Hamlet im Hochtemperatur-Theater „Schaubühne Berlin“

Lars Eidinger  Foto: Arno Declair

Lars Eidinger
Foto: Arno Declair

 

Wer in die Schaubühne Berlin geht, kann sich sicher sein, dass es immer ums Ganze geht. Um das Leben mit allem, was es zwischen Geburt und Tod zu bieten hat. Theater direkt, kraftvoll, vital sowie emotional berührend und kognitiv fordernd. Dementsprechend sind auch die Programmhefte eher anspruchsvolle Studienbücher als häppchenweise portionierte Informationen zum Stück.

Hamlet von William Shakespeare ist ein Drama, an dem sich Generationen von Regisseuren abgearbeitet haben – und das in der Schaubühnen-Kultur des Intendanten Thomas Ostermeier und seines Ensemble bestens aufgehoben ist. Aufgehoben nicht als verstaubte Theaterreliquie, sondern fokussiert im Hier und Jetzt. Das auch 2014 noch genauso kraftvoll den ganz normalen Wahnsinn des täglichen Alltags analysiert, seziert und kommentiert, wie bei der Premiere vor sechs Jahren. Die Alltage sind seitdem vielleicht noch heftigeren, Verunsicherung und Irritation hervorrufenden Anforderungen unterworfen. Sie sind jeden Tag eine immer wieder neue Gestaltungsherausforderung.

Das von Ostermeier in Koproduktion mit dem Festival Athen und dem Festival d’Avignon 2008 inszenierte Shakespeare’sche Monumentalwerk (vollständig bis zu 5 Stunden), ist für ihn in der Übersetzung von Marius Mayenburg  eine Materialgrundlage, die dunklen, Schatten werfenden – mitunter Menschen vernichtenden – Machtinstinkte  ans Licht zu holen. Das Material dem gegenwärtigen Moment anzuverwandeln; der gegenwärtige Moment ist jetzt – der Moment, wenn die Leute im Zuschauerraum sitzen, wie Peter Brook (Evokation Shakespeare, 1996) im Programmbuch zitiert wird.

Zum Beginn der neuen Spielzeit gibt es jetzt eine erneute Chance, sich an diesem Hochtemperatur-Theater zu verbrennen. Sich von dem Furor des Spiels anstecken zu lassen, um den Funkenflug zu nutzen, selbst ein Feuer zu entzünden, dass das Untergründige, das Verborgene, das Verschattete, wenn schon nicht auszuräuchern, so doch anzukohlen. Es ruchbar zu machen.

Es ist Theater im Shakespeare-Theater, das das möglich macht. Wo der Wahnsinn als Kostüm für Hamlet gar nicht wahnsinnig genug sein kann, um der Wirklichkeit nahe zu kommen. Am Ende wird Hamlet daran verzweifeln und zugrunde gehen, dass derjenige, der seine Sünde bekennt, trotzdem als Sieger vom Kampfplatz geht, weil er den durch mörderische Intrigen und Taten eroberten Gewinn behält: Der Bruder ermordet den Bruder-König und setzt sich selbst die Krone auf.

In einem durchweg hoch motivierten Ensemble spielte sich Lars Eidinger in der Rolle des Hamlet, so machte es den Anschein,  bis auf die letzten Luftreserven aus. Beim stürmischen Schlussapplaus rang er sichtlich nach Atem. Eidinger, wahrlich kein Schmächtling oder Leisetreter, spielte nicht Hamlet. Er war in den 150 Minuten Spieldauer (ohne Pause!) Hamlet mit all seinen Verletzungen. Erst schockiert vom Verrat seiner Mutter, dann auf Rache sinnend, um letztlich an der Weißwäscher-Normalität der Gesellschaft zu verzweifeln.

Jan Pappelbaum hat eine mobile Bühne gebaut, die die Tafelfreuden des neuen Königs Claudius (Urs Jucker spielt ihn in einer boshaft heuchlerischen Pose), wo das Böse sich in selbstverständlicher Verliebtheit feiert, durch einen güldenen Kettenvorhang vom Morast vor ihr und den Zuschauern trennt. Hamlet durchmisst den Raum mit einer geradezu unheimlichen Präsenz von körperbetontem Spiel und facettenreich nuancierter Sprache. Verlässt sie fast übergangslos, wechselt in eine räsonierende, fragende oder kokettierende Umgangssprache (eine Frau verlässt den Zuschauerraum: Die muss mal, kommt wahrscheinlich nicht wieder.) – und springt anschließend wieder in den Hamlet-Kosmos zurück.

Ostermeiers Hamlet verdankt seine manchmal fast gespenstische Unmittelbarkeit dem Wechsel von Spielen, Sprechen und Kommentieren. Parallelisiert vom Wechsel von Ophelia, Hamlets Geliebter zu Gertrud, Hamlets Mutter (und wieder Schwager-Königin). Damit kommt Ödipus durch Hintertür ins Stück und verlässt sie durch die Vordertür. Ödipus vollbringt die Tat…, weil er nicht weiß, was er tut. Im kontrast zu Ödipus weiß Hamlet und ist aus diesem Grund nicht fähig zur Handlung zu kommen, formuliert Slavoj Žižek (im Programmbuch) das Modell des modernen Intellektuellen (introvertiert, grüblerisch, unentschlossen).

Jenny König spielt Gertrud/Ophelia als einen fremd geformten Wechselbalg männlicher Machtphantasien, die sich selbst desavouieren, mit der resignierenden Haltung, sowohl als Ophelia als auch als Gertrud auf einem verlorenen Posten geraten zu sein, am falschen Ort die noch falscheren Spiele mitzuspielen.

So schrammt jede Figur in diesem vertrackten Leben, wie Hamlet-Eidinger räsoniert, haarscharf am (eigentlichen) Leben vorbei. Liebe hoffend, aber unfähig selbst Liebe zu geben.

So wird die Paraphrase Sein oder nichts sein, aufgenommen mit der Handkamera und auf die Bühnenwand gespiegelt, zum Menetekel: self-fulfilling prophecy in Agonie.

Mancher hat danach die Schaubühne mit hochgezogenen Schultern verlassen. Draußen kündigte sich schon der kommende Herbst an.

24.09.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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