Immer wieder, immer noch Warten auf Godot, diesmal mit dem Deutschen Theater Berlin

© Arno Declair

© Arno Declair

 

Wie viele Traktate mögen schon geschrieben worden sein, um dem Warten auf Godot auf die Zeit-Spur zu kommen? Seit mehr als 60 Jahren in zahllosen Inszenierung der Versuch zu verstehen, was die mit der Geburt geschenkte und unbekannte Lebenszeit eigentlich ist. Wozu und wovon sie in ihrem unwiederholbaren Ablaufen bestimmt ist, bleibt letzten Endes unbestimmt. Sie verläuft sich, so könnte man meinen – sich auf Samuel Beckett berufend -, in einem absurden Nichts.

Auch in der Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin durch Ivan Panteleev in memoriam des Vordenkers Dimiter Gotscheff, die jetzt an drei Tagen im Festspielhaus Recklinghausen zu sehen war, stehen Estragon (Wolfram Koch) und Wladimir (Samuel Finzi) am Ende wieder da, wo sie begonnen haben zu warten. Ein apokalyptisches Szenario von Warten, von Abwarten und Bleiben. No exit! Estragon: Komm, wir gehen! Wladimir: Wir können nicht. Estragon: Warum nicht? Wladimir: Wir warten auf Godot. Estragon: Ah! Diese zyklische Struktur geht einem nüchtern fragenden, fragwürdigen Eingeständnis nach: Was ist wirklich wahr?

Der schwäbische Vater einer Freundin ist davon überzeugt, dass Menschen, die nichts Handfestes schaffen, ihre Zeit verdummen. Warten auf Godot, ein Spiel über das Verdummen der Zeit? Oder der Versuch über die Schwierigkeiten, sich den in einer Leistungsgesellschaft allgemein anerkannten und eingeforderten Nachweis über den Nutzwert jedes Tuns zu entziehen?

Wenn Estragon und Wladimir auf Godot warten, von dem sie nicht wissen, wer er ist, warum sie überhaupt auf ihn warten, was sie sich von ihm erhoffen, stellt sich irgendwann die Frage: Worauf warten und was kann man davon erwarten? Kann es mehr sein als ein vages, vagabundierendes Hoffnungsspiel?

Warum gibt es alles und nicht nichts? fragt der in den Medien omni-präsente Philosophen Richard David Precht. Wissenschaftliche Autorität in die Waagschale zu werfen, so zeigt sich auch hier, kann nur bedingt helfen. Warten ist Teil des Seins, des in die Welt Entlassenen-seins. Manche haben für sich die Kultur des Aussitzens entdeckt. Andere halten das Rad bedingungslos in Schwung, allein damit es nicht stehen bleibt. Im Immersoweiter zu fragen, wohin und warum wird häufig unterlassen.

Diese Beobachtung: Warten vor dem Beginn der Aufführung; ein allseits respektiertes Ritual. Aber es gibt Zwischentöne, die das auch bezweifeln. Entspanne Dich! munterte ein Mann sein Frau vor dem Festspielhaus auf. Kann‘ ich aber nicht! Noch weniger konnte es dann mit Vorstellungsbeginn ein Teil der Zuschauer. Hustend, hüstelnd machte sich Unruhe breit. Mit dem bis hier Gewartetem möge es jetzt reichen, schienen sich einige Zuschauer einig.

Da, wo Beckett einen Baum als Orientierungspunkt des Wartens bezeichnet hat, hat Panteleev einen Suchscheinwerfer gestellt. Der Lichtstrahl wird durch den Zuschauerraum geführt, so als wolle er die Zuschauenden einfangen, sie auf die Bühne holen und sie in die Estragon-Wladimir-Wartegemeinschaft eingliedern. Die mit einem rosafarbenen Tuch bedeckte, kegelförmige Vertiefung im angeschrägten Bühnenboden ist in ihrer Untiefe nicht endgültig zu überblicken. Platzhalter für alle, die jetzt nur zuschauen, nach der Vorstellung aber wieder in ihren eigenen Wartestatus zurückkehren. Stand-by, night and day.

Auf der Bühne erledigen vorerst Wolfram Koch und Samuel Finzi das Warten für uns. Sie ziehen dabei alle Register ihrer Schauspielkunst. Aus einem eher beiläufigem Erzähl- und Frageton, aus einem Dies-und-das-Sagen entwickeln sich Welt-Probleme, die Koch und Finzi in situativ variablen Sprech- und Spielarrangements auflösen. Sie bringen bildhaft das zur Sprache, was sich einer einfachen Logik entzieht. Entsprechend haben sie auch nichts in der Hand, das als Ding-Gegenstand deutlich erkennbar wäre. Sie verfügen aber über ein großes Repertoire von gestischen, pantomimischen und von nonverbalen Ausdrucksmitteln insgesamt, die ihrem Spiel den Drive geben, um das Warte-Nichts zu fassen zu bekommen.

Die Bühne (Mark Lammert) ist mit der Vertiefung, dem Loch zuerst einmal ein sportlich ambitionierter Kreislauf-Parcour (nur von fitten Schauspielern durchzustehen!). Er ist aber auch eine Raumstruktur, die die dramaturgische Idee zwischen Beschleunigung Wir gehen! undEntschleunigung Wir bleiben! in einen Stillstand überführt, den Estragon und Wladimir nur gemeinsam aushalten können. Schauspielerisch eindrucksvoll die Szene, in der sie sich aus zwei Jacken gegenseitig in eine zusammenknöpfen. Und wenig später merken, dass auch das keine grundsätzliche Lösung ist. Deshalb die einzige feste Größe beschwörend: Wir bleiben!

Das Loch, aus dem Pozzo (Christian Grashof) mit seinem Diener Lucky (Andreas Döhler) zu den Godot-Wartenden ans Tageslicht kommt, erhält mit dem Namen Pozzo eine interessante semantische Facette, die den Raum neu deutet. Aus Pozzo (ital. Brunnen) sprudeln plappernd Wortkaskaden, die von Lucky – von Pozzo mit Du Schwein! in seiner Dienstbereitschaft ständig gedemütigt – über weite Strecken wortlos erledigt werden. Er ist trotzdem vielleicht der einzig Glückliche in dieser Wartegemeinschaft. Als er von Pozzo aufgefordert wird: Denke, Du Schwein! erweist er sich in seinem kindlich naiven, überdrehten Schnellsprech-Kauderwelsch als ein Klar-Seher. Er gemeindet Dimiter Gotscheff wie zufällig ein, benennt ihn für alle Wartenden als Gewährsmann für ontologische Ansätze zur Verortung des Unbestimmten. Eine eindrucksvolle Spielszene, die zu Recht mit Zwischenapplaus bedacht wurde.

Dass Grashof aus dem Off des Pozzo von der Soufleuse (Martina Jonigk) mehrfach die Stichworten vorgesprochen bekam, kann man wohlwollend als dramaturgisch beabsichtigte Absurdität hoch drei verstehen. Mein Gedächtnis funktioniert auch nicht mehr so wie früher, erklärte sich Grashof-Pozzo.

Am Schluss verlöschte das Licht zu einem eintönig pfeifenden Lokomotiven-Ton, wie er auch zu Beginn aus dem Dunkeln der Bühne erklang. Für mehr als zwei Stunden ein helles Bühnenlicht, von dem man vergeblich hoffte, Licht ins Dunkel des Wartens zu bringen. Erhellen, was sich nicht durch Erklärungen aufhellen lässt. Es bleibt somit nichts anderes übrig, als weiter zu warten. Mit und ohne Godot.

07.06.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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