Surrealismus und primitive Kunst – Eine Wahlverwandtschaft, die es in der Fondation Pierre Arnaud in Lens zu entdecken lohnt

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 Wer in im Juli 2014 von der Welt des Fußballs innerhalb weniger Tage in die Welt der Kunst wechselte, mag sich für einen Moment die Augen gerieben haben. Vom Genfer See das Rhone-Tal hinauf bis Sion unterwegs zu der im letzten Dezember neu eröffneten Fondation Pierre Arnaud in Lens im schweizerischen Kanton Wallis.

Die kurvige Straße führt, dem passionierten Winterurlauber vertraut, bis Crans-Montana. Auf dem Hochplateau angekommen, erscheint auf den ersten Blick alles bekannt. Aber nur bis zu dem Punkt, wo die Straße nach links zum Bergdorf Lens abbiegt. Plötzlich dieser Anblick: Auf einer Anhöhe erhebt sich in 1.200 m Höhe eine 15 m hohe Christus-Figur: Statue du Christ-Roi.

Eine Fata Morgana der vor wenigen Tagen noch in Rio de Janeiro bewunderten Christus-Figur Christo Redentor? Auch wenn der große Bruder in Rio mit 30 m deutlich größer und mit imponierender Haltung auf die Stadt blickt, ist Christ-Roi in Lens auf seine Weise ebenso beeindruckend – verwirrend.

 Wer sich mit diesem Doppelbild im Kopf dem Gebäude der Fondation Pierre Arnaud von der Südseite nähert, sieht wie in einen Spiegel. In der Glasfront des von Jean-Pierre Emery gebauten Museums wird die alpine Landschaft als Panorama gespiegelt. Noch bevor man die Ausstellung Surrealismus und primitive Kunst – Eine Wahlverwandtschaft betreten hat (noch bis 5.Oktober 2014) betritt, wird man mit der wahlverwandtschaftlichen Zuordnung von Abbild und Bild konfrontiert.

 Die kontrapunktische Betonung Wahlverwandtschaft der Ausstellung verweist mit der Landschaft, in die das Ausstellungsgebäude eingebettet ist, wie auf ein naturgegebenes Eingangstor zu ihr. So wird Surrealismus und primitive Kunst – Eine Wahlverwandtschaft selbst für Museums Global Player ein außergewöhnliches Kunsterlebnis. Ausstellungsgebäude und Landschaft können wie ein Kommentar zur Ausstellungskonzeption gesehen werden. Überraschende Begegnungen können sich, wie so häufig, mit den damit verbundenen Irritationen als ein Moment von Wahlverwandtschaft erweisen. Und sind dann mitunter Ausgangspunkt für inspirierendes Assoziieren und Reflektieren. Markierungslinien von Orten – aber auch von biografischen Erfahrungen – werden sichtbar, auf die man lustvoll entdeckend durch die Ausstellung geführt wird.

 Die zwei übereinander liegenden, deckungsgleichen Ausstellungsräume sind von dem Szenografen Adrien Gardére wie ein Vexierspiegel eingerichtet worden. Würde ein gläserner Boden die beiden Räume trennen, könnte man ihr Zusammenwachsen von den primitiven Wurzeln bis in die surrealistischen Baumkronen verfolgen. Um diese skizzierte Vorstellung konsequent sichtbar zu machen, hätte es aber auch eine Umkehrung der Raumfolgen bedurft. Im unterem Raum die primitive Kunst, oben die surrealistischen Protagonisten.

 Aber so leicht wird es den Besuchern nicht gemacht. Masken, wie die Große Malanggan-Maske, Matua aus Papua-Neuguinea, sowie grönländische Ritualmasken oder Kolam-Bärenmasken aus Sri Lanka ziehen die Blicke ebenso auf sich, wie die Männliche Nalik-Figur aus Papua-Neuguinea. Und mittendrin Teile der Sammlung von Objekten aus dem außereuropäischen Kultur-Bereich, die Andre Breton, der Autor des 1924 verfassten Manuskripts Manifest des Surrealismus seit 1922 zusammengetragen hatte. Die Wand hinter seinem Schreibtisch war mit diesen Sammlungsgegenständen bestückt. Sie ist in nuce die surrealistische Initiationsquelle für Teile der Künstlergeneration geworden, die in diesen fremden, aus europäischer Sicht exotisch anmutenden Objekten eine Quelle der Inspiration sahen. Ein lebendiges Kunst-Ideen-Treibhaus.

 Ein interessante Verbindung ergibt sich mit einer Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin: Giséle Freund – Fotografische Szenen und Portraits (noch bis 10.08.2014). In ihr sind Portraits der Magnum-Fotografin von Andre Breton vor der bezeichneten Wand aus dem Jahr 1965, ein Jahr vor seinem Tod zu sehen. Werke der Moderne neben Objekte ozeanischer und präkolumbianischer Kultur sind bis 2003 wie in einem künstlerischen Treibhaus zusammengeblieben. Danach ist sie in ihrer Gesamtheit verloren gegangen (offiziell als Schenkung an das Musée national d’art moderne, Paris) – und so möglicherweise auch Teile davon in die Ausstellung Surrealismus und primitive Kunst – Eine Wahlverwandtschaft gelangt (?).

 Im Raum darunter kann man den Projektionslinien von der primitiven Kunst zu den künstlerischen Arbeiten der Surrealisten folgen. Es ist, als würde man einzelnen Künstlern dabei beobachten, wie sie die primitive Kunst ethnografisch decodierten und sie im Kontext ihrer europäischen Kulturtradition künstlerisch reflektierten. Der malerische, fotografische oder skulpturale Abbildmechanismus reichte dafür allerdings nicht aus. Das den Objekten eigene, für den außenstehenden Betrachter aber verborgene Moment des Über-Sinnlichen, des Über-Realen auszudrücken, bedurfte deshalb auch einer sur-realistischen Darstellung.

Arbeiten von Hans Arp ( Source, 1962), von Salvador Dalí (La grotte vertébrée, 1936) oder von Max Ernst (La belle Allemande, 1934/35) , um nur einige herausragende Beispiele zu nennen, sind Meilensteine dieser surrealistischen Gestaltungsversuche, wie auch auf andere Weise die Collagen von Hannah Höch oder die fotografischen Arbeiten von Man Ray und Meret Oppenheim innere Seelenzustände in assoziativen Abbildungen zu reflektieren.

 Der Gang durch die Ausstellung kann nach der Überzeugung des wissenschaftlichen Direktors der Fondation Pierre Arnaus, Christophe Flubacher im besten Sinne dazu führen, dem Geflüster ferner Stämme zu lauschen, um die ganze dieser Kunst innewohnende Kraft des Traumhaften auszuschöpfen, indem man sich über surrealistische Brücken führen lässt, die ihre Begründung allein in der Glaubwürdigkeit des Traums, des Unbewussten, der Poesie und des Imaginären findet.

Nach dem Rundgang durch das Museum bei einer Tasse Kaffee im Restaurant Indigo das Gesehene noch einmal Revue passieren lassend, fällt der Blick durch die gläserne Eingangstür auf die Statue du Christ-Roi. Alles nur ein Traum? Oder die Bild gewordene Wahlverwandtschaft, real und surreal zugleich?

Der Besuch der Fondation Pierre Arnaud ist mit der Sommerausstellung 2014 eine Chance, Wahlverwandtschaften in einem größeren Zusammenhang von Landschaft, Kunst und eigenem (Er)Leben zu entdecken.

 photo streaming Fondation Pierre Arnaud

23.07.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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