Mit Dshamilja unterwegs vom Genfer See an die Oder: Magie du paysages russe et brandebourgeois

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Wahrscheinlich ist der Weg vom schweizerischen Musée des Beaux-Arts in Lausanne zum Theater am Rand im deutschen Dorf Zollbrücke an der Oder nicht gerade einer von den viel begangenen Kunst-Pilgerwegen. Aber wenn man ihn mit Dshamilja geht, wird er zu einer besonderen Entdeckungsreise. Vor allem dann, wenn man nicht dem laut tönenden Must-to-do sondern eher leicht zu übersehenden Wegmarken, Notizen am Rand folgt, können Um- und Nebenwegen verschiedene Kunstformen korrespondierend zum Leuchten bringen.

Geht man beispielsweise zuerst mit Dshamilja, der gleichnamigen Heldin aus der von Tschingis Aitmatow 1958 veröffentlichten Erzählung durch die Ausstellung Magie du paysage russe im Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne (noch bis 5.Oktober 2014), kann der Wanderer überraschend imaginiert werden. Die rund 70 ausgestellten Meisterwerke russischer Landschaftsmalerie von Mitte der 1850ger Jahre bis 1917 aus der StaatlichenTretjakow-Galerie, Moskau werden auf dem Weg zum Theater am Rand in Zollbrücke unversehens zu Bühnenbilder der Dshamilja-Erzählung.

Es ist, als würde man vom sommerlich warmen Genfer Sees mit dem Alpenpanorama im Hintergrund zu der in sommerlicher Schwüle fast meditativ gestimmten, dünn besiedelten Oder-Landschaft wie über eine Brücke gehen, die Kunst und Natur verbindet. Mit den Landschaftsbildern Magie du paysage russe im Kopf, die auf der einen Seite den Bruch mit der russischen Akademie-Kunst zeigen und andererseits die westeuropäische Avantgarde assoziativ kommentieren, sitzt man Wander-Tage später in einem anthroposophisch inspirierten, amphitheatralisch konstruierten Raum zusammen mit 200 anderen Zuhörern und wird mit Dshamilja in eine un-erhörte Liebes-Zauber-Welt entführt.

Ähnlich Louis Aragon, der nach der Veröffentlichung von Dshamilja in einem russischen Literaturmagazin überzeugt war, dass sie eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur ist – und sie sofort ins Französische übersetzte und ihr damit einen festen Platz in der Weltliteratur bahnte -, ist dem Musiker Tobias Morgenstern gemeinsam mit dem Schauspieler Thomas Rühmann jetzt, Jahrzehnte später Dshamilja als eine unschuldige Erzählung über die reine Liebe  wieder begegnet.

Morgenstern und Rühmann, die seit 1998 das Theater am Rand sind, haben eine Musik-Text-Collage erarbeitet, die sich dramaturgisch zugespitzt, allein auf die Lyrik der Liebesgeschichte von Dshamilja und Danijar konzentriert. Die ausgewählten Texte reduzieren die Erzählung auf die Etappen, die die Liebesgeschichte wie ein Kleinod geheimnisvoll aufleuchten lassen. Und anders als bei Aitmatow selbst, wo die Liebe frühzeitig benannt– und damit ihres geheimnisvollen Zaubers entraten und letztlich verraten wird.

Verstetigende Aspekte der Aitmatow-Erzählung hinsichtlich Ort, Zeit und Sozialgemeinschaft werden nur angedeutet, ohne das damit der Atem von Dshamilja verlangsamt würde.

Von Rühmann aus der Perspektive des 15jährigen Said erzählt und gelesen, wo dieser durch Dshamilja und Danijar erstmalig etwas vom komplizierten Leben und von einer Liebe, die durch Leiden reift, eine Ahnung bekommt, entsteht ein emotionaler Sog, dem man sich nicht entziehen konnte. Je länger, je dramatischer, je unmittelbarer die Erzählung fortdauerte, um so mehr übertrug sich die anteilnehmende Spannung auf das Publikum. Verklärte Blicke, fest zusammen gehaltene Hände, aneinander gelehnte Köpfe. Etwas befremdlich war, wie Rühmann in überwiegend statuarischer Sitzposition den Text von einem Laptop ablas und bis auf die Schlusssequenz jeden Blickkontakt mit dem Publikum vermied.

Morgensterns Musik, komponiert sowie mit improvisatorischen Facetten angereichert, verdichtete den gelesenen Text und schuf gleichzeitig einen stimmungsvollen Phantasieraum. Die stellenweise dominierenden Drum-Recorder und Fender Rhodes Electric Piano schufen passagenweise durch bombastisch aufeinander getürmte Akkorde mitunter einen über-wältigenden, aber eindimensional gefühligen Sound.

Emotionen, denen man schon lange glaubte, nicht mehr trauen zu können,  wurden (er)geweckt. Verzaubert von einem Geschehen irgendwo am Rand der Welt. Und wenn, wie an diesem überhitzten August-Sommerabend die Sonne den durchsichtigen Bühnenhintergrund beleuchtete und den Blick in die Oderlandschaft im Wechselspiel der Farben und Gräusche freigab, konnte man sich wie in einem Traum fühlen.

Während drinnen in die Musik Pferdegetrappel eingemischt wurde, fuhr draußen ein Mähdrescher übers Feld. Oder als Dshamilja dem Gesang Danijars nachlauschte, entfachte der Wind im Eichenbaum ein Blätterrascheln. Das hörte sich wie ein musikalischer Kommentar von draußen an, als wäre er dramaturgisch für drinnen geplant.

Nach 80 Minuten wendeten Dshamilja und Danijar ihre Schritte in eine weite, lichte Ferne. Zurück blieben die Zuschauer mit Bildern, die sich mit einer nachträglichen Lektüre der Erzählung metaphorisch weiter träumen lassen. Ein gleichgültiger Mensch hätte niemals so singen können.

Mit Dshamilja rückwärts zu den Landschaftsbilder Magie du paysage russe wandernd, mit ihrer, sie erschütternden Erkenntnis Das war ein Mensch (Danijar), der eine tiefe Liebe in sich trug. Keine Liebe…..wie man sie für einen anderen empfindet, sondern eine weit größere, die Liebe zum Leben, zur Erde im Aufmerksamkeits-Gepäck, wurde etwas von der viel beschworenen russischen Seele in ihnen sichtbar.

In und hinter den ausgestellten Landschaftsbildern hatten sich damals Literaten und Musiker zusammen mit den Malern zu einer Genossenschaft der künstlerischen Wanderausstellungen versammelt. Ihre künstlerischen Arbeiten verstanden sie als Bausteine auf dem Weg zu einer modern Gesellschaft.

Geht man, weiter wandernd im doppelten Sinne durch die Ausstellungsräume, in denen auf farbig unterschiedlichen grundierten Wänden Landschaftssujets von Wald, Meer und Himmel bis zu den Jahreszeiten zu sehen sind und liest dabei in der  Erzählung Dshamilja, ist es, als würde man in einem Bilderbuch lesen.

In den Bildern, wo in De retour de la forét (1900) von Nikolai Pimonenko ein Mädchen aus einem Waldstück tritt, das man für einzigartig russisch halten möchte, so wie in Un grande chemin en automne (1863) von Mikhail Klodt von Jürgenburg  ein Panje-Wagen von Pferden gezogen wird, assoziieren bildlich eine Vorwegnahme von der Landschaft, die den Hintergrund von Aitmatows Erzählung bildet.

Dieser unmittelbare Reflexionsbezug mag vordergründig sein. Subjektiv bedingt durch den Brücken-Wanderweg von Lausanne nach Zollbrücke und zurück. Andererseits erleichtern solche (oder ähnliche) Assoziationsebenen die Betrachtung von Landschaftsmalerei, weil sie eine Geschichte mit einer auch unbekannten Landschaft verbinden und sie dadurch erfahrbarer machen.

Große Namen, wie Ilia Répine, mit Dans un champ, V. Repina et ses enfants (1879) – zweifellos ein Meilenstein in der Mehrebenen-Bildgestaltung – werden als bildgebendes Signet für Faltblätter und Katalog öffentlichkeitswirksam gern genutzt; wie jetzt auch in Lausanne. Gleichzeitig verstellen sie aber auch die Aufmerksamkeit für zumindest aus westeuropäischer Sicht weniger bekannte Maler. Betrachtet man allerdings Arbeiten von Apolilinari Vasnetsov (Les chathédrals du Kremlin, 1894) oder von Arkhip Kouindji (L’Elbrouz au clair de lune, 1890 – 1895) aufmerksam reflektiert, so werden impressionistische Anmutung überaus deutlich.

Alksei Bogolioubov‘ Vue du monastére Smolny epuis la Bolchaia Okhta, 1851) könnte auch in Venedig entstanden sein, wie der Wanderer in Chemin dans un champ de seigle, 181) von Grigori Miassoiédov auch einer Figur aus Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg aus der (europäischen) Mitte des 19.Jahrhunderts sein könnte.

So begegnen einem in Lausanne Landschaften, die das spezifisch Russische widerspiegeln (in En mai, les premiéres pousses, 1887 von Ilia Ostroukhov ist es beispielsweise die Birke, die eine Flusslandschaft markiert), wie sie Landschaften generalisierend antizipieren, wie sie auch am Genfer See gesehen werden können (Vladimir Sherwood, Chute d’eau, fin des années, 1850).

Am Ende der Wanderung durch die Landschaften zwischen Genfer See und Oderfluss ist es nicht immer eindeutig und klar: Laufe ich durch Landschaftsbilder in der Ausstellung, höre ich nur die Erzählung von Dshamilja – oder bin ich wirklich in der Landschaft unterwegs?

Wenn sich Original und Reproduktion zu etwas Neuen verbinden, werden neue Horizonte sichtbar. Kunst wird Leben, wie Leben zum Gesamtkunstwerk wird.

11.08.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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