Prometheus – Entfesselung der Kräfte: Virtuelle Begegnungen von Luigi Nono und Bill Viola in der Tonhalle Zürich und im Kunstmuseum Bern

prometheus

Ob sich der Komponist Luigi Nono und der Video-Pionier Bill Viola irgendwann begegnet sind, ist nicht bekannt. Im Rahmen von Festspiele Zürich 2014 Prometheus – Entfesselung der Kräfte hatten vor allem jene die Möglichkeit, eine virtuellen Begegnung der beiden stilprägenden Künstler um 1980 zu erleben, die vorher im Kunstmuseum Bern die Ausstellung Bill Viola: Passions gesehen haben. Im gestrigen Konzert in der Tonhalle Zürich mit Prometeo – Tragedia dell’ascolto von Luigi Nono, einer nach seinem Verständnis bildlosen Oper als dramma in musica, schien es, als mischten sich Violas filmische Bildwelten wie ein assoziativer Schatten in den Prometeo ein. Als würde Nonos Prometeo als eine Passion of Prometheus in Violas Video Chott El-Djerid (A Portrait in Light and Heat) von 1979, wie es zur Zeit in der Viola-Ausstellung (und im Münster Bern) sehen ist (noch bis 20.07.14), reflexive Klangräume arrondieren, wie Violas Bildräume Nonos musikalische Befreiung vom Belcanto visualisiert.

Prometheisch kraftvoll und visionär beide, Nono und Viola. Zeitgleich um 1980 explorieren sie Wahrnehmungen von Sehen und Hören. Viola arbeitet in seiner genannten filmischen Inszenierung mit Irritationen des tradierten Sehens (programmatisch für alle seine Arbeiten in dieser Zeit, die in einer Auswahl in der Bernischen Ausstellung zu sehen sind). Aus dem Weiss des Filmbildes, in dem minutenlang nichts zu sehen ist, entwickeln sich grafische Strukturen. Im weiteren verundeutlichen sie sich zu enigmatischen Bildern.

In Nonos Prometeo entwickelt sich das Hörbare wie aus einem weissen Rauschen. Nono unternimmt mit seiner Komposition nichts weniger als den Versuch, kosmologische Entitäten hörbar zu machen. Da für Nono eine klassischen Konzert-, respektive Operndramaturgie für eine andere, differenziertere Wahrnehmung der gehörten Welt nicht funktionieren kann, führte ihn diese Überzeugung zur griechischen Tragödien-Kultur. Tragödien offenbaren das, was häufig verschlossen und zugedeckt bleibt. Die subversive Form der Negation als Tragödie des Hörens (Tragedia dell’ascolto) schien ihm ein Weg umfassenderer Erkenntnis. Nonos Haltung Ich weiss nicht, was ich heute suche. Aber wir suchen zusammen. ist deshalb in diesem Sinne kein Eingeständnis von Ratlosigkeit, sondern Ausdruck einer kreativen Akzentverabschiedung. In diesem Verständnis stand nicht die Lösung, das Erreichen eines abschließenden oder gar endgültigen Erkenntnisergebnissen im Zentrum seiner Bemühungen. Prometeo ist Ausdruck seines Bemühens, den Weg zu einem erweitertem Hören als Expedition zu organisieren. Musiker und Musikerinnen, Sänger Sängerinnen sowie der Raum und die Zuhörer bilden ein Klanggemeinschaft.

Während Nono die Hör-Gemeinschaft fokussiert, sind Violas filmische Wahrnehmungsangebote eine individuelle Angelegenheit. Beiden gemeinsam ist ein Moment, das Nono mit tutto interno bezeichnete. Es geht ihnen um eine sinnlich inspirierte Wahrnehmung, die ein Mehr von Hören (Nono) und Sehen (Viola) zur Folge hat. Zeiterfahrungen als transkripierter live-time.

In der Video-Projektion Chott El-Djerid wird man Zeit-Zeuge, wie ein Punkt, der sich von einer horizontalen Linie zu einer Punktmasse, zu einem Cluster, später zu einer figürliche Form entwickelt, ein Bildgeschichte generiert. Nicht wirklich eindeutig. Wie aus einer Ur-Masse konturieren sich Strukturbilder; von einer Fata Morgana umflort. Von Eiswinden und Wüstenwinden vorwärts auf den Betrachter zu getrieben, beginnen sich Farbflächen in flirrender Unschärfe tanzend zu Mobilen der Fortbewegung aufzulösen. Filmische Schnitte und Überblendungen verweigern in dem Moment, wo man glaubt, etwas entziffert, dechiffriert zu haben, tradierte Verlässlichkeiten. Transformation, Täuschung der Sinne, Irritation der Wahrnehmungen lassen den Betrachter im Vagen, im Ungewissen. Allein in und mit seiner Orientierungslosigkeit bleibt ihm allein, die Tragödie des Sehens zu akzeptieren. Undeutliche Bilder als Bilder einer subjektiven Wirklichkeit zu (er)klären. Sie als spirituellen Erfahrungen zu dekodieren, dazu sind Violas Video-Arbeiten ein sensibel komponiertes, kreatives Angebot.

In der Tonhalle Zürich hat der spiritus rector und Klangregisseur der Prometeos-Aufführungen seit der Uraufführung vor fast 30 Jahres André Richard in mehrtägiger Arbeit die Tonhalle in einen Klangraum umgebaut und eine wunderbare Transparenz für Luigi Nonos musikalischer Idee einer Tragedia dell’ascolto geschaffen. Eine Plattform, die von dem Dirigenten-Duo Ingo Metzmacher und Matilda Hofman zusammenmit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sowie der Schola Heidelberg und dem ensemble recherche und einem ambitioniert artikulierenden Solistenensemble, weiterhin unterstützt von den Sprechern Caroline Chaniolleau und Mathias Jung, die den Zuhörern eigene Hörwege eröffnete.Verteiltauf sechs, allein für diese Aufführung installierte Spielpodien in der alt ehrwürdigen Tonhalle, wurden Töne hörbar, die selbst im mehrfachen Pianissimo noch ihren eigenständigen Charakter demonstrierten. Das Raumklang-Konzept ist für Richard ein topologisches von Klangquellen, die wie eine Skulptur zu verstehen ist. Musik, die mit kosmologisch aufgeladener Energie aus der Stille kommt – und in die unendlichen Stille des Universums wieder zu verschwinden scheint.

Das Prometeo zugrunde liegende Libretto von Massimo Cacciari ist keine dramaturgische Erzählvorlage. Es ist ein Montagetext, der katalytisch die Worte in Musik auflöst. Das Ergebnis ist das Erlebnis eines Klanges im Raum, forciert und temperiert durch eine kalkulierte Live-Elektronik.

Prometeo wurde so zu einer außergewöhnlichen Hör-Gemeinschafts-Erfahrung, die sich in meditativer Kontemplation in der Tonhalle ausbreitete. Dass das über 150 Minuten eine hohe Konzentrationsfähigkeit und –bereitschaft erforderte (auch für die physische Körperspannung!), wurde letztlich zu einer (be)lohnende Anstrengung. Auch wenn nach etwa zwei Stunden einzelne Handy-Displays im Parkett aufleuchteten (Wieviel Zeit ist noch?), waren sie nur Zeugnis von wenigen, die Mühe haben, sich der medialen Unruhe auch nur für Momente zu entziehen. Der Subversivität und dert Kompromisslosigkeit des Prometeo konnte auch sie sich letztlich nicht entziehen.

Luigi Nono und Bill Viola, Protagonisten eines prometheischen Geistes, der Erfahrungen artikuliert, wo sich einerseits Menschlichkeit vor allem mit Schmerz und Unglück artikuliert (Viola) und sich andererseits Nonos Überzeugung Wir müssen lernen, mit der Pluralität der Zeiten, der Räume, der Vielheiten, mit Unterschieden zu lebe zusammenfinden.

Gründe genug für diejenigen Prometeo-Hörer sich im Kunstmuseum Bern in der Ausstellung Bill Viola:Passions, wenn man so will ergänzend, ein Seh-Bild von einer Passion of Prometheus zu machen.

03.07.14

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