Michelangelo Falvetti von Leonardo García Alarcón zum Abschluss des KlangVokal Musikfestivals Dortmund 2014 wachgeküsst

 

Auf der Suche nach Glück ist das KlangVokal Musikfestival Dortmund am Sonntag zum Abschlusskonzert in ganz besonderer Weise fündig geworden. Am Ende des Regenbogens schüttete das Glück sein Füllhorn über die Zuhörer in der St. Reinoldikirche aus. Mit Ecco‚ Iride paciera (Siehe hier ist der Regenbogen des Friedens) versanken im Oratorium Il diluvio universale von MichelangeloFalvetti die im Glück, die mit Noah in der Arche die Sintflut überlebt hatten.

Die Cappella Mediterranea zusammen mit dem Choeur de Chambre de Namur unter der Leitung des Argentiniers Leonardo García Alarcón erdete den Regenbogen und besiegte die Sintflut mit außergewöhnlicher, musikalischer Klangkraft. Nach den Schrecknissen von Flut und Tod, die der alttestamentarische Gott Jahwe über die Menschen ausgeschüttet hatte ( Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß auf Erden war und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihm, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden… , wie es im Genesistext heißt), und die Falvetti als Inspiration für sein Allegro furioso komponiertes Tempo é giá di punir l’offese mie (Nun ist es Zeit, die Beleidigungen, die man mir antat, zu bestrafen) diente, war die Rettung der Arche mit Noah und den seinen am Ende des Regenbogens auch für die Zuhörer in der St. Reinoldikirche eine Erlösung aus einer fast körperlich spürbaren Schreckensstarre.

MichelangeloFalvetti, ein bis vor wenigen Jahren komplett vergessener, sizilianischer Komponist des 17.Jahrhunderts hat Il diluvio universale 1682 zu einer Zeit komponiert, als Sizilien, nach erfolglosen Versuchen die spanische Fremdherrschaft abzuschütteln, fast unterging. Zudem war die Meerenge von Messina schon seit alters her bis heute ein symbolischer Ort, der immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wurde. Die Odyssee von Homer erzählt von dem dort hausenden Ungeheuer Skylla, halb Frau, halb (Kampf)Hund, die auf einem Felsen sitzend mit Charybdis im Bunde, Schiffe versinken lässt.

Vor diesem Hintergrund erzählt Falvetti in vier Abschnitten von Gottes Strafgericht, von dem von diesem Schicksal betroffenen Menschen, von der Flut und dem Tod sowie von der Arche-Noah-Rettung allegorisch die Geschichte in Form eines musikalischen Oratoriums. Eindrucksvoll und wirkmächtig komponierte er eine Musik, die mit Rezitativ, Arie, Chor und Orchester die jeweils erzählten Szenen zwischen lyrischem Melos und Todes-Stakkato ausleuchtet. Eine emotional tief bewegende Musik, die Mitzittern und mit jeder Note Mitbangen lässt. Um am Ende einem unvorstellbaren, nicht für möglich gehaltenen Glück entgegen zu lächeln. Wem göttlicher Wille sein Himmelreich ist (sein kann), der ist es auch ohne Nachfragen zufrieden. Den anderen bleibt es ein vielfach allein erfahrungsbestätigtes Geheimnis des Lebens, das nicht immer einer (vorher)bestimmten Logik folgen muss.

Leonardo García Alarcón hat dieses Juwel mit der von ihm gegründeten Cappella Mediterranea 2010 beim Festival D’Ambronay wachgeküsst. Il diluvio universale nach mehreren Jahrhunderten wieder in die Musikwelt zurück geholt zu haben, reiht sich in musik-ethnologische Ausgrabungen ein, die in den letzten Jahren zu erstaunlichen Entdeckungen geführt haben. Alarcón nimmt die Spur der Klassik-Frontfrau Cecilia Bartoli auf, die mit ihren Musik-Projekten Sacrificium und Mission für die Musik vergessene Schätze hob. Ähnlich wie Agostino Steffani (Mission) ist MichelangeloFalvetti dank Alarcón wieder entdeckt und hörbar gemacht worden.

Nach dem Konzert in der St.Reinoldikirche waren mögliche Fragen und Zweifel, dass die Wiederentdeckung Falvetti nur ein öffentlichkeitswirksamer Werbeeffekt für KlangVokal 2014 sein könnte, mit den inkarnierten Klängen von Il diluvio universale nicht nur völlig weggeblasen. Es war vielmehr eine vielfach geteilte Überzeugung, die man nach Konzertende in den Gesichtern der Zuhörer ablesen konnte, die (einmalige?) Chance gehabt zu haben, diese Musik gehört zu haben. Mehr noch, teilgehabt zu haben an einem Musik-Glücksmoment.

Dem Programmheft konnte man entnehmen, dass neben Orchester und Chor auch die Solisten eine verschworene Leonardo-García-Alarcón-Michelangelo-Falvetti-Gemeinschaft sind. Dass das mehr als nur eine recherchierte Feststellung ist, dafür war das Konzert in seiner sängerischen und (spiel)szenische Darbietung ein überzeugender Beweis. Der TenorFernando Guimarãesals Noah (nach anfänglichen Unsicherheiten ersang er sich die Noah-Figur als Charakter von Fürsorge und Verantwortung für andere) und die Sopranistin Mariana Flores als seine Gemahlin Rad (ihre überdehnte, spielerische Präsenz hielt sich zumindest optisch nicht immer mit ihrer stimmlichen Ausdruckskraft in der Balance) hatten neben der La Giustizia Divina der Evelyn Ramirez Numoz mit kraftvoller Widerstandsstimme solistisch größere, der Partitur geschuldete Möglichkeiten sich in Szene zu setzen.

Aber auch die anderen Solisten wie der Countertenor Fabian Schofrin in der Rolle des Tod (mit dem Sensenstil den Takt des Orchesters aufnehmend, als wolle er der Welt seinen Todestakt aufdrücken, war er der kompletteste Solist der Aufführung) oder Caroline Weynants, die insbesondere in der Gestaltung der La Natura Humana ihren lyrischen Sopran zur Geltung bringen konnte. Wie sie das verzweifelte Ahi perduta Innocenza! (Ach, verlorene Unschuld!) in eine Generalpause führte, um im forciertem Fortissimo mit La luce al Sole, di questa bassa mole das Licht der Hoffnungssonne triumphierend zu behaupten, war beispielhaft für Alarcóns Choreografie dieses Konzerts.

Eine interessante Farbe steuerte der Perkussionist Keyvan Chemirani bei. Seine perkussiven Soli ebenso wie sein orchestrales Spiel gaben Il diluvio universale einen der Aufführung unterstützenden modernen Ton. Wie man insgesamt von einzelnen Passagen den Eindruck haben konnte, Barock-Pop zu hören. Dass Alarcón nach überwältigendem Applaus als Zugabe Ecco ‚Iride paciera als Zugabe noch einmal spielte, konnte man noch goutieren. Dass er sich allerdings mit einer weiteren Zugabe, inklusive eigenem Mitsingen für die letzte Szene Tutto nel mondo é burla aus Giuseppe Verdis Falstaff entschied, war ein überflüssiges und nach der Qualität von Il diluvio universale irgendwie auch ärgerliches Event-Zugeständnis an das Publikum.

24.06.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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