Wo findet sich Die schweigsame Frau zu Oktoberfestzeiten?

© Bayerische Staatsoper

© Bayerische Staatsoper

 

München zur Zeit des Oktoberfestes ist eine andere Stadt. Maskiert in Dirndl und Lederhosen sind viele Münchner und Münchnerinnen sowie Touristen vielerlei auch gleichzeiteig uniformiert. Aber nicht nur das. Sie machen sich nicht nur auf der Wies’n lautstark bemerkbar.

Wie kann man schlafen, wenn immer eine ganze Herde von Brüllhälsen wach ist?….Und lassen sie einen friedsamen Bürger schlafen? Nein, sie rennen auf die Straße, sie toben in den Schenken, sie kotzen die Nacht voll mit ihrem vermaledeiten Lärm! Was wie ein Seufzer eines in diesen Tagen gestressten Münchner Normalbürgers klingt, hat Stefan Zweig vor 80 Jahren für das Libretto zur Oper Die schweigsame Frau getextet. Richard Strauss, Anfang der 1930 Jahre mit über 60 Jahren nicht mehr der Jüngste, suchte einen Stoff, mit dem er sich noch einmal als Opernkomponist beweisen wollte. Von Zweigs Vorschlag, der auf der Novelle Epicone or The silent woman von Ben Jonson (1609) basiert, war Strauss sofort überzeugt. Das Libretto entfaltet offenbar eine Geschichte, die mehr als nur ein interessantes Thema für eine Komposition ist. Es war für Strauss auch eine altersweise (Selbst)Offenbarung.

Der durch Umstände, die das Leben manchmal so mit sich bringt, hörgeschädigte Morosus reagiert in cholerischer Panik auf jede Form von Lärm. Nicht nur die Weis’n lassen grüßen. Auch der gewöhnliche Alltag der modernen Arbeits- und Freizeitgesellschaft, die mitunter ineinander übergehen und sich lärmig mischen, vermischen, hat seinen entsprechenden Lärmpegel. Oft über die Schmerzgrenze hinaus.

Am Ende der Oper, nach vergeblichen Versuchen durch eine schweigsame Frau seine Ruhe zu finden, wird Morosus schlussendlich erkennen: Wie schön ist doch die Musik – aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist. Ein Schalk wer in diesem geläuterten, altersmilden Morosus nicht Richard Strauss selbst sprechen hört.

Franz Hawlata bringt für diese zwiespältige Rolle des Morosus eine variable Bass-Klangfarbe ein, die durch schauspielerisches Verve ideal ergänzt wird. Ohne das Zusammenpassen von Gesangsstimme und Spiel, die in manchen Operninszenierungen ein eher Ungleiches sind, wäre die Gefahr groß, dass Die schweigsame Frau auseinander fallen könnte. Strauss war sich dieser Gefahr offenbar bewusst. Er hat einerseits eine Oper komponiert, die für die zentrale Figur der Aminta ein Koloratursopran voraussetzt, der sich nicht über das mehrfach gestrichene hohe C nicht hinweg singen kann. Die amerikanische Sopranistin Brenda Rae gibt der Aminta ein ungemein eindrucksvolles, charaktervolles Profil. Gemeinsam mit ihrem angetrauten Henry Morosus (der Tenor Daniel Behle wird dem vom Libretto eher defensiv angelegten Henry mit einer souveränen sängerischen und schauspielerischen Zwischenton-Gestaltung klug gerecht), Neffe des lärm-allergischen, sich altersmüde stilisierenden Morosus inszenieren sie ein intrigant aufklärerisches und amüsantes Spiel. Laut singende, feiernde Lebensfreude versus Lärm-, respektive Lebensabschirmung. So beginnt ein anregend aufregendes Spiel, in dem Strauss die Gesangsstimmen und in Form einer rezitierenden, erzählende Stimme des Barbiers als Morosus‘ Einflüsterers (Nikolay Borchev erhielt am Ende für seine schelmisch komische, die Geschichte dynamisierende Rollengestaltung großen Beifall) zu einer musikalisch und spielerisch formidablen Struktur zusammenführte (dramaturgisch von Olaf A. Schmitt eingerichtet).

Für solche bunten, stringente Logiken überschießenden Bilderreigen ist Barrie Kosky in den letzten Jahren zum dem geworden, von dem man mit Verlässlichkeit vorder- und hintergründigen Spaß auf derOpernbühne erwarten kann. Man kann sich bei jeder Inszenierung von Kosky fragen: Was macht diesen Kosky-Bilder-Klang-Kosmos eigentlich aus? Die Antworten fallen jedes Mal anders aus. Mögen seine Bildangebote auch grell exzessiv, herausfordernd bis an die Grenzen des guten Geschmacks sein, sie haben immer etwas geradezu Obsessives, das im besten Fall verunsichert und beunruhigt. Perspektiven des Selbstverständlichen unterläuft und auf Geschmackserneuerung vertraut.

Die schweigsame Frau in der Bayerischen Staatsoper ist ein opulentes Bildangebot, das sich mit Zitaten aus dem Fellini’schen Personal-Panoptikum in das Hier und Jetzt fortschreibt. Gespielt wird auf einem Podest hinter dem Brandmauern und Bühnengerät, inklusive der tätigen Bühnenarbeiter immer sichtbar sind. So als würde das Publikum dadurch ständig daran erinnert, dass das, was auf der Bühne gezeigt wird, nicht irgendein weltfremdes Spiel ist, sondern nur das Leben draußen auf den Punkt formuliert.

In den Pausen vor das Opernhaus tretend konnte man an diesem warmen Frühherbstabend die Nagelprobe machen. Busse entluden auch noch zur abendlichen Stunde japanische Touristen, die vornehmlich über ihre gezückten Fotoapparate kommunizierten, wie auch ein rot behandschuhter Autofahrer in einem roten Porsche seinen automobilen Geräusch-Kommentar hinterließ.

Richard Strauss hat mit Die schweigsame Frau die zur Zeit der Komposition heraufziehende Moderne in einer Art und Weise antizipiert, die in ihrem Reflex für den heutigen Zustand der Welt geradezu hellsichtig erscheint. Gleichzeitig ist sie gepaart mit einer frappierenden, zeitlosen Erkenntnistiefe, die heute, wo die demografischen Grundkonstanten immer mehr verrutschen, nicht genug mit ihrem Sowohl-als-auch erinnert werden kann. Wenn Morosus bekennt Ich bin zu alt und Was jung ist, liebt die Jugend, so ist es nicht die ganze, mögliche Wahrheit. Mit Der schweigsamen Frau lernt er, dass es auch nicht zielführende Weg-Lösungen gibt. Wichtiger kann es häufig sein, zu erkennen, dass nicht (Lärm)Dinge oder jugendlichen Überschwang für die eigene Unfähigkeit verantwortlich zu machen sind, sondern es daruf ankommt, sich dem Leben zu stellen.

Wenn man von kleineren Zwischenfällen absieht, schafft es München jedes Jahr wieder, sich nach dem Oktoberfest mit dem normalen Lärm zu versöhnen. Koskys Inszenierung in der Art der commedia dell’arte kann, so gesehen, als ein handlungsfähiges Versöhnungsangebot angesehen werden. Dass auch im Publikum von Die schweigsame Frau Dirndl und Lederhosen zu sehen waren, mag dafür sprechen.

 29.09.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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