Tod unterm Olivenbaum – Wiederaufnahme von Carmen am Opernahus Zürich

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Wenn Carmen von Georges Bizet auf den Opernbühnen gespielt wird, ist sie ein Garant für Zuspruch und Begeisterung. Von Carmens Habanera Prés des reamparts de Séville chez mon ami Lillas Pastia (Nahe beim Stadttor von Sevilla, bei meinem Freund Lillas Pastia)im ersten Akt bis zu Escamillos Toréador, en grande! (Auf geht’s! Torero, in Stellung!) im dritten Akt steht Bizet‘s Carmen in der Erwartung des Publikums, die Lieder zu hören, die inzwischen zu Gassenhauern geworden sind. Es scheint, als müssten alle Inszenierungen, die versuchen, die Ernsthaftigkeit der Komposition zu behaupten, gegenüber dem auf Wiedererkennung wartenden Teil der Opernbesuchern kapitulieren.

Carmen ist dergestalt schon lange zu einer verlässlichen Applaus-Oper geworden. Das war auch jetzt im Opernhaus Zürich in der Aufführung während der Festspiele Zürich 2014 zu erleben. Anders als die griechisch mythologische Figur des Prometheus, die mit Prometheus – Entfesselung der Kräfte dem Festival seinen Namen gibt, ist gleichwohl Carmen ein selbstbewusster, kraftvoller Charakter. Eine Frau, die lebt und liebt, allein wie sie es für richtig hält. Selbst im Angesicht des verzweifelt mit dem Dolch in der Hand Liebe erbettelnden Don José beharrt sie auf ihre Unabhängigkeit. Jamais Carmen ne cédera! Libre elle est née et libre elle mourra!(Carmen wird niemals nachgeben! Sie wurde frei geboren, und frei wird sie sterben!) singt sie im 4.Akt Don José ins Verderben und sich in die tödliche Freiheit.

Carmen wurde erst viel später nach ihrer Uraufführung zu der apostrophierten Applaus-Oper. Von Anfang aber war sie eine von Skandalen umwitterte Oper. Die Bürgerschreck-Oper des 19.Jahrhunderts skandalierte und erschütterte mit der unabhängigen Frau Carmen die tradierten Hierarchien dieser Zeit. Fast schon egal, wie heute Carmen inszeniert wird, ob als Abziehbild einer erotisch lasziven femme fatale oder als freiheitsliebende Räuberbraut, auch ein dramaturgisch so vordergründig auf Radau getrimmter Regietheater-Gestus tropft heute nur noch an einem stoischen Alles-schon-gesehen ab. Das Skandalon kommt heute von einer anderen Seite.

Als Sebastian Hartmann 2008 Carmen an der Oper Zürich inszenierte, war er noch nicht die skandalumwitterte Figur, für die ihn die Medien ausgemacht haben und offensichtlich auch er sich selbst gemacht hat. Aber die skandalierte Neugier hat inzwischen auch den Dirigenten der Carmen-Inszenierung (Wiederaufnahme am 29.Juni 2014) Vasily Petrenko ins Visier genommen. Die Twitter-Netz-Community erregte sich über Petrenkos angeblich ablehnende Haltung zu Frauen als Dirigentinnen.

In jedem Fall aufmerkend bemerkenswert wie selbst Opernaufführungen heute auch von eher opernfernen Kritiken befeuert und beeinflusst werden. Im Kontext von Carmens Erotik und Exzotik in der Hartmann-Inszenierung verschieben sich fast unmerklich Aufmerksamkeitsperspektiven. Ob ihre meinungsbildenden Schwerpunktsetzungen immer berechtigt sind, ist dabei eine andere Frage. Dass sie das Opernpublikum zumindest beeinflussen, sollte man nicht zu gering schätzen. Denn letztlich sind sie, die Opernbesucher es, die die Oper lebendig erhalten.

Die letztlich immer noch Nebenrolle bleibenden sozialen Medienantizipierten mit der Wiederaufnahme von Carmen andererseits einen interessanten, globalisierten Kultur-Effekt. Kate Aldrich, temperamentvoll spielend und mit ihrem dunkel raunenden Mezzosopran eine sängerisch bewegliche, perfekte Carmen und Brandon Jovanovich (Tenor) als Don José bildeten als Amerikaner mit den russischen und ukrainischen Solisten eine künstlerische Handlungs- und Gestaltungsgemeinschaft (unterstützt mit einem eidgenössischem Votum: Rachel Harnisch gestaltete die wartenden Micaéla mit ihrem lyrischen Sopran überzeugend charaktervoll und bekam dafür zu Recht stürmischen Beifall), die, wenn sie im politischen Feld als ein konstruktives Moment wahrgenommen würde, ein wirkungsmächtiges Kraftfeld sein könnte.

Jovanovich entwickelt die Figur des liebesverwirrten, von Carmen zum Desertieren verführten Don José von einem unschuldig naiven, schüchternen Brillenträger-Muttersohn-Typ zu einem Mörder aus Unfähigkeit. Unfähig zu lieben, unfähig zu tolerieren, unfähig zu akzeptieren, unfähig zu reflektieren. Ein Desaster seines Selbst, das angesichts des eindeutig behaupteten Machochismo von Escamillo – der stolze Mann als Torero und Liebhaber – nur umso deutlicher offenbar wird. Verkleinert und zerkleinert in seiner falsch verstandenen Liebesbehauptung.

Alexander Vinogradov verfügt nicht nur über einen insbesondere in den Tiefen wunderschön artikulierenden Bariton, er gibt diesem Torero eine spielrisch überlegene Pose – Soit! On paiera! (Sei’s drum! Dann wird bezahlt) -, als würde sie den grafischen Blättern entstiegen sein, die Pablo Picasso zu diesem Thema lithografiert hat.

Volker Hintermeier hat eine Kreisfläche als Bühne gebaut, die ohne übliche Stierkampf-Zitate auskommt. Sie lässt Raum für Hartmann’s Inszenierung, die das Geschehen an die Costa Brava der 1960/70ger Jahre verlegt. Die Soldaten-Polizisten treffen am Strand unterm Sonnenschirm auf die Frauen aus der Zigarrenfabrik wie zum einem Strand-Flirt-Spiel. Einige wenige Markierungen reichen aus, um ein Fludium von aufreizender Spannung aufzubauen, das die Handlung bis zum Tod untern Olivenbaum voran treibt. Zitate, wie die des Zigarren-Signet, das an Licht-Installationen von Bruce Newman erinnert oder wenn der auf dem Tisch in einer Dorfschenke stehende Fernsehapparat im zweiten Akt einen Stierkampf zeigt, während sich Carmen und Don José eifersüchtig streiten, geben der Inszenierung einen sinnlich dramatischen Drive. Und führen in offene Applausfallen, wenn Kate Aldrich, unterstütztmit erotisierendem Kastagnetten-Spiel, Carmen im Spot-Licht tanzen lässt: La la la la…

Nur mit dem Tod unter dem Olivenbaum, dem Symbol für spröde aber wirkungsvolle Lebenskraft, die oft länger als ein Menschenalter dauert, kann Carmen ihre Unabhängigkeit und Freiheit behaupten. Darin haben sich heute die Zeiten geändert, glücklicherweise. Ansonsten bleibt auch die offene, demokratische Gesellschaft immer noch eine gefährdete. Nicht nur für Frauen.

05.07.14

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Über Peter E. Rytz Review

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