Deutsches Theater Berlin mit Alltag & Ekstase von Rebekka Kricheldorf auf der Suche nach der deutschen Kultur

 

Wer bisher noch Zweifel hatte, dass der Umbau von der montan-bestimmten Region Ruhr zur Kulturregion nur eine schöne Vision ist, sollte spätestens mit Mai 2014 davon endgültig Abschied nehmen. Oder er bleibt in seinem Schubladendenken, zugenagelt in selbstverschuldeter Gestrigkeit.

Ruhrfestspiele Recklinghausen und Sücke 2014 Mülheim geben sich zurzeit die Theaterklinken gegenseitig in die Hand. Nach der Begegnung des Deutschen Theaters Berlin mit dem Klassiker des absurden Theaters Endspiel von Samuel Beckett im Theater Marl im Rahmen der Ruhrfestspiele (Endspiel als Lebensspiel – Samuel Beckett mit dem Deutschen Theater Berlin bei den Ruhrfestspielen im Theater Marl, Kritik vom 18.05.2014) gastierten die Berliner mit dem Auftragswerk Alltag & Ekstase (Uraufführung am 17.01.2014, Kammerspiele Berlin) der jungen Dramatikerin Rebekka Kricheldorf bei den 39.Mülheimer Theatertagen NRW, Stücke 2014.

Der Auftakt zu einer ernst-komödiantischen Familienaufstellung – kurz vor dem Gipfel des Mount Everest noch schnell eine Selbstbefindlichkeitsanalyse – beginnt mit Ernüchterung: Die Suche nach der Schönheit in der Natur habe ich mir so nicht vorgestellt. Am Ende, nach vielerlei Versuchen der Wirklichkeit zu entkommen und in einem erträumten, ganz anderem Sein anzukommen, immer begleitet von jemand, der therapeuthisch in der Gegend herumsteht, alles nachfragend, bleibt die modifiziert ernüchterte, frag(würdig)e Hoffnung: Ist nicht jeder gern einmal weg? Der Berg kreiste und gebar ein Maus: Circulus vitiosus reinkarniert.

In den zwei Stunden dazwischen wird alles das zur Sprache gebracht, was wichtig ist, wenn es ums vermeintlich Ganze geht. Gender-Mainstream politisch und kulturell gerecht, die Psycho-Couch immer in der Nähe. Ob die Fick-Geschwindigkeit stimmt, ob das 13jährige Kind River (der Name Teil der Überzeugung, dass alles, wie im Kurs gelernt, fließt: Seelen-panta-rhei) im Zimmer ist (oder auch nicht), ob das Null-Energie-Haus die energetische Balance der Gefühle fördert, jedes Wort, jeder Satz wird konsequent erbarmungslos hinterfragt. Alles Infragestellte muss gewichtigen Argumenten standhalten, sonst wird es nicht akzeptiert.

Männerfixierte Gesten sind ebenso schnell und unmittelbar zu wiedersprechen oder gar tatkräftig mit Händen und Füßen (gut, dass der Tai-Chi-Kurs noch ganz frisch ist) zu bekämpfen, wie das nicht biologisch dynamisch produzierte Müsli nicht auf den Tisch kommt. Kategorischer Imperativ als Dogma, psycho-berauschter Dilettantismus sowie avancierte Libido-Arroganz vermischen sich zu einem Sprech-Gebräu, das irgendwann nur noch ausgekotzt werden muss, um wieder frei atmen zu können. Wenigstens vergewissernd wahrnehmen, wenn denken schon nicht klappt. Was letztlich bleibt sind Kotze-Spuren an der so geschönten, schön ausgedachten, aber schlecht verhangenen Fassade.

Daniela Löffner hat das augenzwinkernd leichtfüßig inszeniert. Das eine oder andere Schmunzeln, grimassierendes Grinsen oder auch lautes Heraus-Lachen hatte etwas von dem, als würde ein Hund aufjaulen, weil er auf den Schwanz getreten wurde: Ich kenn‘ das ja auch. Ein Kurs hilft! Löffners Inszenierung schaut sich an, als würde man einen auf und ab fahrenden Kirmes-Schlagerexpress-Wagon zu sehen. Pendelverkehr zwischen Oktoberfest und Erotik-Shop, nonstop Tokio via Berlin auf der Suche nach der deutschen Kultur. Gern auch auf Mallorca.

Janne (Jannek Petri spielt Jannek ohne k; ansonsten läge die Vermutung nahe, er spielte sich selbst?) in der Rolle des in die Jahre gekommenen, jugendlichen Sinnsuchers – immerhin schon 40 – will irgendwann nur noch: raus aus mir. Um zu wissen wohin, hilft sicher auch kein Kurs. Nach dem doppelten Kultur-Schock mit Herrn Takeshi erleidet er ebenso eine Bauchlandung, wie Günter, sein Vater und seine Ex-Mutter Sigrun.

Thomas Schumacher persifliert das Klischee eines japanischen Touristen zwischen Heim und Spaß mit einer ironischen Distanz, die eher die sogenannte deutsche Kultur entlarvt als das sie japanische Rituale diskriminiert.

Harald Baumgartner überspielt, respektive vernuschelt den hippiesk sich gebenden Vater anfänglich als Typ, der seine indoktrinierten 1968ger Scheuklappen mit Einfalt pflegt und unverständlich im doppelten Sinn bleibt.

Judith Hofmann hat sich aus der Mutter- und Großmutterschaft ausgekauft, um mehr sie selbst sein zu können. Was immer das bedeutet. Aber sie will es unbedingt. Indem sie sich die Argumentation verständlich zu machen versucht, verliert sie irgendwann Maßstab und Kontrolle. Hofmann spielt den Kontrollverlust von Sigrun zwischen Alltag & Ekstase in nuanciertem Selbstmitleid. Rußgeschwärzt kann sie sich noch aus dem brennenden Haus retten.

Aber wo ist River? Nobody knows, höhenberauschte Traumzuflucht. Dem phantasierten Vater Jonas in den Himalaya hinterher. Derweil hat sich Jannes Ex, Rivers Mutter Katja (Franziska Machens) gerade aus der Selbsthilfegruppe für Mütter von Rock-Star-bessenen Kids befreiende Hilfe geholt – und dabei gleich noch den richtigen Mann gefunden. Machens gelingt mit dieser Mutter-Frau-Gender-Apologetin Katja, die unablässig an ihrer Entwicklung arbeitet, eine pointierte Charakterstudie von über- und gleichzeitig unterfürsorglichen Latte-Macciato-Müttern. Sich vorwärts treibend mit aufwallenden Erregungs- und Aufregungs-Attitüden und selbstbefeuerten Diskurs-Überforderungen wird sie von ihren eigenen Ansprüchen überholt. Lost in Transation.

Auf dem Weg zur Studiobühne ein Satz von Rebekka Kricheldorf wie ein Menetekel an der Wand: Und ich lauf hier rum mit diesem, diesem, diesem Loch des unwiederbringlich Versäumten in meiner Erlebniswelt. Wer etwas Echtes erleben will, der sollte die Erlebniswelt, das Event besser meiden. Vielleicht lässt sich am ehesten nur so die Schönheit in der Natur als Kultur finden?

28.05.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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