Real oder fiktional? Auf der Suche nach Antworten mit Cindy Sherman. Untitled horrors im Kunsthaus Zürich

© Cindy Sherman. Courtesy of the artist and Metro Picture, New York

© Cindy Sherman. Courtesy of the artist and Metro Picture, New York

 

Ob man will oder nicht, irgendwann flattert einem in Zürich eines der kostenlos verteilten Zeitungsblättchen in den Schoß. Nachrichten häppchenweise, als Infotainment gewürzt mit Halbwahrheiten, Merkwürdigkeiten und Sensatiönchen. Manchmal, wenn auch eher selten mit interessanten Lifestyle-Perspektiven. Beispielsweise vom Wandel hipper Aufmerksamkeit, vom Hipster zum Glypster war da vor geraumer Zeit zu lesen. Styling und Ganzkörper-Tattoos als Accessoires exhibitionistischer Selbstentäußerung dominieren zunehmend den öffentlichen Raum.

Wer die Ausstellung Cindy Sherman. Untitled horrors im Kunsthaus Zürich (noch bis zum 14.September 2014) besucht, kann für einen Moment den Eindruck haben, als hätte die amerikanische Fotokünstlerin ihre Fotografien just in time dort gemacht, woher der Ausstellungsbesucher gerade gekommen ist. Vom Boulevard der Eitelkeiten draußen vor der Tür. Shermans obsessive, inferiore Welt(Sicht) fokussiert in selbstinszenierten Bildern Menschen, Milieus und Orte als burleskes Schattenspiel von verstörender Orientierungslosigkeit.

Dass, was als Ergebnis auf häufig überdimensionierten Farbabzügen zu sehen ist, ist weder einsichtig lustig noch nachsichtig schamhaft. Es sind heftige Bilderzählungen, die verunsichern. Vor allem deshalb, weil sie Alltägliches, von dem man geneigt ist, es als selbstverständlich anzuerkennen,  verunklaren. Shermans analytisch sezierender Blick kippt Perspektiven in einen unbestimmten Schwebezustand, bei dem die proportionale Balance verschoben ist, manchmal auch verloren gegangen zu sein scheint.

Seh-Erwartungen werden durchkreuzt und müssen sich somit neu finden. Eine Sherman-Ausstellung funktioniert deshalb nur interaktiv.  Die mit Untitled bezeichneten Arbeiten müssen von den Besuchern kodifiziert werden. Den in ihnen sublimierten Erzählhintergrund zu entschlüsseln, gelingt allerdings nur, wenn Distanz und Nähe zu eigenen Lebenswelt-Erfahrungen hergestellt werden kann.

Der Gang durch die wahrnehmungspsychlogisch ambitioniert kuratierte Ausstellung (entstanden in Zusammenarbeit von Astrup Fearnley Museet, Oslo, dem Moderna Museet, Stockhom und dem Kunsthaus Zürich) ist ein Weg mit einem hohen Selbsterkenntniswert. Shermans Bilder sind Kontextbilder, die über Ort und Zeit der konkreten Fotografie hinaus weisen. Das fotografische Bild ist nicht Abbild der Wirklichkeit. Es ist eine eigenständige Kategorie von Realität. Dass diese Realität auch Horror-Anteile hat, wo hinter den Fassaden auch der schöne Schein des Hässlichen, des Morbiden, des Zynischen sichtbar wird, ist nicht gerade das, was einen unbeschwert heiteren Gang durch die Ausstellung nach einem gemütlichen Kaffee leicht macht.

Andererseits liegen in dieser frontalen Unterminierung von als allgemein anerkannten, verlässlichen Sehgewohnheiten sowie daraus resultierenden Selbstverständnis-Ritualen Chancen, Lebendigkeit  anders zu lesen. Wer sich so den fotografischen Arbeiten lesend annähert, dem eröffnen sie ein Alltags-Welt-Theater, als würde er ein schon wiederholt gelesenes Buch zum ersten Mal lesen. Ein Mehr-Kosmos entsteht. Aus dem Meer der billigen Beliebigkeiten tauchen Inseln auf, auf denen wir uns selbst (und den anderen, die mit uns im Hier und Heute sind) erkennen, gespiegelt als Teil eines horror vacui.

Cindy Shermans Überzeugung (mit der Jahresangabe 1983 im Ausstellungskatalog zitiert) I see myself as a composite of all things I’ve done ist, genau betrachtet, keineswegs ausschließlich eine subjektiv retrospektive. Sie impliziert das, was in ihren Bildern sichtbar wird. Auch das Nicht-Sichtbare ist Teil des Wirklichen. Gestern, heute, morgen.

In den Character Movement Series (The mask, 1976) hat Sherman schon früh ihr Thema gefunden. Wer und wo ist das Ich? Bin ich nur eine Replik? Ausgehend von ihrer legendär gewordenen Sozialstudie Bus Riders (1976) über die typologischen Line-up-Selbstinszenierungen (seit 1977 bis heute)  oder in ihren Fashion Series wird das Absurde und Makabre als Teil des Normalen demaskiert. Dabei bedient sie sich seit den 1990ger Jahren aus dem christlichen und antiken Figurenkabinett, um ihre Träume und Albträume schnörkellos bis brutal bildmächtig zu gestalten.

Der Sherman-Bilder-Kosmos verweigert konsequent jede text-basierte Erklärungshilfe. Untitled horrors insistiert auf Eigenarbeit. Sie kann überfordernd auch sprachlos machen. Selbstreflexivität ist ein hoher Anspruch. Nicht von jedem zu leisten.

Ob es von daher, wie im Katalog der Direktor Christoph Becker und die Kuratorin Mirjam Varadinis zitiert werden – statt Kunstkritiker und Kuratoren einzuladen, die erneut etwas schreiben, das nichts mit dem zu tun hat, was mich (Cindy Sherman) zu der betreffenden Arbeit veranlasst hatkommen literarische Autorinnen und Autoren zu Wort – gelang, eine ungewohnte Perspektive zur Ausstellung schlüssig und stimmig zu schaffen, muss anhand der veröffentlichten Text bezweifelt werden. Die Texte zeichnen sich vor allem durch kryptische Formulierungen aus, die eher Kunstlicht verbreiten, als das sie Shermans Kunst textlich belichten. Karl Ove Knausgards Text Der Schweinemensch ist dabei eine wohltuend reflektierte Ausnahme.

Ähnlich widersprüchlich zu dem programmatischen Untitled horrors ist der Audio-Guide. Gewissermaßen durch die Hintertür werdenaus untitled  unversehens titled informations, die eigene Wahrnehmungshorizonte eindimensional verkleinern. So wie der Konsument in der Dienstleistungsgesellschaft immer häufiger in seiner Selbstverantwortung reduziert wird, wird er durch den Audio-Guide in die richtige Spur manipuliert. Allerdings anders als Sherman, die durch fotografisch künstlerische Manipulation auf sensibilisiertere Wahrnehmung zielt.

Cindy Sherman die, die uns untitled den Spiegel vor hält. Wer sich darauf einlässt, sieht im Spiegel nicht nur sich selbst sondern die ganze Welt. Was für eine Welt ist das? fragt Karl Ove Knausgard in seinem schon zitierten Katalogbeitrag  und fährt fort: Auch wenn alles in ihnen realistisch ist….ist ihnen allen etwas Unwirkliches eigen, als gäbe es die Frauen und Orte, an denen sie abgebildet sind, in Wahrheit nicht, als wären sie fiktional.

Aus der Ausstellung zurück in den Straßen von Zürich und anderswo die immer wieder neu zu beantwortenden Frage: Wo bin ich real, wo fiktional?

 

 14.08.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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