Montreux Jazz Festival 2014 –Anmerkungen und Resümee

© Peter E. Rytz 2014

© Peter E. Rytz 2014

 

Wer jedes Jahr im Sommer nach Montreux zum Jazz Festival aufbricht, wird automatisch Teil einer Jazz-Community auf Zeit. Alle begegnen sich irgendwann an der Uferpromenade des Lac Leman. Sind aber durchaus sehr verschieden in dem, was sie in Montreux zu finden hoffen.

Eine kilometerlangen Event-Meile mit Cocktails, Sushi und ausgewählten Exotika der Speisekarte lädt zum Konsumieren ebenso ein, wie die üblichen Stände mit Klamotten und Modeschmuck oder mit Holzarbeiten, denen der Flair primitiver Kulturen anhaftet, die die aufgekratzte gute Laune der Besucher nutzen, um von und mit der Musik zu profitieren. Ihre Anziehungskraft verliert sich nie wirklich. Auch nicht in diesem Jahr, wo der Song Singing in the rain nicht nur eine musikalische Metapher blieb, sondern tagelang als meteorologisches horror vacui die Regen-Muskeln spielen ließ.

Das 48.Montreux Jazz Festival bot in diesen Wochen, wie verlässlich zu erwarten war, Musik zwischen Jazz, Pop und Rock sowie die jährlich sich wiederholende, exklusive Möglichkeit, sich vor der spektakulären Kulisse des Lac Leman mit der Alpenkette und dem Gipfelklassiker Mont Blanc als naturgegebenes Panorama mit Freunden zu verabreden. Vor allem, um Musik zu hören, entweder in der klassischen Konzertsituation im Auditorium Stravinski, im Montreux Jazz Club oder in The Rock Cave sowie im Park open-air bei Music im Park oder flanierend und amüsierend einfach Teil dieser Montreux-Gemeinschaft zu sein. Musik, offiziell oder spontan improvisiert, tönte aus allen Ecken. Sie war immer dabei.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten unterschieden sich die Konzertbesucher mit ihren Erwartungen und musikalischen Ansprüchen wesentlich voneinander. Das Programm der letzten Woche konnte man wie ein Buch lesen, in dem eingeschrieben war, wer wo seine Musikerwartungen befriedigen konnte.

Diejenigen, die sich vom Konzert eine Wiederbegegnungen der Musik-Heroen früherer Tage erhofften – und dabei in nostalgischer Verklärung eine vergangene Zeit zu beschwören suchten -, kamen bei dem schweizerischen Rock-Barden Stephan Eichner mit From Montreux with love ebenso auf ihre Kosten, wie bei Van Morrison und last but not least bei dem lang ersehnten Konzert mit Stevie Wonder. Dass das Musikalische, vor allem ihre emotional ambitionierte Überzeugungskraft bei den angejahrten Stimmen, wie leider bei Stevie Wonder besonders deutlich wurde, durch laut dröhnende Arrangements und jubilierende Background-Sänger häufig auf der Strecke blieb, gab den Konzerten mitunter einen faden Beigeschmack.

Nicht nur dadurch, dass Stevie Wonder das Publikum mehr als eine Stunde warten ließ, obwohl zwischendurch der Grandfather of Jazz Quincy Jones den im vorigen Jahr verstorbenen Montreux-Jazz-Festival-Gründer Claude Nobs andachtsvoll ehrte und den Auftritt seines Zöglings Wonder vergeblich unmittelbar angekündigt hatte, wurde es irgendwann nur noch ärgerlich. Sein weitschweifig erzählender, musikalisch seicht unterfütterter Auftritt, der vor allem aus der Animation zum Mitmach-Klatschen und Mitmach-Singen bestand, war nach der langen Wartezeit fast schon eine Offenbarung dafür, wohin die Reise gehen würde. Große Teile des Publikums holte Stevie Wonder treffsicher genau dort ab, wo sie sich als Wonder-Fans über die Jahrzehnte versammelt haben. Vereint in der Erinnerung an einen kraftvollen und lyrischen Soul; egal, was von der Bühne musikalisch wirklich in dem Moment über kam.

In ähnlicher Weise war sich Stephan Eichner seines Publikums sicher. Im Rhythmus mitklatschen und mitsingen eingeschlossen. Es hatte etwas von einer Schunkelgemütlichkeit, bei der nur die dröhnenden Basslinien verrieten, dass man nicht einer gemütlichen Blaskapelle zuhörte und mitschwang. Mit der Verstärkung eines großen Choraufgebots brachen dann alle Dämme. Ein mittiges Glücksgefühl be-beifallte sich letztlich selbst: Mit dem bestätigten Gefühl From Montreux with love zurück zur Promenade.

Anders der Auftritt von dem gleichermaßen in die Jahre gekommenen Van Morrison. Musikalisch straight, ambitioniert in der Interpretation, mit ehrlichem Groove. Sein Mafia-Look der 1950ger Jahre war dabei eine durchaus passende Verkleidung, oder besser gesagt, ein offenes Bekenntnis zu den Eitelkeiten des Alters und der Gewissheit, dass die frühen Jahre nicht mehr zurückzuholen sind. Je länger er auf der Bühne stand, und es wurden fast zwei kraftvolle Stunden, umso mehr legte sich der typische Van-Morrison-Sound ins Ohr. Mal einschmeichelnd lyrisch verklärt, mal aggressiv fordernd, mal nachdenklich sentimental räsonierend. Ein ehrliches, altersversöhnliches Konzert.

Wer nicht im Auditorium Stravinski die Heroen von gestern hören und nicht sehen wollte, sondern emphatischen Jazzlinien auf die Hörspur kommen wollte, kam musikalisch im Montreux Jazz Club voll auf seine Kosten. Statt mit Stephan Eichner zu rocken, den leisen, mit Sentiment und Gefühl aufgeladenen Flamenco-Jazz-Etüden des charismatischen Gitarristen Javier Limón und der ebenso faszinierenden Sängerin Magos Herrera (zusammen das Duo Magos & Limón) zu lauschen, hatte einen ganz eigenen, kammermusikalischen Zauber. Um das von Magos & Limón eingespielte Verwirrspiel des Lebens mitsamt seinen mitunter heftigen Liebes(zu)wendungen als Klang einatmend in die Seele tröpfeln zu lassen, war keine elektronisch aufgerüstete Musikmaschenerie notwendig. Stimme, Gitarre und ein kleines Mikrofon allein schufen große Musik.

Ihnen nicht weniger nachstehend, wenn auch ganz anders, anschließend die Drummerin Terry Lyne Carrigton. Sie zelebrierte ihr Mosaic-Projekt mit grandiosen Instrumentalistinnen. Allen voran die kanadische Trompeterin Ingrid Jensen, die mit einem unnachahmlichen Körpereinsatz – mit hochgezogener, links eingedrehter Schulter – fulminante und wunderbar phrasierende Töne ihrer Trompete entlockte. Mit Tia Fuller hatte sie eine Saxophon-Vollblut-Musikerin an ihrer Seite, an die sich die Pianistin Rachel Z. anschmiegte. Zu hören war ein kultiviert improvisierter Mosaic-Sound, der die gefühlte Tonhöhe im Jazzclub nach oben fuhr.

Das Konzert von John Scofield mit seiner Uberjam Band im Montreux Jazz Club zu besuchen, anstatt oben im Auditorium Stevie Wonders nostalgisch überblendetem Konzert beizuwohnen, war eine konsequente Entscheidung für den Jazz heute. Obwohl Scofield selbst einige Jahre älter als die genannten Pop-Heroen ist, ist seine Musik von einer vitalen, scheinbar altersunabhängigen Energie geprägt, die zu hören, immer wieder erstaunt. Nicht nur für Jazz-Puristen ein Genuss.

Am Schluss bleibt das sich seit Jahrzehnten als gültig erweisende Resümee: Montreux Jazz Festival bietet vielen vieles. Aber es tappt nicht in die Falle von Beliebigkeit, wie es bei manchen Festivals zu beobachten ist. Die unterschiedlichen musikalischen Kategorien vermischen sich nicht in falsch verstandener Harmonie. Sie haben in Montreux ihre zuverlässigen Spielorte. Für die Nach-Nobs-Ära eine zukunftsfähige Position, die ausbaufähig ist.

 20.07.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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