldeten Vernachlässigung der Rezeption – als von der Op-Ästhetik abgeleitete Produkte alle Bereiche der Gesellschaft überschwemmten, wurde die optisch-kinetische Kunst zum Opfer ihrer eigenen Popularität, argumentiert im Katalog Domitille D’Orgeval – wird deutlich, welche langen Wege Kunst manchmal gehen muss, um ans Ziel zu kommen.

Serge Lemoine hat einen Vasarely-Wahrnehmungs-Parcours kuratiert, dem viele Besucher zu wünschen ist. Um ihrer eigenen Wahrnehmung willen.

 

22.03.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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