Mit FJARILL auf leisen Sohlen in die Schlusskurve des diesjährigen KlangVokal Musikfestivals Dortmund

 

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Nach vier Wochen Suche nach Glück, wie das diesjährige KlangVokal Musikfestival Dortmund verheißt, ist es jetzt in die Zielkurve eingebogen. Wie kaum ein anderes Festival schafft KlangVokal es, sehr unterschiedliche Orte miteinander zu verbinden. Kirchen und Konzerthaus der Stadt, Orte, die vor allem für ernste Musik stehen, während Jazzclub domicil, Alter Markt und Westfalenpark eher für U-Musik im weitesten Sinne lockere Musikpodien bieten.

In einem Parallellauf eröffnete am Mittwoch das Vokalfolk-Duo Fjarill im domicil die letzten Festspieltage; bevor am kommenden Sonntag die Capella Mediterranea und der Choeur de Chambre de Namur mit einem festlichen Konzert in der St. Reinoldikirche den Schlusspunkt unter das diesjährige Musikfestival setzen werden.

Schmetterlingen gleich flogen Fjarill (Schwedisch: fjäril = Schmetterling) mit ihrer romantisch verklärten Klangfülle über die Musikhorizonte dieses Festivals. Die Schwedin Aino Löwenmark (p, voc) und die Südafrikanerin Hanmari Spiegel (p, viol, voc) singen und spielen nicht nur in allergrößter Selbstverständlichkeit in ihren Muttersprachen Schwedisch und Afrikaans. Sie sind davon überzeugt, dass Musik keine Grenzen kennt, auch keine Sprachgrenzen. Musik als Botschafterin für Frieden und Kinderglück, für Zeit-Haben und Zeit-Nehmen, für Einander-Zuhören, entgrenzt über die Zeit.

Dass sie an diesem Abend Songs aus ihrer neuesten CD-Veröffentlichung Tiden (Zeit) sangen, war eine wunderbare Liebeserklärung an die Schönheit des Lebens. Weder in dramatischer Erregungspose noch vordergründig programmatisch dick vorgetragen, war ihre Musik (ausschließlich Eigenkompositionen) wie ein leiser Hoffnungsfunke, der, wenn man bereit ist, zu zuhören, mühelos das laute Welt-Musik-Getöse übertönt. Weltmusik als Musik der Welt hat in Fjarill, so jung, so frisch, so selbstverständlich eine Stimme, die aus Hamburg in den globalisierten Durcheinander-Kosmos ruft: Hören und Zuhören gehören zusammen. Sie bilden Klänge, die Welt erfahrbar machen.

Gerade, weil es heute kaum noch möglich ist, Musik verschiedener Kulturen ohne kommentierende Zusätze als Weltmusik zu bezeichnen – das ursprüngliche Verständnis Musiken der Welt miteinander zu etwas Neuem zu verbinden, ist angesichts ihrer gnadenlosen Vermarktung und ihrer damit einhergehenden musik-ethnologischen Entwertung desavouiert -, braucht es vielleicht die unverbrauchte Leichtigkeit der Fjarill-Musik, um sie wieder zu hören.

Wer Aino Löwenmark auch in ihren kleinen Erzählungen zwischen den einzelnen Songs aufmerksam zuhörte, konnte von ihrem charmanten Schmetterlings-Glücksuchergefühl nur infiziert und zum Erinnern motiviert werden. Mit ihrem Hinweis, dass schon vor mehr als 30 Jahren der Jazz-Publizist Joachim-Ernst Berendt mit seinem umfassend recherchierten Hörwerk Vom Hören der Welt für ein Hören in die Welt hinein plädiert hat, verführte sie die Zuhörer zum Erinnern von schon einmal Gewusstem. Berendts Replik Der fragende Mensch ist auch ein hörender. versuchen Aino Löwenmark und Hanmari Spiegel in ihren Songs mit leisen Untertönen zum Ausdruck zu bringen.

Wie aus der iPhone-Zeit gefallen, ersingt Löwenmark atmosphärisch eine skandinavische Mitsommernacht auch da, wo sie meteorologisch gar nicht sein kann. Spiegel breitet ihr mit Violine (und Bratsche) den Background für einen das Publikum in andachtsvoller Stille verzückenden Klangraum. Ihr Spiel baut auf Akkorden auf, die häufig mit betontem Piano beginnend sich mitunter zu einem Höhenrausch der Gefühle, zu einem Allegro vivace auftürmen. Barfuß Hanmari, blaubestrumpft Aino gestalten sie Hören und Fühlen als Ganzkörpermusik.

Fjarill wirkt mit ihrer Musik ambitioniert in die Welt. Und ziehen ihre Kräfte gleichzeitig auch wieder aus dieser einen Welt. Aino Löwenmarks Pippi-Langstrumpf-Frisur ist so mehr als nur Kostümierung. Pippi Langstrumpf als ein (Märchen)Wesen mit ihrem burschikosen So-Sein dient ihr als Vorlage für das Fjarill– Plädoyer: Sei Du selbst!

Wie Fjarill mit ihrer Mitsing/Mitmach-Offerte Pippi Langstrumpf Rondo die Zuhörer bewegt, so reiht sich ihr Ukuthula Flashmob vom Mai diesen Jahres in einem großen Hamburger Einkaufszentrum in ihr Musik-Resonanz-Engagement ein.

Schön, dass das es das noch gibt: Dank Fjarill für Stunden das iPhone zu vergessen. Zeit im Zuhören genießen.

 

19.06.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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