Glücksmomente mit Isabelle Huppert in Les Fausses Confidences bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

© Peter E. Rytz 2014

© Peter E. Rytz 2014

 

Mit dem ersten Satz erst einmal die Irritation. Isabelle Hupperts Stimme im Film als deutsche Synchronstimme im Ohr, klingt sie live in der Tonlage Alt bis Mezzosopran spröde mit rauchigem Timbre. Das mit dem zierlichen, fast zerbrechlich anmutenden Weltstar Huppert, die jetzt auf der Festspielbühne Recklinghausen in Les Fausses Confidences(Falsche Vertraulichkeiten)zu erleben war, sie mit der bisher gekannten Huppert in Übereinstimmung zu bringen, war an diesem Abend die erste Übungseinheit.

Im Pressegespräch am Tag nach der Premiere wird sie, auf den Unterschied zwischen Film- und Theaterarbeit angesprochen, sagen: Film ist wie Radfahren. Das ist Routine. Theater zu spielen, ist wie einen Berg besteigen. Die Ansprüche sind größer. Übung für sowie Einübung in die darzustellende Figur funktioniert ihrer eigenen Aussage nach mit der Vorstellung, als wenn es diese Person noch nie gegeben hätte.

Dass die Inszenierung der Komödie Les Fausses ConfidencesdurchLuc Bondy (Kooperation von Ruhrfestspiele Recklinghausen, von Odéon-Théatre de l’Europe Paris, von Les Théatres de la Ville Luxembourg und von Célestins-Théatre de Lyon) mit einer Tai-Chi-Übungseinheit beginnt, folgt einer doppelten konzeptionellen Logik. Konzentration auf den Bewegungsablauf des Stücks an sich sowie die nicht sofort offenkundig erkennbaren Beweggründen, die die Witwe Araminte (Isabelle Huppert) auf das inszenierte Sekretär-Liebes-Spiel des jungen Schönling Dorante (Louis Garrel) eingehen lässt. Anfangs sich neugierig ihrer Attraktivität als in die Jahre gekommene Frau prüfend, schmeicheln ihr mehr und mehr die ihr hinter vorgehaltener Hand zugetragene Liebesverrücktheit des smarten Sekretärs. Obwohl sie sie als falsche Vertraulichkeiten erst nur ahnt und sie sich später ihrer vergewissert, spielt sie um ihrer Sehnsucht nach dem Geliebtwerden mit.

Les Fausses ConfidencesvonPierre Carlet de Marivaux (1688 – 1763), einem in Frankreich immer noch viel gespielten Autor, ist eine hintergründige Variation von Liebe zwischen tolldreister Intrige, akzeptierter Lüge als Mittel zum Zweck und einem mit nach normalen Maßstäben nicht zu begründenden Hoffnungen aufgeladenem Trotzdem. Eine Konstellation wie gemacht für Isabelle Huppert.

Grauzonen emotionaler Resonanz, die sich als Schnittmengen des Unbewussten andeuten, so zu spielen, dass das nach landläufiger Erfahrung Erwartete sich gerade nicht einlöst, sondern wie ein einsames Segelschiff, das auf dem Meer die Orientierung verloren hat, erst einmal die Richtung des Windes erlauscht. Wendemanöver nicht nach dem Handbuch der Schifffahrt, sondern nach dem, wie der Wind den Körper umschmeichelt. Jedem Wind ist ein Grund eigen. Den Windzug, der in einem konkreten Moment von einem ebenso konkreten Individuen ausgeht, den es lohnt, wie eine geheimnisvolle Botschaft nachzuspüren, spiegelt sich in den Augen und in den Gesichtszügen der Huppert.

Ins Gesicht sehen, um zu sehen, wer er, Dorante und wie es, die inszenierte Liebesschmeichelei ist, das ist es, was ihre Schauspielkunst auszeichnet. Selbstbetroffen im überraschten Staunen verliert Araminte ihre ausbalancierte Contenance. Stolpert, verdrehter Körper kurz vor dem Hinfallen. Oder wie sie sich mit einer leichten, manchmal nur angedeuteten Körperdrehung dem Ein- und Be-Greifen ihrer Mutter, Madame Argante (Bulle Ogier spielt sie relativ eindimensional als am versilberten Krückstock vor sich hin tappende Greisin, die glaubt, das Heft nach wie vor in der Hand zu haben) entzieht, geriet zu fein nuancierten Pieces.

Hupperts Spiel lebt von einer energetischen Spannung von Stimme, Mimik und Gesten. Man fragt sich unwillkürlich, an welches Energiefeld diese zierliche Frau angeschlossen ist, um mit einer so intensiven Überzeugungskraft zu spielen. Glaubt man ihr Spiel dechiffriert zu haben, öffnen sich im nächsten Moment Fenster und Türen zu Räumen, hinter denen Szenen so beleuchtet erscheinen, dass sie häufig ein Anderes offenbaren, als das, was man offensichtlich sieht.

Neben Isabelle Hupperts fein getuntem Spiel haben es die anderen Schauspieler schwer, sich zu behaupten. Louis Garrel spielt beispielsweise den Dorante in seinem Liebespoker eher brav ohne größere schauspielerische Akzente zu setzen. Yves Jacques als verschwitzt verschmitzter Strippenzieher Dubois zieht dagegen ordentlich vom Leder der Schauspielerei. Wie seine markant ins Gesicht fallenden, verklebten Haarsträhnen diesen Typ per Maske skizzieren, so erfüllt und ergänzt er diese Vorgabe durch spielerische Variabilität. Ebenso gelingt Bernard Verley mit Mr. Remy eine durchscheinende Charakterstudie.

Marivaux schrieb seine Stücke in einem maniriert kunstvollen Französisch, das sich nur schwer adäquat ins Deutsche übertragen lässt. Der Kompromiss mit einer eingeblendeten deutschen Übersetzung ist wie immer in solchen Fällen zwiespältig. Einerseits hilft er, dem Spielverständiger folgen zu können, andererseits lenkt er vom eigentlichen Spiel ab.

Am Schluss hingestreckt beide, Araminte und Dorante. Ergeben einem unbekannt bleibenden Schicksal. Er auf dem Fußboden zu ihren Füßen; sie auf einer Kommode wie Iphigenie auf dem Opferaltar. Er den Kopf in der Armbeuge (schamhaft?) verborgen; sie den Körper dem Universum über ihr geöffnet. Traumverloren dem süßen Liebesschicksal hingegeben, verlöschte das Bühnen-Licht, während im Hintergrund der Cole-Porter-Song All through the night, I delight in your love erklang. Melancholisch und sentimental zugleich verlieren sich die Stimmungen.

Mit Isabelle Huppert beschwingt durch die Nacht, ist gefühliges Glück pur. Wann hat man das sonst schon?

31.05.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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