Barbara Nüsse als neue Penelope im Theater Marl während der Ruhrfestspiele

bn

Als Barbara Nüsse mit dem letzten Ja – ….und ich hab ja gesagt ich will Ja – ihre szenische Lesung Penelope – Das letzte Kapitel von James Joyce ULYSSES im Theater Marl (Ruhrfestspiele 2014) beendet hatte, war ihr sichtlich anzusehen, wie viel Anstrengung sie dieser Text gekostet hatte. Knapp zwei Stunden zuvor hatte sie mit einem seufzenden Ja – weil er sowas doch noch nie gemacht hat – ihre Ulysses-Erinnerungsreise mit Molly Bloom begonnen.

Das besitzanzeigende Ihr ist der theatralischer Fußabdruck, den sie in der deutschen Schauspielkunst der letzten Jahrzehnte hinterlassen hat. Ihrer Selbstaussage nach ist ihr dieser Monolog von Gedanken, Erinnerungen, Reflexionen und Phantasien einer Frau am Beginn des 20.Jahrhunderts wie maßgeschneidert vor 30 Jahren vor die (Schauspiel)Füße gefallen. Trotz herausragender Engagements an den bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen – für ihre Darstellung als König Lear am Schauspiel Köln (Regie: Karin Beier) erhielt sie 2009 den Gertrud-Eysoldt-Ring für herausragende Schauspielkunst – nahm sie sich Zeit, um daneben immer wieder eigene Projekte zu entwickeln.

Mit dem Penelope-Projekt, zusammen mit Ulrich Waller 1986 erarbeitet und eingerichtet, wurde sie für viele die Barbara Nüsse. Über Jahre war sie als Molly-Bloom-Penelope europaweit unterwegs. Sie schuf sich eine Fan-Gemeinde, die ihr jetzt bis nach Marl folgte. Sie ist insbesondere für viele Frauen ihrer Generation (die, zwar noch im Krieg geboren, aber der allseits platzgreifende, bundesrepublikanische Wirtschaftsaufschwung-Gemütlichkeit den Spiegel vorhielt) neben ihrer Rolle als Schauspielerin mit der Penelope-Figur zu einem Sprachrohr von verlässlichen Überzeugungen geworden. Einem Sprachrohr, dem die feministisch plakative Attitüde nicht eo ipso eigen ist und vielleicht gerade dadurch leisen, hintergründigen Selbstbewusstseins-Tönen eine nachhaltige Plattform geistiger Verbundenheit schuf.

Die Bezeichnung Penelope für den Epilog des Ulysses legt nahe, sie mit der Frau dieses Namens in der griechischen Mythologie dialogisch zu verbinden. Wartete die griechische Penelope zwanzig Jahre lang auf die Wiederkehr ihres Mannes Odysseus und musste in dieser Zeitimmer wiedermännlich freiendes Liebesbegehren abwehren, so reflektiert Molly-Bloom-Penelope ihre schmerzvolle Wartezeit bis Leopold Bloom ihr einen Antrag machte – die Sonne scheint für dich allein hat er damals gesagt…. Wie ich ihn so weit kriegte daß er mir den Antrag gemacht hat – mit dem einfriedenden Abstand von mehr als zehn Jahren.

Odysseus‘ Penelope trickste die Liebesabenteurer mit dem Hinweis aus, sie habe für Liebesspiele keine Zeit, da siefür ihren Schwiegervater Laertes ein Totentuch weben müsse. Und trennte, damit dieses Argument lange hielt, in der Nacht große Teile des Gewebten wieder auf.

Joyce‘ Penelope leistet demgegenüber einen Offenbarungseid: Frauen haben im Prinzip keine Chance, sich dem Männer-Verlangen nach letztlich nur dem Einen zu verweigern: Wie die Zuchthengste rammen sies einem rein weil das ist ja überhaupt alles was sie von einem wollen. Andererseits hat es für sie auch eine durchaus lustvolle Seite. Trotz fragendem Zweifel – wahrscheinlich ist es das ja auch wozu eine Frau überhaupt da ist – auch ein zustimmendes Warum-nicht: Ich zieh mein bestes Hemd an und Schlüpfer und seh zu daß er auch ordentlich was mitkriegt davon daß ihm sein Pimmel hübsch zum stehen kommt.

Barbara Nüsse seziert diesen Text zu einem Subtext, der den Monolog in einen Dialog überführt. Auf der Bühne ein Tisch und zwei Stühle. Auf dem einen ist Leopolds Morgenmantel abgelegt, dem sie sich szenenweise zuneigt, wenn sie ihm fragend ins Gewissen monologisiert. Dieses antwortlos bleibende An-Reden am Tisch wird auf der Videowand zu einem Dialog mit sich selbst. Korrespondierend mit der szenischen Live-Lesung, erweitert durch ihre Performance von 1986/87, die auf der Rückwand der Bühne als Filmeinspielung zu sehen ist, wird die Vergangenheit mit der Gegenwart verbunden.

Spielte Nüsse damals in einem (Beduinen?)Zelt zu den von Molly erinnerten Kastagnetten, vermischt mit einer kratzigen Schallplattenaufnahme von Maria Callas (?), eine Joyce’sche Verzweiflungsarie mit extemporierter Eindringlichkeit, so verließ sie sich im Theater Marl fast ausschließlich auf ihre Stimme. Ihre Lesung entwickelte sich zu einem zeitlosen Dialog, wechselweise vor tonlosen Szenen und vor Film-Stills. In den Momenten, wo die Tonspur auch den gesprochenen Text hörbar werden ließ und sie sich vom Tisch erhob, um ins eigene Bild zu treten und sich selbst zu zuhören, vermischten sich wie in einer Zeit gebeamten Aureole das Gestern im Heute und das Heute im Gestern.

Ab dem Moment, wo Molly, ernüchtert und gleichzeitig erheitert, erkennt – wenn ich eine schändliche Ehebrecherin bin wie dieser Doofmann auf der Galerie gerufen hat oh also wenn das alles ist an Schlimmen was wir in diesem Jammertal getan haben weiß Gott dann ist das nicht viel – befreit sich Nüsse nicht nur von der Last des bis dahin getragenen Wintermantels, sondern auch vom Ballast falscher Schamgefühle.

Im selben roten, rückenfreien Kleid wie im Film auf der Leinwand spricht sie die letzten Sätze als eine neugeborene Penelope. Alter, Zeit und Ort entgrenzend, um die alten Mann-Frau-Ritualisierungen, wenn schon nicht vollständig aufzubrechen, so sie wenigstens aus einer statuierten Balance zu bringen.

Mit nach innen gekehrtem Lächeln nahm Barbara Nüsse am Schluss den lebhaft zustimmenden Applaus dankbar entgegen. Penelope – und kein Ende. Ihre griechische Schwester wurde durch die Zauberkräfte der Kirke unsterblich. Auf solche Hilfsmittel kann heute niemand hoffen. Aber mit Barbara Nüsse bleibt die Macht der Worte als Hoffnung.

04.06.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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