Cecilia Bartoli malte in der Philharmonie Essen musikalische Bilder von Vulkanen und Fumarolen

Philharmonie Essen 2014 © Peter E. Rytz

Philharmonie Essen 2014 © Peter E. Rytz

Wer gestern das Glück hatte, Cecilia Bartoli zusammen mit I Barocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis in der Philharmonie Essen zu hören und zu sehen, ist reichlich beschenkt worden. Bis Weihnachten sind es zwar noch einige Wochen, aber dieses Konzert war, als würde Weihnachten und Ostern auf einen Tag zusammenfallen und leuchten. Die brandneue CD St. Petersburg schwenkten einige Konzertbesucher schon vor dem Konzert wie eine Jagdtrophäe.

Aber kann man Musik, auf einem Tonträger in brillanter Klangqualität konserviert, wirklich nach Hause tragen? Oder ist die Wirkung eher so ernüchternd, wie wenn man einen in südlichen Gefilden gekelterten, in entspannter Urlaubsstimmung genossenen Wein flaschenweise nach Hause mitnimmt, um enttäuscht festzustellen: Der schmeckt ja gar nicht so, wie ich ihn Erinnerung hatte.

Mag die Technik Wunderdinge produzieren,  Wunderdinge, wie sie Cecilia Bartoli mit ihrer Stimme schafft, sind als Live-Erlebnis unüberbietbar. Als Sängerin ist sie ein unvergleichliches Stimm-Wunder. Mit ihrem Mezzosopran leuchtete sie über mehre Oktaven in den kristallklar artikulierten Höhen wie in den dunklen gefärbten Tiefe den von ihr entdeckten Musikkosmos St. Petersburg aus. Es war, als würde sie mühelos den endlosen Ozean der Musik mit ihrem unverwechselbaren Timbre arrondieren.

Das ihr vielfach attestierte Temperament sei wie ein Vulkan, der unaufhörlich feurige Lavaströme ausstößt, wurde in Essen zum Erlebnis einer umfassenden Vulkan-Exkursion. Zu einem Vulkan gehören auch sogenannte Fumarolen, vulkanische Exhalation, wo Dampf geheimnisvoll zischend aufsteigt. Zwischen dem musikalischen Vulkan, exemplarisch die Arie der Melissa aus der Oper Amadigi di Gaula von Georg Friedrich Händel als eine von drei Zugaben zum Abschluss des Konzert hatte Cecilia Bartoli zu Beginn mit der Arie Vado a morir der Minerva aus der Oper La forza dell’amore e dell’odio von Franceso Domenica Araia musikalische Fumarolen in zart leiser Schönheit ausgehaucht. In den Passagen, wo sie allein mit ihrer Stimme die Koloraturen perlen ließ, konnte man den Eindruck haben, als würde sie mehrstimmig singen. Ströme von Wohlklang füllten die Philharmonie.

Überschäumende Lebensfreude und lyrischer Verklärtheit, Bilder, wie mit Musik gemalt. Cecilia Bartoli, spiritus rector und Grande Dame gleichermaßen war aber nicht allein für diese Pracht, die sie in St. Petersburger Musikarchiven entdeckt hat, verantwortlich. Keine One-Woman-Show. Diego Fasolis dirigierte das Ensemble I Barocchisti als Maestro. Ganz der jeweiligen Musik verpflichtet. Temperamentvoll in seiner eigenen Liga. Kein Platzhalter für die Bartoli-Einsätze, sondern ein von der Bartoli selbstverständlich geforderter Musiker und gleichzeitig von ihr aber auch emphatisch applaudierter Begleiter.

Dass der von den Medien Cecilia Bartoli zugeschriebene Diva-Status auf der Bühne keine Rolle spielte, zeigte sich fast nach jedem Konzertstück.  Immer wieder nahm sie Fasolis und Musiker, wie den Oboisten Pier Luigi Fabretti, mit dem sie in Pastor che a notte ombrosa von Aaraia feinsinnig dialogisch musizierte, an die Hand, applaudierte ihnen und verbeugte sich mit ihnen gemeinsam vor einen begeisterten Essener Publikum.

Da wurde Spielfreude pur auf der Bühne zelebriert. Das ist, wenn man sich den anstrengenden Tournee-Kalender anschaut, nicht unbedingt selbstverständlich. Offenbar motiviert sich Cecilia Bartoli auf eine besondere Weise, um nicht die Freude am Gesang durch ständige Wiederholungen zu verlieren (Was man sich nach diesem Erlebnis sowieso nur schwer  vorstellen kann!). Vergleicht man das Programm ihres Konzerts in Essen mit dem vor wenigen Wochen in Köln, so erkennt man Konstanten und Variable. Immer im italophilen, von den Zarinnen des 18.Jahrhunderts geförderten Musik-St. Petersburg des 18.Jahrhunderts beheimatet; aber immer auch weitere Neuentdeckungen einfügend.

Öffneten sich schon mit den ersten Tönen Türen zu kontemplativ gestimmten Klang-Kathedralen – mit jeder Arie weitere -, verwandelte sich die Philharmonie Essen für mehr als zwei Stunden in einen Gemeinschaftsraum. Gebannt in einem Klangraum jenseits der Zeit beide: Die Zuhörer in andachtsvoller Stille; die Bartoli im lustvollen Wechsel von triumphalen Tremoli und hauchzartem Pianissimo.

Mit der Arie Sol da te, mio dolce amore von Antonio Vivaldi sang sie nicht nur von der Süße der Liebe. Es klang wie eine Aufforderung an die Zuhörer, sich der Liebe immer bewusst zu sein. Beim Gang zur Garderobe hörte man allenthalben ein freudig erregtes Wispern: Traumhaft, märchenhaft, unglaublich schön.

18.11.14

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Über Peter E. Rytz Review

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