My Tools als Werk-Zeugen von Jim Dine in der Photographischen Sammlung, SK Stiftung Kultur in Köln

Jim Dine: The Glass Blower’s Table, 2013  © Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Jim Dine: The Glass Blower’s Table, 2013
© Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

 

Wie kommt jemand dazu, sich künstlerisch in absoluter Rigidität mit Werkzeugen zu beschäftigen. Versuchen, ihre Struktur und der in ihr enthaltenen Erzählung nachzuspüren?

Das ist, wenn überhaupt abstrakt denkbar, nur von einem wie Jim Dine (Jahrgang 1935) zu erwarten. Immer und immer hat er sich Werkzeugen bis in den mikroskopischen Bereich genähert und sie fotografiert. Als wolle er ihre handarbeitsunterstützende Hilfsmittel-Funktion als Werk bezeugen. Die narrativen Anteile eines Werk-Zeuges durch seine Wahrnehmungsbrille öffentlich machen. Ich photographiere nach wie vor Werkzeuge, weil sie Teil meines Lebens gewesen sind, aber erst durch die Photographie ….wurden sie zu einer Art Muster und zu einer fotographischen Studie der Welt. (Dine 2014)

Solche Leitgedanken begleiten den Besucher durch die jetzt in der SK Stiftung Kultur, Die Photographische Sammlung in Köln (noch bis 8.Februar 2015) eröffnete Ausstellung Jim Dine – My Tools. Sie leiten ihn durch den Dine-Werk-Zeug-Kosmos (Photographien 2001 – 2013). Am Ende hat man eine Ahnung von der Obsession eines Mannes, der in einer von Männern dominierten, amerikanischen Familie aufgewachsen ist, in der die männlichen Vorfahren Handwerker waren. Die Zuordnung der Geschlechter war klar ohne Wenn und Aber: …woodworking and craft class for boys…The girls attended Home Economics, which taught kitchen skills and sewing, erzählt er über die berufliche Orientierungen nach 1945 (in einem in der Ausstellung zu sehenden Video The Violence of Tools, das ihn im Gespräch mit seiner Frau Diana Michener zeigt).

Dine war seit Kindertagen von Werkzeugen umgeben, die nach ihrer Funktionalität ihren ehernen Kraftübertragungswert hatten, bis er für sich in und mit ihnen Existentielleres entdeckte: Tools are objects of desire. So offenbarte sich ihm in der Materialität sowie in Form und Farbigkeit eine Welt von Geschichten, von Stillleben, von Abstraktionen, mit denen sich Türen zu einer poetischen Welt jenseits ihres Gebrauchswertes öffneten. Neben der Violence-Funktionalität er-sah er sich verschränkte Desire-Perspektiven. Diese andere Seite des Mondes wird – wie übrigens immer auch im gewöhnlichen Alltagsleben – dann sicht- und erfahrbar When you fall in love with something, wie Dine am Ende des Videos beschwört.

Geht man entsprechend sensibilisiert durch die von der Leiterin der Photographischen Sammlung Gabriele Conrath-Scholl kuratierte Ausstellung wird sie zu einer Reise durch die hinter den Werkzeugen imaginierte, innere Landschaftswelt des Jim Dine. Die ästhetische Schönheit der Dingwelt scheint als Leichtigkeit des Seins im Kontrast zu dem machohaft Schweren der Werkzeuge, die als Kraftübertragungsgeräte gebaut sind, auf und rückt, je länger man durch die Ausstellung geht, sie näher.

Trat man eben noch vor The Head of Delta (2007) unbewusst einen Schritt zurück, monströs, wie mit einem eisernen Helm angetan, schien die Bohrmaschine aus dem Bild bedrohlich herauszutreten, beruhigt sich in Old City of Jerusalem, a Truck and in My Studio in Walla Walla (2011) das erschrockene Gemüt in der Weite der Landschaft (ebenso vor Guarding, the Still Life, Remembering the Tree, 2011).

Durch variierende Tiefenschärfe (Proud Boy, Lying down, 2007) bis zur kalkulierten Unschärfe (Forest Painting, 2012) sowie durch schwarz-weiß-Kontrastierung (Hammers Wall, 2002) oder farbige Fokussierung (The Glass Blower’s Table, 2013) gelingen Dine mehrdeutige gleichwohl aussagestarke Bilder, die wie surreale Werk-Zeugnisse anmuten.

Verschiedene Werkzeuge,  wie eine Assemblage in die Zweidimensionalität der Fläche arrangiert, erscheinen in der 12-teiligen Arbeit Dark Movie (2201) wie Film-Stills. Ihre Reihung kann wie eine Erzählung über innere (Seelen)Landschaften gelesen werden. In Front von Beilen und Säge in Borås, by the Lake – At the Forge (2004) schleicht sich unterschwellig Unsicherheit und Angst ein und man fühlt sich an Filme wie A Clockwork Orange von Stanley Kubrick erinnert. Jim Dines Dark side of a movie als angehaltene Zeit, die die Chance gibt, durchzuatmen, um sich zu versichern, wer ich wo bin.

My Tools ist mehr als nur eine klassisch aufgebaute Ausstellung von Fotografien. Sie ist eine Einladung, sich heute, wo sowohl Sach- als auch Personalbeziehungen immer mehr von ökonomischen Effizienz-Kennziffern dominiert werden, auf die Suche nach der zweck(be)frei(t)en Schönheit hinter den Alltagsdingen zu machen.

  19.09.2014

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Kunstausstellung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s