Richard III. am Schauspiel Stuttgart wirklicher als die Wirklichkeit?

Richard III.

Mit der düsteren Zukunftswarnung Auf diese Art geht die Welt zugrunde. Nicht mit einem Knall, aber mit einem Gewimmer. hatte Richard III. die Theaterbesucher nachdenklich in den Abend entlassen. Was sie dann unmittelbar vor dem Schauspielhaus Stuttgart erlebten, war kein leises Gewimmer, sondern schrille Schmerzensschreie und lautes Hundegebell. Blaulicht blinkende Polizei- und Krankenwagen beleuchtete eine gespenstische Szenerie. Sanitäter und Polizei hatten alle Hände voll zu tun, eine Schlägerei zu beenden.

Was kann einer Theaterinszenierung besseres passieren, als draußen vor der Tür eine dramaturgische Fortsetzung zu erfahren? Gleichzeitig macht eine solche Duplizität der Ereignisse nachdenklich. Warum vertraut das Regietheater eigentlich häufig weniger den originalen Textvorlagen, als eher Dekonstruktionen und eigenen Texten, wenn  die Wirklichkeit sowieso lautstark unüberhörbar ist? Ist es eine wie auch immer aufklärerisch inspirierte Überzeugung, in die Welt der ungezügelten Worte und Bilder eine Bresche des Verstehens zu schlagen?

Der junge Regisseur Robert Borgmann (Jahrgang 1980) hat jetzt am Schauspiel Stuttgart mit Richard III. ein Shakespeare-Drama inszeniert (Premiere: 26.09.2014), das ihn an seiner körperlichen Behinderung für einen Moment verzweifeln lässt (Warum gerade ich?), um schlussendlich daraus eine böse Konsequenz zu ziehen. Ich hab beschlossen den Dreckskerl aufzuführn. Von da an vermischen sich Wahn und Wahnsinn zu unheilvollen Triebkräften. Intrige, Verführung und Mord sind die typisch Shakespeare’schen Handlungslinien, die die Schattenseiten menschlicher Allmachtsphantasien offenlegen.

Indem Borgmann Richard III. nicht als verkrüppelte Gestalt mit allen Attributen des Hässlichen auf die Bühne schickt, sondern mit linkischen, leicht verzögerten Bewegungen, lässt er die Zuschauer von Anfang an nicht aus der Verantwortung ihrer eigenen Befangenheit. Dieser Richard, von Marek Harloff in der einmal angestimmten Artikulations- und Bewegungsform relativ eindimensional gespielt, ist weniger körperlich behindert als wahnhaft krank im Kopf. Der mordende Dreckskerl ist nicht durch einen genetischen Körper-Defekt programmiert, hinter dem er sich vielleicht sogar noch Verständnis heischend verstecken könnte. Er ist der, der um der Macht willen, über Leichen geht.

Mit dieser Verlagerung von der äußerlichen Gestalt zum diabolischen Innen verschiebt Borgmann die Wahrnehmungsperspektiven. Und verunsichert: Was ist krank, was ist gesund? Wer ist behindert? In zyklischen Mord-Abfolgen treibt Richard III. den Wahnsinn zu. Dazu hat sich Borgmann nach eigenen Vorgaben eine instabile, runde Spielfläche bauen lassen, die dem Wackel-Staat (und den handelnden Personen) keine stabile Balance erlaubt. Kippen, rutschen, stolpern, fallen abhängig vom Kraftschwerpunkt.

Beleuchtet von einer Quadrat-Sonne parallel angeordneter Neonröhren, die die konzeptionelle Grundidee des Lichtkünstler Sol LeWitt zu antizipieren scheint, nach der die Wahrnehmung vor allem eine begriffliche und kein rein optische ist. Übersetzt in den Kontext der Borgmann-Inszenierung hieße das, dass die optische Wahrnehmung Körperbehinderung (Krüppel) die als begriffliche (zu begreifende ) Wahn-Ebene dahinter verschleiert.

In diesem Inszenierungskontext ist Elmar Roloff in der Rolle des Lord Hastings Zäsuren setzender Kommentator und Übersetzer, der das Geschehen fast beiläufig mit Understatement beschreibt. Das Böse ist überall. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. In einer Mischung aus devoter  Dienstbeflissenheit und ahnungsvollem Raunen, die im fließenden Wechsel von Deutsch und distinguiertem Oxford-Englisch scheinbar distanziert wertneutral das Böse banalisiert, werden aktuelle Brandherde assoziiert. Das politische Feuilleton spekulierte in den letzten Wochen darüber, dass ein bis vor einem Jahr in der Londoner Klub-Szene bekannter DJ mit großer Wahrscheinlichkeit derjenige sein könnte, der als ISIS-Terrorist den amerikanischen Journalisten James Foley vor laufender Kamera geköpft hat.

Der Vorhang hob sich zur Aufführung von Richard III. mit einem Geräusch, das an einen Paternoster erinnerte. Der Paternoster als unterbrechungslose Auf-Ab-Bewegung schien wie eine Chiffre für die sich im Laufe der Inszenierung aufdrängende Frage, die Borgmann mit seiner Inszenierung einzukreisen versucht: Können wir eigentlich nicht böse sein?  Vielleicht allzu leicht ließe sich zu stimmen: Die Welt ist schlecht. Allerdings fuhr Katharina Knap in ihrer Rollen-Trias (Richard II./Buckingham/Mörder) resümierend fort: Wer ist so blöd, die Lüge nicht zu erkennen. Aber – und das ist die Gewissensfrage schlechthin, um die niemand herum kommt – wer ist so mutig, sie zu benennen. Zivilcourage hin oder her, wer mag sagen, wie es ist, wenn sie situativ nicht vorhersehbar gefordert wird? Sind es nur die Hohlen, die Ausgestopften, die alles anteilnahmlos hinnehmen?

Wer es sich in der Pause im oberen Foyer in einem der aus verschiedenen Zeitperioden des 20.Jahrhunderts stammenden Sitzmöbeln bequem gemacht hatte und nachdenklich seinen Blick schweifen ließ, las auf dort abgestellten Sperrholzkiste: Dupont Expolsives. Red Cross. Extra Dynamite.
Gleich einem Menetekel mag er sich am Ende der Aufführung daran erinnert gefühlt haben. Einem reinen weißen Engel gleich bettete sich Katharina Knap zu Füßen des vom Dreck geschwärzten Dreckschweins. Mitleid, Anteilnahme, Resignation – nowhere land? Theater wirklicher als die Wirklichkeit?

 25.10.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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