Von schweizerischen Märchen und geöffneten Türen: Sesam, öffne Dich! – Anker, Hodler, Segantini im Kunstmuseum Bern

Albert Anker, Schulmädchen mit Schiefertafel und Nähkörbchen, 1878 ©   Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur

Albert Anker, Schulmädchen mit Schiefertafel und Nähkörbchen, 1878 © Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur

 

Für manchen ist die Schweiz immer noch ein Märchenland. Heidi und der Alm-Öhi, die Schokolade und der Käse: Qualitätsprodukte als Synonym für die Schweiz. Dass das Märchenhafte im Alltag dann weniger romantisch verklärt daher kommt, ist der Preis, den die globale Welt überall einfordert.

Und doch gibt es in der Schweiz etwas, das man aus der Sicht von außen  als märchenhaft bezeichnen kann. Wie kaum noch in einem anderen europäischen Land gibt es hier vergleichsweise viele Stiftungen, die die Landeskultur bewahren helfen. Die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ist so eine unübersehbare Größe. In ihr hat der Winterthurer Unternehmer und Mäzen Bruno Stefanini seine seit mehr als 50 Jahre gewachsene Sammlung eingebracht. Stefanini hat sich nicht mehr aber auch nicht weniger auf seine (schweizerische) Fahne geschrieben, Kunst und Kulturgüter zu sammeln, die für die Eidgenossenschaft charakteristisch und repräsentativ sind. Und die nicht in ausländischen Sammlungen oder Tresoren verschwinden sollten, um als Spekulationsobjekte auf dem Kunstmarkt für fremden Reichtum zu sorgen.

Jetzt ist noch bis zum 24.08.2014 im Kunstmuseum Bern erstmals ein Teil dieser Sammlung zu sehen. Der Gang durch die Ausstellung, die sich nicht scheut, das zitierten Märchenhaften mit der Ausstellungsankündigung Sesam, öffne Dich! beim Namen zu nennen. Es wäre auch angesichts der ausgestellten Kunstwerke eine falsche Bescheidenheit. Der Untertitel der Ausstellung benennt mit Anker, Hodler, Segantini… in concreto nur die Spitze des schweizerischen Kunst-Eisberges.

Neben dem Lokalkolorit der Adolf Dietrich, Frank Buchser, Robert Zünd, Karl Stauffer-Bern oder Nikolaus Stoecklin, die Vorläufer oder Teil der Avantgarde waren (aber nicht in der ersten Reihe als solche von der Kunstgeschichte und der Kunstkritik wertgeschätzt sind), sind neben den genannten Malergrößen internationale Schwergewichte wie Cuno Amiet, Felix Vallotton, Augusto und Giovanni Giacometti mit wichtigen Werken vertreten.

Sind die eindrucksvoll empathischen Studien von Albert Anker, wie beispielsweise Die polnischen Verbannten (1868) oder Mädchen, die Haare flechtend (1887) schon vielfach ausgestellt bzw. als Teil der Sammlung des Kunstmuseum Bern immer wieder zu bewundern, so stehen ihnen Arbeiten wie Kornernte (1885) oder Bauern mit Ochsengespann beim Eggen  (ohne Zeitangabe) von Robert Zünd kaum weniger nach.

In dieser Reihe darf natürlich Johann Heinrich Füssli (Die Vision des Dichters, 1806/07) nicht fehlen (vgl. Prometheus atemlos in Zürich – Festspiele Zürich 2014, vom 18.07.2014 und der damit verbundene Hinweis auf die Kabinett-Ausstelllung Die Fackeln des PrometheusJohann Heinrich Füssli und Javier Téllez im Kunsthaus Zürich, noch bis 20.10.2014).

Mit dem latenten, nach wie vor unterschwelligen Vorurteil, dass Felix Vallotton zwar einer der wichtigsten, aber gleichzeitig auch einer von der Kritik zu Unrecht untergeschätzten Künstler der Avantgarde ist, setzt die Berner Ausstellung insbesondere mit den Baigneuse-Bilder einen starken Kontrapunkt. Vielleicht sind die Arbeiten von Felix Vallotton sogar die Entdeckung der Ausstellung.

Vor Die Gotthardpost (1873) von Rudolf Koller stehend kann einem das Gefühl beschleichen, die  Schweiz par excellence im Kitsch-Postkarteformat wieder einmal begegnet zu sein. Dagegen assoziiert Kollers Spazierritt im lichten Wald (1895) europäische Geschichte, die im wenige Räume weiter in einer Vitrine ausgestelltem Reitkostüm der Kaiserin Elisabeth von Österreich aus der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts auf merkwürdige Weise weitererzählt wird.

Wenn einem auch vor Ausstellungsstücken wie der Armbrust (Deutschland, 17.Jahrhundert) oder dem Spiegel der Königin Hortense von Holland (1810) mitunter der Eindruck beschleicht, man wandelte durch ein Raritätenkabinett der besonderen Art, so öffnen sich mit Ferdinand Hodlers ikonografischen Arbeiten Die enttäuschten Seelen (1892) oder Die Lebensmüden (1892) sowie mit einem seiner Parallelismus-Hauptwerke Heilige Stunde (1911) Türen in einen Welt-Kosmos, der auch heute noch, nach mehr als hundert Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

Ein Einfallstor in die Welt, das sich auch mit Ende der Ausstellung nicht schließt Hodlers Arbeiten sind Platzhalter für die Bilder, die uns ein Leben lang nicht loslassen. Wer es also nicht schafft, während der Ausstellungsdauer durch diese Tür zu gehen, dem öffnet sie sich in anderen Sammlungen und Ausstellungen. Wer sie sucht, wird sie finden.

 19.08.2014

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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