Kafkas Die Verwandlung als Traum und Traumata am Theater Plauen

Die Verwandlung

Um beurteilen zu können, wie sich etwas ändert oder gar verwandelt, ist eine Vergewisserung des bisherigen status quo notwendig. Da das offenbar nicht so leicht ist, wird den Theaterbesuchern im Kleinen Haus, Theater Plauen in Die Verwandlung mit roten Pfeilen der Weg zu ihren Plätzen gewiesen. Tanja Krone hat für die gleichnamige Erzählung von Franz Kafka eine kommentierte Bebilderung eingerichtet, in der man sich erst langsam zurechtfindet.

Mit dem Programmzettel in der Hand sieht man sich mit einer detektivischen Aufgabe konfrontiert. Sechs Namen, aber nur fünf Schauspieler auf der Bühne; ein genannter Schauspieler, der gar nicht dabei ist. Erst in der Recherche nach dem Theaterbesuch lüftet sich das Geheimnis. Johannes Lang spielt den Vater; nicht der im Programmzettel genannte Michael Schramm. Möglich, dass dieses Verwirrspiel Konzept der Inszenierung ist.

Nimmt man es dafür, kann man sich im Verlauf der 90 Minuten durchaus bestätigt fühlen. Verwirren gleich verirren, verwandeln gleich identitätsverloren durch Raum und Zeit zu wandeln, ist letztlich das, was gemeinhin mit kafkaesk bezeichnet wird.

Der reisende Vertreter Gregor Gamsa erwacht eines Morgens aus unruhigen Träumen und sieht sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Und damit beginnen die Schwierigkeiten. Nicht nur für GregorBenjamin Petschke versucht ihn, Mensch und Käfer zugleich, allerdings erfolglos am Leben zu halten -, der in der neuen, nachtgeborenen Rolle Orientierungsschwierigkeiten ohne Ende hat.  Auch Vater, Mutter und Schwester können nicht wirklich verstehen, was mit Gregor passiert ist.

Am Ende sind sie froh, dass der Spuk vorbei ist. Allerdings für den Preis, dass Gregor verhungert und gestorben ist. Endlich ist wieder Ordnung in der Welt. Und das ist für sie – nur für sie? – das Wichtigste. Dann verließen alle drei gemeinschaftlich die  Wohnung, was sie schon seit Monaten nicht mehr getan hatten, und fuhren mit der Elektrischen ins Frei vor die Stadt.

Für die Kafka-Erzählung hat Tanja Krone eine theatralisch funktionierende Fassung erarbeitet. Dialoge, Ortsbeschreibungen, direkte und indirekte Rede, die Kafka, wenn man so will, schon dramaturgisch vorformuliert hat, übernimmt Krone ohne den Regietheater-Verführungen freie Zügel zu überlassen. Das Spiel in einem kargen, weiß getünchten Raum benötigt außer einem Stuhl und Birkenstämmen, neben einem Kuckucks-Wandthermometer nur eine Unmenge von Klebebändern sowie mehrere emaillierte Wassereimer (Bühne/Kostüme: Christine Gottschalk). Schon vor Spielbeginn stimmten Sound-Collagen, die sich wie Sägen, Eimergeklapper oder Alltagslärm anhörten, unterbrochen von Still(Pausen), eine Verwandlungsmusik an (Musik: Doris Kleemeyer). Sie entzog sich einer kategorialen Zuordnung, wie die Logik gewöhnlicher Alltagserfahrungen mit Kafka unterlaufen und verwandelt wird.

In diesem Setting, das Raum-Dialog-Zuordnungen flexibel klebend unter Strom, respektive Tempo hält, schützen sich die Familienmitglieder vor dem Unmöglichen der Verwandlung, in dem sie Gregor einsperren, sich dem, was sie sehen, gleichzeitig versperren. Ignorieren durch wegsehen, funktioniert auf Dauer nie. Auch die Zuschauer können nicht wegsehen. Die anfänglich rot markierten Pfeile sind mit Spielbeginn weiß übermalt und mit dem Klebeband können sie sich nicht die Augen verkleben. Einmal da, im Theaterraum gefangen, greift Die Verwandlung wie mit Krakenarmen in den Zuschauerraum. Wie oft ist man schon morgens von quälenden Träumen aufgewacht und war nach kurzer Besinnungsphase froh, dass es nur ein Traum war? Manchmal werden sie zu Alpträumen und verlassen uns nicht. Was tun? Worauf, auf wen kann man sich wirklich verlassen?

Kafka hat mit der Figur des Prokuristen einen Gegenspieler in seine Erzählung eingefügt, die Hinweise geben kann, dass Die Verwandlung einer kapitalistisch bedingten Arbeitsüberforderung geschuldet sein könnte. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte zu machen…..aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte zu machen, gibt es nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben. Krone hat mit dem Prokuristen eine mehrfache Spieldimension kreiert. Daniel Koch ist Prokurist und Untermieter sowie Erzähler und Kommentator, der sich als erklärende Hilfe immer wieder dem Publikum zuwendet. Aber nicht wirklich in dem Sinne hilfreich ist, sein kann, um den Zuschauern einen Weg zu weisen, wie sie sich dem allumfassenden, alles verschlingenden Verwandlungsknoten entziehen könnten.

Während Daniel Koch das auch schauspielerisch anspruchsvolle Verwandlungsangebot gestisch, mimisch und stimmlich variabel mit Spielfreude annimmt, vermisst man sie  bei Else Hennig (Mutter) und Johannes Lang (Vater) in einzelnen Szenen. Elisa Ueberschär als Sprachrohr des Bruders und Hoffnungsträgerin der Eltern verschenkt mit lapidarer Gleichgültigkeitshaltung und  herunter gezogenen Schultern spielerische und sprachliche Gestaltungsmöglichkeiten.

Wenn Tanja Krone Vater, Mutter und Tochter am Schluss anstimmen lässt Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Wem künd‘ ich mein Entzücken, wenn freudig pocht mein Herz? und in der Hoffnung Zu dir, zu dir, o Vater fortfahren, bleibt allein Resignation und statt der beschworenen Hoffnung nur Hoffnungslosigkeit. Das Hoffen auf den Vater, weder auf den im Himmel noch auf den Gramsa-Vater auf Erden, kann hier eine Lösung sein.

Und so geht man verwandelt aus dem Theater und hat das unbestimmte Gefühl, auch nicht mehr derselbe zu sein. Nach den Aufführungen in den letzten Tagen in Plauen, können sich die Zwickauer Theaterbesucher (mit den Plauener Erfahrungen) Die Verwandlung als Premiere am 22.Januar 2015 im Theater in der Mühle anverwandeln.

 04.11.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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