Unbeugsam und ungebändigt: Dokumentarische Fotografie um 1979 im Ludwig Museum Köln als erzählte Geschichten

©  Courtesy David Goldblatt und Goodman Gallery, Johannesburg

© Courtesy David Goldblatt und Goodman Gallery, Johannesburg

Mitunter ergeben sich überraschende wie auch erhellende Sichtweisen, wenn man Ausstellungen zur Eröffnung und noch einmal kurz vor Ausstellungsende besucht. Gesehenes, mit einer bestimmten Werthaltigkeit erinnert, kann so durch Wiederholung in einem zeitlichen Abstand Neues ans Licht bringen.  Da in Fotografie-Ausstellungen Licht-Arbeiten Ausstellungsobjekte sind, hat die Licht-Metapher gleichsam eine doppelte Bedeutung.

Im Reigen einer Vielzahl von Ausstellungen im Kontext von 175 Jahre Fotografie allein im Rhein-Ruhr-Gebiet (vgl. Der fremde Blick von Chargesheimer und Böll auf das Ruhrgebiet – und was er heute bedeuten kann, vom 26.06.14; (Mis)Understanding Photography – Nichts ist selbstverständlich, wenn von Fotografie die Rede ist, vom 07.08.14; My Tools als Werk-Zeugen von Jim Dine in der Photographischen Sammlung, SK Stiftung Kultur in Köln, vom 19.09.14; alle veröffentlicht auf Blog Peter E. Rytz Review) beleuchten zwei parallele Ausstellungen im Ludwig Museum Köln, die da sind, Unbeugsam und ungebändigt: Dokumentarische Fotografie um 1979 und Das Museum der Fotografie: Eine Revision (noch bis 16.11.2014) Eckpfeiler der Fotografie.

In der Revision wird mit einer Hommage an den Sammler Erich Stenger (1878 – 1957) an die Anfänge systematischer Auseinandersetzung mit den Licht-Arbeiten sowohl hinsichtlich technischer Ausrüstung als auch mit den fotografierten Ergebnissen erinnert. Gewissermaßen die Basis, aus der Fotografien um 1979 ihre dokumentarische und politisierende Wirkung in die Gesellschaft trugen. Was die Erfindung der Buchdruckkunst für den Gedanken und das gesprochene Wort war, das wurde in glücklicher Ergänzung die Erfindung der Photographie für die Erscheinung und ihre bildliche Darstellung (Strenger).

Die Kölner Ausstellung zeichnet eine fotografische Linie nach, die, um die Jahres-Jubiläums-Spiele fortzuschreiben, vor 35 Jahren in Roland Barthes‘ Text Die helle Kammer ihren Ausgangspunkt hat. So kann man in der Ausstellung Pathos und Evidenz in der Form des Ungebändigten und des Unbeugsamen einer historischen Umbruchs- und Aufbruchszeit in der Gesellschaft am Ende der 1970ger Jahre nachverfolgen. In der Überzeugung, dass Bilder nicht lügen können – außer man manipuliert sie; und selbst dann sind sie wahr, wenn auch auf andere, indirektere Weise – sind die Fotografien der Ausstellung nicht nur dokumentarisches Abbild sondern gleichzeitig Kommentar.

Ob die mit unterkühltem Understatement gezeigten fotografischen Ortserkundungen in Serie Berlin, 1974 – 82 von Gabriele und Helmut Nothhelfer oder David Goldblatts The Transporte of KwaNdebele (1983 – 84), in denen er den mehrstündigen Arbeitswegen von schwarzen Minenarbeitern von ihren Homelands zu den Gruben mit seiner Kamera folgt und in empathischer Distanz zeigt, was Apartheid hieß, oder die Rote Serie, 1969 – 1975 von Boris Mikhailov, die mit der Farbe Rot als Ideologem den Alltag einer an ihren eigenen Ansprüchen zum Untergang verurteilten Gesellschaft zeigt – immer werden kulturelle und sozialen sowie ethnische und religiöse Aspekte mit belichtet. Und manchmal haben sie eine entlarvende Perspektive im Blick auf das, was aus westeuropäischer Sicht auf andere Kulturen im Exotischen das Schöne zu sehen glaubt, während die Wirklichkeit bunter und rauer zugleich ist. Im Angesicht der Arbeit Kalkutta, 1984-87 von Ragbuhr Singh kann der Ausstellungsbesucher einen entsprechenden Selbstversuch machen.

Candida Höfer, deren fotografische Arbeit man in den letzten Jahrzehnten vor allem mit den Aufnahmen von öffentlichen Innenräumen (Bibliotheken, Hörsäle, Konzerthäuser) verbindet, kann mit ihrer beeindruckenden Serie Türken in Deutschland, 1973 – 78, zwischenzeitlich fast vergessen, wie eine Neuentdeckung gesehen werden. In die Reihe solcher Neuentdeckungen muss man auch Robert Adams‘ mit Our Lives and our Children, 1979 – 83 zählen. Adams, der vor allem mit seinen Landschaftsfotografien des amerikanischen Westens bekannt geworden ist, bebildert mit dieser Arbeit Nicht-Orte mit Menschen. Melancholie liegt wie emotionaler Kitt über seinen Bildern.

Die Kuratorin Barbara Engelbach hat nicht nur mit Inspiration und Sorgfalt  fotografische Serien und Bilderzählungen programmatisch um 1979 gehängt. Versehen mit Informationen zu Wer?, Was? In wessen Auftrag? Wo und wann erstmals ausgestellt, an wen waren sie adressiert?, können sie wie die Dramaturgie von inszenierten Erzählungen gelesen und gesehen werden. Jede Serie hat ihren eigenen Raum, bildet für sich einen Kosmos einer Zeit-Bilder-Geschichte. Mit Barthes im Gepäck ist damit in jedem Raum die Chance gegeben, das in den Fotografien Wahrgenommene als wirkliche Wirklichkeit oder als codierte Trugbilder der Wirklichkeit zu identifizieren.

Nähert man sich Karl C. Kugels fotografischer Dokumentation einer Reise vom Rheinland nach (West)Berlin Le voyage allemand,1983, die an der Wand und in Vitrinen ausgestellt ist, betont langsam und mehrmals, ist es, als würden sich die Bilder zu einem Film zusammenfügen. Die Bilder beginnen, uns unsere eigene Lebensgeschichte zu erzählen: Unmittelbar und ungebändigt.

 10.11.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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