La Fanciulla del West am Opernhaus Zürich – Den (fast) besten Ort der Welt vom allerletzten Ort aus mit Barrie Kosky gesehen

la fanciulla

Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Vom der letzten Bar im letzten Dorf im letzten Land am Ende der Welt zum (fast) besten Ort der Welt: Vom Balkon des Opernhauses Zürich liegt einem die Welt zu Füßen. Vom Sechseläuteplatz schweift der Blick hinüber zum Zürichsee. In der Pause von Giacomo Puccinis Oper La fanciulla del West war es von dem von Barrie Kosky in seiner Inszenierung so bezeichneten Bühnenort nur ein kleiner Schritt in diese Zürcher Wirklichkeit am 8.Juli 2014.

Das hätte sicher auch Puccini gefallen. Ihm lag das dolce vita mit schnellen Autos und eleganten Frauen zu Beginn des 20.Jahrhunderts näher als sich als Avantgardist moderner Musik a lá Arnold Schönberg zu profilieren. Nach seinen frühen Erfolgen mit Tosca, Madame Butterfly und Manon Lescaut genoss er sein Leben in Reichtum und Glanz. Er komponierte einfach nur schöne Musik, die, wie Kosky in Interview im Programmheft formuliert, mit La fanciulla del West eine prophetische Vorwegnahme des Kinos ist.

Glamourös und gleichzeitig musikalisch ambitioniert in einer Weise, die zwar der 12-Ton-Musik oder der Wiener Klassik nicht folgt, aber bei Claude Debussy, Maurice Ravel und Richard Wagner sehr genau hingehört hat, erlebte La fanciulla del West am 10.Dezember 1910 in der Metropolitan Opera New York unter der Leitung von Arturo Toscanini und mit Enrico Caruso als Dick Johnson ihre Uraufführung. Puccinis Instrumentation zeigt die ganze Bandbreite seines Könnens. Takte, die an Debussys La Mer wie auch Wagners Parsifals erinnern, durch-klingen, verstreut wie assoziative Facetten, La fanciulla del West. Ein kalkuliertes Spiel von Melancholie und Emotionen, das musikalische Stimmungen schafft, denen man sich nur schwer entziehen kann. Harmonisch komponierte Hör-Schönheit. Puccinis dezidierte Anmerkungen für jeden Gesangspart lesen sich wie die Dramaturgie eines effektvoll organisierten Film-Scripts.

Dass sie sich nach diesem umjubelten Anfang heute auf den Opernbühnen eher rar macht, mag an dem gekünstelten, wenig realistischem Libretto liegen. Der Dramaturg Claus Spahn verwies in seiner Einführung augenzwinkernd und ein wenig kühn darauf, dass Libretti häufig nur Platzhalter für wunderbare Musik wären. Gewichtigere Gründe für die relative Bühnen-Abstinenz der Oper sind sicher in den gesanglichen Höchstschwierigkeiten für die Solisten zu finden. Da ist der Tenor (Dick Johnson) gefordert, sich von jetzt auf gleich auf das hohe C (und höher) bruchlos hinauf zu singen.

Die Philharmonia Zürich spielte unter Marco Armiliato mit italienischer Grandezza-Kultur. Kraftvoll jubilierend, dramatisch dröhnend.

Zoran Todorovich ist ein Tenor, der überzeugend die gebrochene Figur des Dick Johnson zu gestalten vermag; wobei ihm in den hohen Stimmlagen manchmal eine gewisse Leichtigkeit fehlte. Unter den wenigen Tenören, die diese Rolle beherrschen, ist er einer der gefragtesten Rollenbesetzungen. In Zürich spielt er die Verbrecher-Sünder-Liebender-Rolle in einer Mischung aus liebes-gebremster Brutalität und sanfter Demut. Dick muss einen langen Weg als Sänger gehen, bevor ihm Puccini im letzten Akt mit der Arie Ch’ella mi creda die Chance gibt, als Tenor zu brillieren. Wie das Caruso gelang, ist nicht belegt. Todorovich sang sie mit konzentrierter Anstrengung in verinnerlichter Authentizität, ohne spektakulär zu glänzen.

Der von Jörg Hämmerli flexibel eingestimmten Chor der Oper Zürich sowie das große Solisten-Ensemble (Sunnyboy Dladla als Opportunist Nick inmitten der Goldgräber nahm die von der Partitur vorgegebene Rollen-Chance stillsicher an, um sich zu zeigen) bildeten nicht nur für Todorovich ein verlässliches Rückgrat der Inszenierung. Koskys Inszenierung vermeidet die Versuchung, sich allein auf die Dreieckskonstellation Minnie, Dick und dem versoffenen Sheriff Jack Rance zu fokussieren. Als Rance ist der Amerikaner Scott Hendricks in seinem Rollen- und Hausdebüt stimmlich und spielerisch am richtigen Platz. Er ist Koskys Portagonist für Leere, Einsamkeit und Depression von Menschen, die um ihrer und der Familien Existenz willen, eine Arbeit machen, die sie irgendwo fern, irgendwie unwirklich, irgendwann entmenschlicht.

In dieser abstinenten Männerwelt wirkt Minnie wie ein Märchen-Engel, der den Überdruck vermindert. Dem ersten Anschein nach Flintenweib, ist sie für die Männer realiter Seelentrösterin, Mutter, Schwester – und Lehrerin der Bibel. Carherine Naglestad (Sopran) hat sich für Zürich die Rolle der Minnie erstmalig erarbeitet. Und das mit imponierendem Verve und Instinkt. Ihr gelingt es, Minnie in ihrer jungfräulichen, weltfremden Brombeer-Zufriedenheit und naiven Gläubigkeit, die ausgerechnet einem Räuber in Liebe verfällt, als verzwackte Persönlichkeit glaubhaft zu machen. Naglestad schafft das mit einer empathischen Rollenauffassung, die selbst Unglaubliches einen Hauch des Möglichen gibt. Mit einem differenziert abrufbaren Potenzial an gesanglicher und spielerischer Präsenz gelingt ihr das mit einer Intensität, die, so ist man geneigt, euphorisierend zu behaupten, die für jede Minnie ab sofort mit Naglestad einen künstlerisch äußerst anspruchsvollen Maßstab gesetzt hat. Ihre den Romantik-Kitsch streifende Unschulds-Arie Oh, se sapeste come il vivere é allegro! sang sie in lyrisch naiver Verklärung, wobei ihre brillante Gesangskultur die Libretto-Ungereimtheiten überdeckte.

In dem Moment, wo Minnie Dick’s Verlangen nach dem einen Kuss (Un bacio, un acio alem!) in liebender Ergebenheit erliegt (Eccolo! É tuo!) und sie ihn wenig später als einen geraubten glaubt (Ma il primo bacio mio vi siete preso, ché vi credevo mio, solanto mio), singt sich Naglestad in einen Rausch. Aus tiefster Verzweiflung erlöst sie sich und die Männer in göttlicher Marien-Pose. So als wäre sie selbst und nicht nur Minnie erhoben und erlöst, sang Naglestad Fratelli, non v’é al mondo peccatore cui non stapra una via di redenzione in einem überirdisch schönem Gestus.

Religiöse Botschaften sind heute mehr denn je zu misstrauen. Catherine Naglestads Gesang ist eine Botschaft, der zu trauen und zu vertrauen ist. Die Erzählungsbotschaften von Libretti muss jeder auf seine Weise selbst verstehen lernen.

 09.07.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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