Stürmischer Auftakt zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2014

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Inselmenschen, wird behauptet, habe eine andere Mentalität als Festland-Menschen. Vielleicht ist ein Isländer wie der 40-jährige Gísli Örn Garðarsson, der mit seiner Inszenierung Der Sturm von William Shakespeare die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2014 eröffnete, der richtige Mann für eine verlässliche Navigation, wenn eine Insel zur Rettungsinsel für Schiffsbrüchige wird. Schiffsbrüchige, die in den Wellenbewegungen des Lebens immer wieder stranden, sind das Figuren-Tableau, mit denen Shakespeare seine Dramen bevölkerte. Mord, Intrige und Liebesverrat sind die Elemente aus dem Menschen gemacht sind. Ob als Mächtige oder als Unterdrückte. Dass das Böse, homo homini lupo in jedem Menschen seinen jederzeit abrufbaren Platz hat, davon war Shakespeare offenbar überzeugt. Allerdings ebenso die Umkehr: Die Gewalttätigkeit des Mächtigen wandelt sich zum versöhnlichen Guten.

Mit dieser Chiffre hat Shakespeare sein letztes Werk verrätselt. Manche sehen darin so etwas wie eine milde Alterssicht auf sein Werk, das immer wieder um Macht und Gewalt kreiste. Wollte er mit Der Sturm noch einmal die Insel der Glückseligkeit suchen? Die Inszenierung von Garðarsson durchkreuzt solche Hoffnungen. Macht auszuüben, hat immer auch Albträume zur Folge.

In albtraumartig collagierten Szene, wo Prospero (Manfred Zapatka, angetan mit Fliege und Abendanzug wie für ein Galadiner, anfangs in jovial verpackter, nichtdestotrotz brutaler Machtpräpotenz spielt die gütige Verwandlung mit einer distinguierten Distanz, die sich schwer tut, zu überzeugen) in den Inselkäfigen (Bühne: Börkur Jonsson) letztlich Befreiter und Gefangener zugleich ist und bleibt. Rechtfertigt er sich zu Beginn gegenüber seiner Tochter Miranda (Friederike Ott, die sich affenartig in akrobatischen Verrenkungen entlang der Käfiggitter bewegen muss, ist von Garðarsson mehr oder weniger nur zur Stichwortgeberin von Prospero degradiert; die obligatorische Shakespeare’sche Liebesintrige mit Ferdinand fällt fast unter den Regie-Tisch) noch mit der Versicherung Ich tat nichts als Sorge für Dich, ist es am Ende nur noch ein Verzweiflungsschrei. Während es in der klassischen Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck von 1867 heißt: (Prospero, beiseit) Mein Herzens-Ariel….sei frei und leb du wohl! – Beliebts euch, kommt! senkt sich bei Garðarsson mit knarrenden Geräuschen der eiserne Feuerschutz-Vorhang über Prosperos Verzweiflung: Lasst mich frei!

Die Suche nach modernen Sprach-Ausdrucksformen, die die Intention der Inszenierung verdeutlichen sollen, ist immer in der Gefahr, Textinhalte zu verbiegen. Man kann sich durchaus fragen, ob Mirandas kategorisches Staunen (Text in der erwähnten Übersetzung) im letzten Akt Wie schön der Mensch ist! Wack’re neue Welt, die solche Bürger trägt! mit dem Resümierenden in der Inszenierung Schöne neue Welt, die solche Menschen hat! eine adäquate Formulierung ist, die Shakespeares Text nicht um das Eigentliche leichtfertig erleichtert. Wobei, und das ist eine generelles Sturm-Problem, es viel guten Willen voraussetzt, um Properos Wandlung (Doch nehm‘ ich gegen meine Wuth Partei mit meinem edlern Sinn: Der Tugend Uebung ist höher als der Rache) zu verstehen.

Gisli Örn Gardarsson, in dem viele Theaterkritiker den neuen Stern des Regietheaters sehen, repräsentiert eine Generation von jungen Regisseuren, die die klassische Literatur – ganz klassisch – als gedrucktes Buch gelesen haben, wie sie gleichzeitig selbstverständlich die modernen Informationsmedien nutzen, so wie sie sportlich ritterliche Fechtkunst ebenso kennen wie den Kampf mit Laserschwertern aus Star Wars und Matrix.

Mit einem solchen medialen Setting sozialisiert und ausgerüstet hat Gardarsson mit Der Sturm zwar zweifellos einen Sturm von Effekten entfacht, die sich im Stroboskoplicht als slow-motion-Szene manchmal allzu vordergründig in selbstreferentieller Verliebtheit genügen. Gleichzeitig verlieren die ewig gleichen, Theater kompatiblen Abu-Ghraib-Assoziationen, je häufiger man sie gesehen hat, ihre Überzeugungskraft. Stellenweise verliert der Sturm trotz eindrucksvoller Bild-Audio-Inszenierungen (Musik: Jan Faszbender) seine dramaturgische Stringenz. Es hat manchmal geradezu etwas Zwanghaftes, die neuen medialen Sehgewohnheiten (oder die, die dafür gehalten werden) als Multitasking-Show misszuverstehen.

Ob Der Sturm aus München nachhaltig einen Sturm der Entdeckungen, wie es das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele INSELREICHE. Land in Sicht – Entdeckungen verspricht, zu entfachen vermochte, werden die nächsten Festspielwochen mit ihren Inszenierungen zeigen. Das Publikum applaudierte jedenfalls schon einmal durchaus stürmisch.

04.05.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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