Der Südwind des Notos Quartetts durchlüftete das Schloss Dätzingen

© Boris Miklautsch

© Boris Miklautsch

 

Es gibt sie noch, die Enthusiasten des kammermusikalischen Kunstgenusses am Rande des Klassik-Business. Indem sie die Musik für andere hörbar machen und sich damit gleichzeitig selbst immer wieder neu beschenken. Marion Koepf aus Böblingen ist so eine ehrenamtliche Überzeugungstäterin.

Seit 25 Jahren organisiert sie im Kulturkreis Grafenau im Schloß Dätzingen mit ambitioniertem Engagement die Dätzinger Schloßkonzerte mit hochkarätigen Solisten.  Für viele seit Jahren eine feste Größe. Nach der langen Sommerpause hatte ihr Warten am letzten Sonnabend ein Ende.

Das Notos Quartett (2007 gegründet) eröffnete mit einem Klavier-Quartett-Programm die neue Saison, das von den Anfängen einer eigenständige Quartett-Komposition (Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierquartett g-moll KV 478 von 1785) bis zu Johannes Brahms ebenfalls in g-moll komponiertem Klavierquartett  von 1862 einen kammermusikalischen Jahrhundert-Schritt vorführte.

Das Konzert konnte man wie einen Wechsel auf die Zukunft der klassischen Musik hören. Die jugendliche Frische der Pianistin Antonia Köster gemeinsam mit Sindri Lederer (Violoine), Malte Koch (Viola) und Florian Streich (Cello) – Geburtsjahrgänge 1983 – 1986 (!) – setzte den alt ehrwürdigen Malteser Saal des Schlosses  unter Hochdruck der Gefühle. Streckenweise konnte man Sorge haben, dass die musikalischen Energieschübe, die vom Spiel des Notos Quartetts ausgingen, die Statik des Schlosses überbeanspruchen würden.

Allerdings kein kalkuliertes, musikalisches Muskelspiel, dass allein effektvoll auf ein finales Vivace wie im Klavierquartett Es-Dur op. 47 von Robert Schumann oder dem Presto zum Abschluss des Rondo alla Zingarese des Brahms’schen Klavierquartetts konzipiert war. Gerade in den lyrischen Kantilenen – Andante cantabile bei Schumann oder Andante con moto bei Brahms – wurden kammermusikalische Qualitätsaspekte besonders deutlich. Herausragende Quartett-Musik – insbesondere Klavier-Quartette – zeichnet sich dadurch aus, dass es ihnen gelingt, solistische Passagen und Ensemblespiel zu einem eigenständigen, präzis abgestimmten, aufeinander bezogenen Klang zu verbinden. Jenem Anspruch kam das Notos Quartett an diesem Abend sehr nahe.

Vielleicht spürten die jungen Musiker an diesem fast unwirklich warmen, frühherbstlichen Sonnentag instinktiv etwas von dem Zauber, der gerade in solchen Stunden immer noch wie eine Aura das Herrmann-Hesse-Land durchglüht. Der programmatische Name ihres Quartetts – benannt nach dem Südwind Notos; in der griechischen Mythologie als Gottheit verehrt – wurde im Konzert Wirklichkeit. Warm beruhigend, im nächsten Moment wild bewegt, breitete sich der Notos-Wind als virtuos aufgeladener Notos-Sound im Saal aus.  Sie spielten mit freudiger Aufmerksamkeit, sich dabei gegenseitig mit aufmunterndem Lächeln koordinierend und inspirierend, wie sie ebenso mit aufmerkender Spielfreude das Publikum von Anfang an in ihren Bann zogen. Und das Publikum ließ sich von der Generation ihrer Kinder – durch das Notos Quartett  gewissermaßen stellvertretend – gern über die ihnen angebotene Kammermusik-Brücke mitnehmen. Denn, und das wurde schnell klar, es gab etwas zu er-hören, das im Klassikalltag relativ wenig Aufmerksamkeit genießt, obwohl es musikhistorisch eine bedeutende Zäsur darstellt.

Sorgte Mozarts Klavierquartett bei seiner Uraufführung noch eher für Unverständnis, dass in seiner Komposition die Streichinstrumente dem Klavier nicht mehr untergeordnet (allenfalls aufhübschend) zu dienen hatten, sondern kommunikativ und gleichberechtigt aufeinander bezogen waren, entwickelte Brahms in der Mitte des 19.Jahrhunderts das Klavierquartett als klein-sinfonische Kunstform zu einem Höhepunkt.

Beginnend mit einem Allegro entwickelte sich eine perlende Klangfarbigkeit, die vom Cello im anschließenden Intermezzo das Auftakt-Motiv an das Klavier weitergab und anschließend den Allegro-Lauf der Streichinstrumente befeuerte. Harmonisch und ausdruckskräftig abgestimmt, gestaltete das Notos Quartett das Andante con moto wie einen Weckruf an das Konzertpublikum: Hört zu! Hier geht’s ums Ganze!, um mit dem abschließenden Rondo alla Zingarese. Presto einen orchestral chromatischen Klang zu erreichen, der gleich einer Einladung zum Tanz den Saal in Bewegung versetzte. Dass dieses kammermusikalische Meisterstück Arnold Schönberg 1937 zu einer orchestrierten Fassung inspirierte (vgl. Radu Lupu in der Philharmonie Berlin in einem Konzert mit raumästhetischen und meditativen Facetten, vom 31.03.2014), ist Ausdruck einer außerordentlichen Wertschätzung.

Bei Mozarts bahnbrechendem Klavierquartett ist die Dominanz des Klaviers immer noch, wenn auch nur sehr subtil hintergründig, spürbar, wenn es im Rondo. Allegro moderato fordernd die Ton-Bälle an die Streichinstrumente weiter gibt. Interessant zu beobachten, wie beim Notos Quartett vom Klavier die Viola – und nicht wie häufig bei Quartetten die Violine – verantwortungsvoll die Transfer- und Taktgeberfunktion übernahm.

Zwischen Mozart und Brahms eingebettet, entfaltete sich in Roberts Schumanns Klavierquartett (Es-Dur op. 47) ein romantisches Fluidum, das mit seinem elegisch gestimmten Auftakt Sostenuto assai wie eine wehmütige Reminiszenz an den sich neigenden, sonnigen Herbsttag wirkte. In den wunderbar gestimmten Übergängen Andante cantabile konnte man sich verträumt zurücklehnen und dem Lied des Tages nachlauschen. Die Pizzicato-Takte hörten sich wie eine Aufforderung zum fröhlichen Ausschreiten an, das weder Stock noch Stein aufhalten könnte. Mit Kraft und Instinkt führte das Notos-Quartett die Dätzinger Schlosskonzert-Wandergruppe im Finala.Vivace sicher ans Ziel.

Mit der Zugabe des Larghetto aus Mozarts Klavierquartett Es-Dur  KV 493 konnte man sich noch einmal von der souveränen Gestaltungskraft des Notos Quartetts überzeugen. Von Beifall umrauscht, machten sich die einen frohgestimmt auf den üblichen Nachhauseweg – und die anderen auf einen sicher entdeckungsreichen, erfolgreichen Weg in eine viel versprechende Kammermusik-Zukunft.

 

 21.10.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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