Von La Straniera und Lo Straniero: Christof Loy mit seiner Inszenierung der Bellini-Oper auf Zwischenstopp im Aalto Musiktheater Essen

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Christof Loy ist gewissermaßen stop over von Zürich kommend mit seiner Inszenierung von  Vincenzo Bellinis Oper La Straniera in seiner Heimatstadt Essen für vier Aufführungen am Aalto Musiktheater gelandet. Seine Straniera-Reise wird ihn dann noch ans Theater an der Wien führen.

Nach glanzvollen Aufführungen am Opernhaus Zürich 2013 (vgl. La Straniera – eine Bühne für Edita Gruberova am Opernhaus Zürich, vom 17.07.2013) mit einer überragenden Edita Gruberova als Alaide konnte man gespannt sein, wie Loys identische Inszenierung (Bühnen: Annette Kurz) mit komplett anderen Solisten, mit dem Opernchor des Aalto-Theaters und den Essener Philharmonikern unter der musikalischen Leitung von Josep Caballé Domech den Vergleich bestehen würde.

Vergleich nicht als Wettbewerb um die Siegerpalme sondern als Möglichkeit, unterschiedliche musikalische Temperamente, Rollenauffassung und –gestaltung zu sehen und zu hören, mit welcher Tonlage die reichlich verworrene La Straniera-Story jeweils überzeugen wollte.

Während in Zürich die Präsenz der Gruberova in weiten Passagen so dominant war, dass sie in der Gefahr stand, die anderen Solisten zu zudecken – Daneben haben es die anderen Gesangspartien schwer, aus dem Schatten des Soprans der Gruberova herauszutreten (ebenda 17.07.13) -, glänzte die Aufführung in Essen durch eine homogene Ensembleleistung. Allerdings brauchten sowohl der Chor als auch Valburgo (Luca Grassi) sowie Arturo (Alexey Sayapin) Szenen später einige Takte, um sich stimmlich zu finden. Manches klang anfangs inkompatibel zu Bellinis Komposition. Es mag sein, dass die Dramaturgie (Thomas Jonigk, Kathrin Brunner) sich in den hängenden und fallenden Stricken, die der Inszenierung offenbar einen bedeutungsschweren Auftakt geben sollen, selbst gefangen nimmt und Solisten sowie Choristen anfänglich Mühe haben, eine Balance von Spiel und Gesang zu finden.

Von Takt zu Takt, von Szene zu Szene entwickelte das Ensemble zunehmend eine Spielkultur, die zwar versuchte die Stringenz der Bellini’schen Kompositionsanlage, die auf szenische Abschlüsse, respektive Generalpause zu läuft und den damit fast unvermeidlich ausgelösten Applausstürmen abzumildern. Was nicht wirklich gelingen kann. La Straniera ist eine Applaus-Oper, die noch ganz der klassischen italienischen Opernauffassung des 19.Jahrnuderts verpflichtet ist.

Im Unterschied zu Fabio Luisi in Zürich, der versuchte den Szenen-Applaus durch schnelles Weiterspielen zu verhindern (was dann dazu führte, dass die ersten Takte noch im Widerstreit mit dem Klatschen untergingen), legte der Katalane Caballé Domech seinem Temperament keine Zügel an. Punktgenau mit großer Emphase und Geste führte er Solisten und Essener Philharmoniker lustvoll zum Applaus-Punkt. Zur eigenen Freude sowie der des Publikums.

Aus dem Solisten-Ensemble ist Luca Grassi  herauszuheben. Mit seiner Charakterstudie des Valburgo – der Freund, der zweite Fremde, der Bruder der Fremden und Scheintoter, der wieder auferstanden ist -, die in ihrer Anlage vom Publikum viel guten Willen beansprucht, um sie zu akzeptieren, war ein überzeugender Protagonist dieser Belcanto-Oper.

Bei allem Schöngesang ist bemerkenswert, dass Bellini dem Tenor Arturo keine Arie komponiert hat. Dass das nicht bedeutet, Arturo wäre als Gesangsstimme uninteressant, bewies Alexey Sayapin mit einem manchmal etwas gebremst wirkenden Tenor, der in den Mittellagen einen angenehmen Klang hatte.

Ieva Prudnikovaite sang die Isoletta zwischen ungeschminkter Verzweiflung und brüchiger Hoffnung auf Arturos Liebe in einer bemerkenswert nüchternen Haltung. Letztlich wissend, dass sie im Straniera-Spiel keine wirkliche Chance haben würde, verzichtet sie selbstbewusst souverän auf Arturo. Prudnikovaite, selbst von schmaler, zartgliedriger Gestalt, gibt der Isoletta eine authentische Verletzlichkeit. Ihr Sopran ist wie gemacht dafür.

Für die Figur der Alaide, La Straniera, die als Fremde von der Dorfgemeinschaft der Hexerei verdächtigt und angeklagt wird, findet Marlis Petersen erst nach der Pause eine adäquate Tonlage und identifikatorische Gestimmtheit. Sich mit Alaide stimmlich einzuschwingen, dafür brauchte sie einen Anlauf. Sie steuerte ihren Sopran sukzessiv nach vorn – und nach oben. In den Schlussszenen hatte sie mit ihrem Sopran, die Kultur erreicht, mit der sie das Publikum in unterschiedlichen Gesangspartien immer wieder in Begeisterung versetzt. Bravi-Rufe auch in Essen. Besonders schön gelang ihr die Arie Sono all’tra… Barriera tremenda. Eine emotionale Offenbarung, die schmerzvoll verdeutlichte, wie sie als Fremde in die Verzweiflung und Arturo in den Tod getrieben worden ist.

Christof Loy unternimmt mit seiner Inszenierung den Versuch, die krude Geschichte (nach einem Libretto von Felice Romani nach einer Geschichte aus dem 13.Jahrhundert) mit ihrer beziehungsreichen Namensgebung beim Wort zu nehmen. Unabhängig von historischen und sozialen Erfahrungen der Menschheitsgeschichte löst etwas als fremd Empfundenes bei vielen fast reflexartig bis zum heutigen Tag ungesteuert Aversionen aus. Als Fremder wahrgenommen zu werden, funktioniert häufig als Gruppenphänomen einer ausschließenden Mehrheitsmeinung. Selbstgewiss, von jedem Zweifel erhaben, wird das Andere, der Fremde als Friedensstörer oder gar als Gemeinschaftszerstörer gebrandmarkt.

Die Stricke der Inszenierung sind Fallstricke, in die sich schließlich alle verheddern. Und nicht nur Isoletta keine Liebes-Lebens-Chance lässt. Auch wenn die Stricke schlussendlich in Körben eingesammelt werden und sich die Hochzeitsgesellschaft danach vor einer gemalten Traumlandschaften zum gemeinsamen Foto versammelt, haben sie sich unlösbar ineinander verstrickt.

Aber, und das zeigt die Inszenierung in aller drastischen Konsequenz, damit nicht genug. Stricke können auch dazu dienen, um die Fremde – hier symbolisch als Puppe – schon einmal aufzuknüpfen. Wie einst zu manchem Sonntagsvergnügen dem Klu-Klux-Klan baumelt die Fremde als Abschreckung über der delierenden Hochzeitsgemeinschaft.

Mancher mag sich angesichts des Deliriums, das sich wie ein Todesatem durch die Inszenierung zieht, beim Nachhausegehen an diesem Abend erinnert haben, dass an diesem 21.März vor 175 Jahre Modest Mussorgski geboren worden ist. Mussorgski ist sich als Musiker und Komponist im Laufe seines Lebens immer fremder geworden und in einem Alkohol-Delirium gestorben. La Straniera, lo straniero ist überall. Manchmal in uns selbst nicht vermutet.

 

23.03.14

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Über Peter E. Rytz Review

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