(Mis)Understanding Photography – Nichts ist selbstverständlich, wenn von Fotografie die Rede ist

© Joachim Schmid

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Der Titel der jetzt zu Ende gehenden Ausstellung (Mis)Understanding Photography (noch bis 17.08.2014) im Museum Folkwang Essen ist Programm. Was verstehen, respektive was sehen wir wirklich, wenn wir denn (hin)sehen?

Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung, der die Ausstellung auch kuratiert hat, ist von ihrem programmatischen Charakter überzeugt: Erklärt sie (die fotografischen Arbeiten und die  Manifeste) jedoch nicht, sondern überlässt den Stimmen und Statements der Künstler und Künstlerinnen viel Raum. Diesen Raum muss demnach jeder Besucher trotz vielerlei Aufklärung allerdings für sich selbst erkunden. Ganz scheint man dem Selbst allerdings nicht zu trauen. An der Kasse wird jedem der Ausstellungskatalog angeboten, der ein Zwischending von Handbuch und Zitatensammlung ist. So ausgerüstet, wird er vor den meisten Arbeiten mit einem Verweis auf die entsprechende Seite durch die Ausstellung geleitet. In dem Moment, wo der Text mehr oder weniger erklärt, wird zwangsläufig in Teilen die eigene Wahrnehmung unterlaufen.

In Zeiten, wo soziale Medien Kommunikation und Wahrnehmung alle Lebensbereiche dominieren, ist das Bild, die Fotografie zu einem wesentlichen Teil  selbstbezogener Ich-Identität geworden. Selfie for everyone. Wo auch immer man gerade ist, das Foto ist eo ipso schon da. Ob auf der Speicherkarte im Smartphone oder in der Digitalkamera, jederzeit beliebig verfügbar, wie ebenso beliebig das, was fotografiert wird, sind Missverständnisse von dem, was man da im guten Glauben macht, nämlich zu fotografieren – und fotografieren kann schließlich jeder, wie man vielfach überzeugt ist – unvermeidlich.

Um diesem vorprogrammierten Irrtum nicht einfach blind folgen zu müssen, hat der Museumsbesucher beim Beginn des Ausstellungsrundgangs die Chance, eingenordet mit dem  Statement You don’t take a photography, you make it des amerikanischen Foto-Pioniers Ansel Adams (1902 – 1984), die fotografischen Abbilder nicht als eindimensionales Bild der Wirklichkeit zu betrachten. Am Ende der Ausstellung kann man das Adams-Credo als Plakat noch mitnehmen. Über die eigene Tür gehängt, könnte es als Vergewisserung dienen, die täglich produzierte, von jedem einzelnen selbst gefütterte  Bilderflut nicht als fotografisch legitimiertes Mosaiksteinchen der Welt misszuverstehen.

Je länger man durch die Ausstellung geht, umso  mehr drängt sich assoziativ die Totale in die Wahrnehmung. Totale nicht nur als Einstellung der Blendenfunktion der Kamera, sondern als Anspruch von (Mis)Understanding Photography. Die Ausstellung will augenscheinlich machen, dass Fotografie so total wie frontal immer auch sur-real ist; nur so sein kann. Die Gefahr, in der Vergegenwärtigung des Totalen eine Beliebigkeit in der Reihung total egal trivial zu reproduzieren, ist im wahrsten Sinne des Wortes zu sehen.

Natürlich kann man sich beim Betrachten von Frontale Projektion, Kodak, 2006 von Tacita Dean zur Frage anregen lassen: Was sehe ich (wirklich) durch die Linse?

Natürlich kann ich mich bei TecTake Luxus, Strandkorb, grau/weiß, 2012 von Christopher Williams im Selbstversuch prüfen, worauf meine Aufmerksamkeit zuerst fokussiert. Die ausführlichen Herstellungs- und Konstruktionsangaben zum Strandkorb können dazu führen, dass erotisch fixierte Wahrnehmungsperspektiven von Marketingstrategien eigene Phantasien als solche zu demaskieren. Aber was ist der Wert des Erklärungstextes, wenn er nicht zur Hand ist?

Natürlich kann man vor der Fotografie-Serie Cowboys and Girlfriends, 1992 von Richard Prince fragen: Mit welcher Typik von Vorstellungsbildern im Kopf laufen wir durch die Welt? Vielleicht sind es unmittelbare Begegnungen vor Ort, wie sie dem aufmerksamen Beobachter zufallen, die das Inszenierte mit der unmittelbaren Wirklichkeit kontrastieren. Vor dem Bild-Posing der Biker-Bräute von Prince krabbelte ein 1-jähriges Kind in natürlicher, unbefangener Haltung auf dem Museumsboden herum. Wem diese nicht wiederholbare Minutenachtsamkeit nicht gegeben ist, was sieht er mehr als nur klischierte Abziehbilder eines gnadenlos vermarkteten Cowboy-Mythos?

Wie schnell die Ausstellungswirklichkeit vom fotografischen Beliebigkeitsalltag eingeholt wird, zeigte sich beim Verlassen des Museums Folkwang. Mit dem eben noch sich mit seiner natürlich gegebenen Möglichkeit krabbelnd bewegenden Kind nun auf dem Arm der Mutter, machte der Vater mit seinem Handy ein Foto. Als wäre es ein Kommentar dazu, ist in der Ausstellungssektion Manifeste folgendes mit dem Hinweis, gepostet am 10.Januar 2006, zu lesen: Die Praxis des Fotografierens ist nicht länger ein Mittel zur Aufzeichnung der Realität. Vielmehr ist sie selbst Realität geworden.

Auf dem Weg zum Bahnhof Essen war an einem Signalmast eine Vermisstenanzeige Unser Vater ist….. seit….Juli 2014 verschwunden zu lesen. Ergänzt mit einem Foto des Vermissten. Welche Realität gibt diese Fotografie wieder? Eine Frage, die sich schon in der Ausstellung vor der raumbezogenen Foto-Arbeit Mother Nature, 2014 von Erik Kessels stellte. Welche Mutter? Welche Natur?

Die Evidenz der Dokumente und die Obsession des Sammelns fällt einem in der Ausstellung ständig vor die Füße. Allein mit den eigenen Wahrnehmungen und Lebenserfahrungen geht man fragend, vielleicht mit dem Handbuch auch lesend aufgeklärt, durch die Ausstelllung – und ist anschließend draußen wieder Teil einer unendlichen Bilder-Gemeinschaft.

 

07.08.14

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Über Peter E. Rytz Review

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