Bellini konzertant im Konzerthaus Dortmund, ein Konzert mit zwei Gesichtern

 

Das kann jedem Veranstalter passieren. Um dem Konzertprogramm eine besondere Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung zu geben, wird ein Solist herausragend vorgestellt. Auf dem Deckblatt des Programms zur konzertanten Opernaufführung I Capuleti e I Montecchi von Vincenzo Bellini im Konzerthaus Dortmund warb die weltweit gefeierte Mezzosopranistin Vivica Genaux mit ihrem Portrait dafür.

Dass Genaux krankheitsbedingt absagen musste, stellte jetzt nicht nur die Festivalleitung von KlangVokal Dortmund vor ein Besetzungsproblem. Ebenso mussten sich viele Konzertbesucher mit dieser neuen Situation arrangieren. Man kennt das ja zur Genüge, wenn vor Vorstellungsbeginn der Intendant des Hauses vor den Vorhang tritt, schwant dem Konzertbesucher nichts Gutes. Ein kollektives Oh schafft sich Luft. Ausatmen, um sich fragend neu zu orientieren: Wie wird sich der Ersatz in die Inszenierung einfinden?

Dass es auch ganz anders überraschend sein kann, dafür sorgte der Genaux –Ersatz, die junge Mezzosopranistin Jana Kurucová. Sie übernahm kurzfristig die Rolle des Romeo, gab damit gleichzeitig ihr Rollendebüt – und siegte auf der ganzen Linie. Kurucová gab der Partie nicht nur mit ihrem geschmeidigen, auch in den Koloraturen differenziert artikulierten Mezzosopran eine nachhaltige Struktur. Sie belebte den Romeo, in dem sie mimisch und gestisch auch während der Wartezeit in der Figur blieb und das Geschehen anteilnehmend verfolgte. Sie lächelte, wiegte sich in den orchestralen und solistischen Musikläufen. War sie dann wieder dran, war sie sofort hellwach und präsent.

Während sie überzeugend versuchte, ihren Romeo sängerisch und spielerisch unter den einschränkenden Bedingungen einer konzertanten Aufführungen zu gestalten, sah man mit Ausnahme von Elena Gorshunova als Giuletta die anderen Solisten auf ihren Stühlen relativ beteiligungslos auf ihren nächsten Einsatz warten. Ohne sichtbare Anteilnahme am Fortgang des Operngeschehens, kaum emotionale Aufmerksamkeit. Man konnte den Eindruck haben, als würde man nicht in einer Belcanto-Oper von Bellini sein sondern in einem Trauerspiel.

Obwohl es insbesondere für die Gesangssolisten ein grundlegendes Problem von konzertanten Aufführungen ist, sich auf die aktiven szenischen Gesangseinsätze konzentriert vorzubereiten, hätte man sich mehr von dem Kurucová-Esprit erwartet. Mag sein, dass die solistischen Einsätze von Lorenzo (der Bassist Wenwei Zhang spulte seine Rolle in stoisch routinierter und statisch fixierter Pose herunter, ohne eine irgendwie geartete Rollenidentifikation erkennen zu lassen und gesanglich überzeugen zu können) und Capellio (der Bariton Thomas Laske bemühte sich in seinen relativ kurzen Einsätzen um Expressivität; wirklich zu überzeugen, gelang auch ihm nicht) nicht die großen Solistenrollen sind. Aber gerade deshalb hätte der Aufführung unter Friedrich Haider mit dem WDR Rundfunkorchester mehr solistisches Engagement gut getan.

Dass viele Konzertbesucher den Abend zu ihrem eigenen Musik-Event machten, zeigte sich von Anfang an. Schon nach der brachial pathetischen Sinfonia zu Beginn, die Haider noch in letzte Publikumskonzentrationsunruhe anstimmte, heftiger Applaus und Bravi-Rufe. Das setzte sich vor allem im ersten Teil bis zur Pause nach jedem solistischen und Chor-Gesang gesteigert fort. Giorgio Berrugi als Tebaldo gefiel sich sichtlich nicht nur selbst in der Rolle des Belcanto-Tenors, sondern gewann mit großer gestischer Emphase und Pose das Publikum für sich. Dass er in den Höhen nicht immer die Übergänge traf und dazu neigte, eine klarere Akzentuierung zu verschmieren, tat dem überschwenglichen Jubel keinen Abbruch.

Warum Bellini in seiner Komposition den kompakten Männerchor durch einen voluminösen Frauenchor (Einstudierung: Robert Blank) im zweiten Teil erweitert hat, ergab sich als Notwendigkeit zumindest in dieser Aufführung nicht. Der Männerchor sang kraftvoll die Tutti-Stellen, wie er das lyrische Melos auszukosten wusste.

Offensichtlich hatten sich einige Besucher an diesem Abend in das Konzerthaus Dortmund verirrt. Nach der Pause waren jedenfalls etliche Lücken im Parkett zu sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass die konzertante Aufführung nach der Pause deutlich überzeugender war als zuvor. Nicht nur, dass sich die Applausbereitschaft verringert hatte; es war eine mehr der Musik als dem Event zugewandte Hörbereitschaft spürbar.

 

08.06.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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