Von Esprit Montmartre bis Von Matisse zum Blauen Reiter – Ein Rundgang durch Kunstausstellungen in Zürich, Frankfurt am Main, Wiesbaden und Basel

Wassily Kandinsky, Fragment zu Komposition II (1910) ©  Schirn Kunsthalle Frankfurt

Wassily Kandinsky, Fragment zu Komposition II (1910) © Schirn Kunsthalle Frankfurt

 

Nicht wirklich verwunderlich, dass das Jahr 1914 nicht nur aus der Warte europäischer Geschichte und seine Folgen heute 100 Jahre später gedacht wird. Folgenreich war es auch in der Kunstgeschichte und hat dort tiefe Spuren hinterlassen. Fast schon exemplarisch lässt sich mit Beginn des 1.Weltkrieges zeigen, wie eng Leben und Kunst miteinander verbunden sind. Aufbruch zu Horizonten, wo dem Leben impressionistische und expressionistische Seiten aufgeblättert wurden. Gleichzeitig aber auch Abbruch. Künstlerfreundschaften kapitulierten und zerbrachen an nationalen Pathos-Grenzen. Oder die Künstler wurden selbst Opfer des Krieges (Franz Marc, August Macke). Bis 1914 war Aufbruch wie lange nicht; nach 1914 musste das, was nur mehr als Bruchstücke übrig geblieben waren, neu sortiert werden.

Künstlerische Arbeiten zwischen 1890 und 1920 mit diesen Signaturen zu betrachten, ist als würde man in einem Geschichtsbuch die häufig getrennten Kapitel mit politischen, ökonomische, sozialen und die künstlerischen Schwerpunkten Seite für Seite gemeinsam umblättern.

In ausgewählten Kunstmuseen der Schweiz und in Deutschland kann man sich jetzt auf eine solche Fährte begeben. Es sind Ausstellungen, die sich wunderbar ergänzen und mitunter wie gegenseitige Kommentare gesehen werden können. Wobei kaum davon auszugehen ist, dass sich die Kuratoren vorab abgesprochen hätten. Umso interessanter und aufschlussreicher ist ihre Zusammenschau. Mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und Akzenten bilden sie einen Kunstkosmos ab, der bis heute wirksam ist.

Das Kunsthaus Zürich geht mit Von Matisse bis zum Blauen Reiter, Expressionismus in Deutschland und Frankreich (noch bis 11.Mai 2014) gewissermaßen in medias res. Auf den ersten Blick eine schon oft exponierte Perspektive stellt sie sich allerdings quer zu einer eindeutigen Sichtweise, die alles schon über Der Blaue Reiter weiß. Zu verfolgen, wie sich von Henri Matisse ausgehend expressionistische Handschriften mit französischem Lebensgefühl in eine westeuropäische Kunstneuausrichtung einprägten, ist in der großzügig und übersichtlich gehängten Ausstellung in Zürich wunderbar zu erleben. Seit ihren Anfängen…saugte die künstlerische Bewegung, die heute als deutscher Expressionismus bezeichnet wird, die neuesten Tendenzen aus Frankreich rasch in sich auf, heißt es in dem hervorragend gestalteten und mit ebenso erhellenden Beiträgen bestückten Ausstellungskatalog.

Es hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ausstellungen zum Expressionismus gegeben. Was die Ausstellung in Zürich sehenswerter und interessanter macht, ist einerseits, dass Maler wie Maximillien Luce mit Pfahltreiber (1908) zu sehen sind, die nicht häufig ausgestellt werden, und andererseits an einer Arbeit wie Boote im Hafen Collioure (1905) von André Derain deutlich wird, wie durch komplementären Farbauftrag 3-dimensionale Räume imaginiert werden können. Farben ihren eigenen malerischen Wert als Gestaltungselement zu zugestehen, ist das Credo von Les Fauves und zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung.

Die Künstlergruppe Der Blaue Reiter übersetzte diese Überzeugung in ihren Arbeiten mit dem Anspruch, eine neue Welt aus Farben und Formen zu schaffen. In einer kleinen Arbeit von Wassily Kandinsky, Skizze I für Bild mit weißem Rand (1913) assoziieren ihre Farb-Form-Flächen Gefühle und Gedanken, die jeder Betrachter für sich weiterdenken und fühlen kann. Sensibilisierung von Wahrnehmung, Fragmentierung des Gewohnten, Verunklarung von Routinen bis zu synästhetischen Herausforderungen (Kandinsky, Fragment zu Komposition II, 1910) sind Ankerpunkte, mit denen man sich durch diese anregende Ausstellung bewegen lassen kann.

Werden kunstgeschichtliche Selbstverständlichkeiten in Zürich auf ihre Gültigkeit geprüft und erweiterte Wahrnehmungshorizonte inszeniert, beleuchtet die Schirn Kunsthalle Frankfurt mit Esprit Montmartre – Die Bohéme in Paris um 1900 (noch bis 1.Juni 2014) das angesprochene Lebensgefühl jener Periode. Man geht durch die Ausstellung, als würde man in einem Bildband blättern, wo neben den Bildern auch die Geschichten der Bilder und ihrer Produzenten erzählt werden. Die Ausstellung als zyklischer Doppel-Parcours in einem einzigen großen Raum dicht gehängt, führt zwangsläufig dazu, dass sich die Ausstellungsbesucher atemlos staunend bei ihrem Nachspüren dieses gewissen Esprits manchmal gegenseitig auf den Füßen stehen.

Angesichts des vielen silbergrauen Haars unter den Ausstellungsbesuchern drängt sich die Frage auf: Auf der Suche nach welchem Esprit, welchem Geist? Ihre lange vergangene Jugend gespiegelt in der lebensfrohen Pariser Bohéme um 1900? Alles ist in den Bildern zu sehen: Lebensfreude, sinnlich, erotisch und ihre mitunter selbstmörderische Lebensgier. In Gemälden, Zeichnungen, Radierungen und Plakaten Momente dieses Lebensgefühls festgehalten für die Ewigkeit. Denn, in Museen und Privatsammlungen sind sie für immer. Für immer zumindest in den Museen bis heute noch: Die Werke, die sich im Museumsbestand befinden, sind geadelt und nobilitiert.

In Frankfurt wird man in dem Moment, wo man die Ausstellung betritt, von einem Farbsturm der Bilder und gleichzeitig nicht minder von einem Rausch der Gefühle und Emotionen mitgerissen. Die ausgestellten Bilder (aber auch die erlesene Plakatauswahl) haben eine suggestive Wirkung, die sich mit eigenen Erinnerungen und Träumen zu Glücksmomenten vermischen. Steht man vor dem großen Gemälde Apollinaire et ses amis (1909) von Marie Laurecin, wünschte man sich selbst zu den Freunden von Apollinaire ins Bild. Bei Santiago Rusinols Ganzkörperprotrait Erik Satie, boheme (1891) ist es, als klänge eine Gymnopédie von Satie aus dem Bild.

Fast traumwandlerisch mit jedem Schritt weiter in der Ausstellung verwandelt das Esprit-Nachspüren die Vergangenheit in eine traumverlorene Gegenwart. Ist man schließlich vor Portrait reciproque (1890) von Santiago Rusinol und Ramon Cassis – ein Bild, zwei Maler – angelangt, kann es sein, dass die kreative Phantasie, die in Esprit Montmarte unmittelbar spürbar ist, dazu führt, sich nach Ende des Ausstellungsbesuchs im Esprit Frankfurt 2014 neu justieren zu müssen.

Neben diesen beiden großen Überblicksausstellungen stellen das Museum Wiesbaden mit Horizont Jawlensky (noch bis 1.Juni 2014) und das Kunstmuseum Basel mit Die überraschten Masken: James Ensor (noch bis 25.Mai 2014) einzelne Künstler der Zeit um 1900 aus.

Das passt wunderbar zusammen. Heute Esprit Montmartre, morgen Jawlensky in Wiesbaden, hatten sich zwei Damen nach ihrem Rundgang in der Schirn Kunsthalle Frankfurt verabschiedet. Wie alle vier hier genannten Ausstellungen ergeben sie zusammen ein differenziertes, facettenreiches Bild der bildenden Kunst dieser Zeit. Gleichwohl sind sie in ihren Positionen, in ihren sozialen und kommunikativen Bezügen als auch in der Rezeption ihrer Werke untereinander sehr unterschiedlich.

Was Henri Matisse 1925 in einem Interview mit Ich bin nie dem Einfluß der anderen aus dem Weg gegangen bekannte, hat sich die Ausstellung in Wiesbaden mit Alexej von Jawlensky offenbar zum Leitmotiv genommen. Horizont Jawlensky stellt seine Werke in einen unmittelbar nachverfolgbaren Zusammenhang mit künstlerischen Zeitgenossen (von Edvard Munch über Max Slevogt oder Paul Signac bis zu Henri Matisse und Vincent van Gogh).

In Wiesbaden, wo Jawlensky 1941 starb, kann man mehr Jawlensky als in vergleichbaren Ausstellungen sehen. Arbeiten als private Leihgaben wie Schokko (1910), Die Näherin (1901) oder Bretonische Bäuerin (1906), die nur selten öffentlich zu sehen sind, ergänzen eindrucksvoll die aus Museen und Kunstsammlungen, wie Mädchenbildnis (1909) oder Bildnis Resi (1906) ausgeliehenen. Der kuratorische Schwerpunkt der Ausstellung ist zweifellos die kontextuellen Gegenüberstellungen von Jawlenskys Arbeiten mit denen von Künstlern aus der gleichen Zeitperiode bzw. mit einem vergleichbaren Malgestus. Schwarze Haare in gelbem Hintergrund (1912) mit Der Finger an der Wange (1910) von Kees van Dongen oder Lettisches Mädchen (1911) mit Der Tänzer Alexander Sacharoff (1909) von Marianne zu Werefkin im Vergleich betrachten zu können, ist ein unmittelbarer Mehrwert dieser Ausstellung.

Angekommen bei James Ensor (Die überraschten Masken) im Kunstmuseum Basel empfängt er die Besucher mit dem emphatischen Ausruf: Lasst uns modern sein! Ensor, 1860 in Ostende (Belgien) geboren, gilt in der Geschichte der Avantgarde um 1900 als ein Frühvollendeter. Zwar erst 1949 gestorben, lässt die künstlerische Kraft seiner Arbeiten nach 1900 deutlich nach. Die Ausstellung in Basel konzentriert sich deshalb auch auf die Jahre 1880 bis 1890 (ergänzt um einige wenige Arbeiten aus den 1930ger Jahren).

James Ensor ist in vieler Hinsicht eine Singulär. Ein unabhängiger Geist, keine Konfrontation scheuend, immer auf der Suche nach neuen Ausdruckmöglichkeiten, ein Ver-Rückter: Ich breche mit allen Perspektiven und malerischen Konventionen, ließ er der Welt wissen. Warhols ironisierende Behauptung In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein. hatte in Ensors Nonchalance Mancher Heilige war auch nur für drei Minuten heilig. seinen provokanten Vorgänger. Wider den Stachel zu löcken, Frage zu stellen, die sich oftmals verbieten, das war ihm in seiner Malerei wesentlich. In Die Vertreibung aus dem Paradies (Lichtstudie) von 1887 laufen Adam und Eva weg. Wohin sie laufen, bleibt offen wie in Der Fall der rebellischen Engel (1889) sein expressiver Gestus hier Kandinsky vorwegnimmt.

Der Titel der Ausstellung Die überraschten Masken ist an sich semantisch unsinnig. Er erhält aber durch die Konnotation mit den Gesichtern hinter der Maske eine erweiterte Bedeutung. Masken als Gesichtslarven, hinter der man das wahre Ich verbergen kann, sind für James Ensors malerisches Werk variabel einsetzbare Muster, um ein Subjekt-Objekt-Masse- Spiel von Menschen zu inszenieren. Seine Malerei ist Verschattung und Entlarvung zugleich. Menschen als Figuren in einem fremdgesteuerten Spiel.

Beim Gang durch die Ausstellungen begegnen einem immer wieder Werke von Künstlern als seien es alte Freunde. Gerade hatte man sich in Zürich von Kees van Dongen (Femme au chapeau fleuri, 1905)verabschiedet, begegnet er einem in Frankfurt (Le Carousel au Place Pigalle, 1901)         und Wiesbaden (Der Finger an der Wange, 1910) wieder. Und noch viele Andere mehr.

Es ist ein Vergnügen durch diese Ausstellungen zu gehen und sich auf eine Reise mitnehmen zu lassen, die den Esprit aus den Kunstausstellungen draußen in den Städten Zürich, Frankfurt, Wiesbaden und Basel überall spürbar werden lässt.

05.04.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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