Mit Käfer, Crash& Capri-Batterie auf Entdeckungskurs im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr

Arnold Odermatt: „Stans 1973“, 1973 Silbergelatineabzug, 30 x 40 cm Sammlung Schiffer © VG Bild-Kunst, Bonn

Arnold Odermatt:
„Stans 1973“, 1973
Silbergelatineabzug, 30 x 40 cm
Sammlung Schiffer
© VG Bild-Kunst, Bonn

 

Wer heute in Deutschland durch Kunstausstellungen geht, kommt nicht umhin festzustellen, in einem reichen Land zu sein. Trotz öffentlicher Diskussion über kommunale Verschuldungen und der damit verbundenen Suche nach sogenannten Einsparmöglichkeiten gibt es nach wie vor einen großen kulturellen Reichtum. Dass immer wieder neue Privatsammlungen auftauchen und Eingang in den Kunstausstellungsbetrieb finden, kann deshalb nicht wirklich überraschen. Überraschend ist allein vielleicht ihre unbekannte Vielzahl – und ihre Qualität.

Im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr ist jetzt die Sammlung Schiffer zu sehen (noch bis 17.08.2014). Unter dem mediokren Titel Käfer, Crash & Capri-Batterie hat der Ingenieur Dr. Hans Peter Schiffer Kunstarbeiten gesammelt, die offensichtlich in einem assoziativen Kontext zu seinem beruflichen Faible für Technik stehen. Die Faszination technischer Spielformate, reflektiert in künstlerischen Arbeiten nach 1945, ist eine Konstante dieser Sammlung. Verschränkte Wahrnehmungen, die den Betrachter für Momente irritieren und ihm Anlass bieten, genauer hin zu schauen. Hoffentlich auch dann, wenn er das Museum wieder verlassen hat.

Bild und Abbild als kategoriale Kategorie, umgemünzt in Licht und Schatten, ereignet sich mit den ersten Schritten in die Ausstellung. Vor Feuerwehrturm (1958) von Harry Kramer oder vor Radio 3 (2003) von Thomas Raschke stehend, wandert der Blick vom Objekt zu seinem Schatten. Die dreidimensionale, kinetische Skulptur wird durch das Zeit-Lichtfenster um eine Dimension erhöht. Wenig später kann die gesamte Komposition schon ganz anders gesehen werden. Vergleicht man diese beiden Arbeiten, die fast ein halbes Jahrhundert voneinander trennt, bleiben sich die Wahrnehmungsassoziationen gleich, respektive sind zeitunabhängig.

Haben diese unspektakulären, eher weniger in Ausstellungen zu sehenden Objekte einen spielerischen Entdeckungsreiz, entbehren die Crash-Fotografien des Fotografen im Schweizer Polizeidienst Arnold Odermatt aus den 1960ger Jahren ebenso diesen Aspekt wie die in Dauerpräsenz all over the world gezeigten Industrietürme der Bechers. Seit Jahren tauchen sie in Fotoausstellungen immer wieder auf. Dass dabei Odermatts Fotografien auch einen voyeuristischen Blick bedienen, muss man ihnen nicht unbedingt anlasten. Aber ähnlich den Weegee-Fotografien aus den 1930ger Jahren beziehen sie ihre Aufmerksamkeit aus dem Spektakulärem des exklusiven Augenblicks.

Das Eigentliche der Sammlung Schiffer (ausgestellt sind insgesamt fast 80 Kunstwerke) erwartet den Ausstellungsbesucher im zweiten Ausstellungsraum. Erstaunlich ihre Qualität, die ein Querschnitt durch die Moderne der Aufbruchsjahre nach dem 2.Weltkrieg zeigt. Häufig eine Arbeit von einem Künstler, reihen sie sich wie auf einer Perlenschnur in die Kunstgeschichte dieser Zeit ein. Von Richard Hamilton (Fives Tyres Remoulded, 1972) über Roy Lichtenstein (Girl with Spray Can, 1963/64) oder Robert Rauschenberg (Arena II, 1969) bis Tom Wesselmann (Orange and Radio, 1991) eine Ansammlung Who is Who of Artist. Aber auch Groß-Künstler wie Andy Warhol (Truck, 1985), Joseph Beuys (Capri-Batterie, 1985) oder Günther Uecker (Kurzer Weg, 1983) mit eher selten ausgestellten Arbeiten ergänzen diese hochkarätige Sammlung.

Gleichzeitig überraschen Arbeiten mit ihrem kreativen und spielerischen Esprit von Künstlern, die nicht unbedingt zur Avantgarde gezählt werden. Sie neben den Schwergewichten der Kunst zu sammeln und sie auszustellen, verrät eine selbstbewusste Sammlerpersönlichkeit, die ihre eigenen Qualitätskriterien behauptet. Dass Arbeiten wie Rad der Zeit (2007) von Lorenz Lachner oder Kunstmaschine (2008) von Horst Pommerenke die Kunstgeschichte von den ready mades bis zu Mobiles deutlich erkennbar rezipiert haben, sollte eigentlich bei jeder künstlerischen Arbeit vorausgesetzt werden. Das kreativ Eigenständige ist die jeweilige reflexive Verfertigung in einer neuen künstlerischen Arbeit. Es gilt: Solange das geht, geht die Kunst.

In diesem Geltungsbereich durch die Ausstellung in Mülheim zu gehen, hat ihren Reiz insbesondere dann, wenn man sich auf Entdeckungen einlässt.

 

14.06.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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