Orchestra of the 18th Century im Muziekgebouw in Amsterdam – Eine musikalische sowie eine akustisch technische Herausforderung

© Muziekgebouw Amsterdam

© Muziekgebouw Amsterdam

Neben dem von A.L. van Gendt 1881 gebauten Concertgebouw mit seiner überragenden Akustik verfügt Amsterdam seit 2005 mit dem Muziekgebouw über ein weiteres Gebouw mit einer wunderbaren Akustik.  Das dänische Architekturbüro 3XN  hat es im Verständnis einer ganzheitlichen Musikarchitektur gebaut: The Muziekgebouw is all about music…a truly public and democratic building.

120 Jahre nach dem akustischen Glücksfall Concertgebouw präsentiert sich der neue Glücksfall Muziekgebouw in einer technisch anspruchsvollen akustischen Ausstattung, die sich jede Konzerthalle nur wünschen kann. Gleichzeitig hat ein mit modernster Akustiktechnik aus- und aufgerüsteter Konzertsaal auch seine Tücken. Im Zusammenspiel der einzelnen Instrumentengruppen werden die Klangstrukturen nahezu bis auf jeden einzelnen Ton hörbar,  eine unscharfe Tongebung damit aber ebenfalls. Eine besondere Herausforderung für jedes Orchester.

Welcher musikalischen Meisterschaft es in dieser Konstellation von technisch äußerst anspruchsvoller Disposition des Raumklangs und seiner präzisen Intonation durch das Orchester bedarf, um interpretativ zu überzeugen, davon konnte man sich jetzt im Konzert Fireworks mit dem Orchestra of the 18th Century im Muziekgebouw einen nachhaltigen Eindruck verschaffen. Wobei, und das ist leider einschränkend für das Konzert zu sagen,  die Wahl des Dirigenten Kenneth Montgomery keine glückliche, keine insgesamt überzeugende war.

In einer merkwürdigen Mischung aus alterssparsam wirkender, spartanischer, an manchen Stellen geradezu unentschlossener Dirigierhaltung  sowie in ihrer übergangslosen, explosiven, das Orchester selbst mitunter überraschenden, übermotivierten Pointierung formte Montgomery die eingangs gespielte Sinfonie Nr. 99 Es-Dur (1793) von Joseph Haydn  zu einem distanziert unterkühlten  Understatement. Mit der expressiv expansiven Einleitung des 1.Vivace begann eine Irritation, die sich im Verlauf des Konzerts noch steigerte.

Montgomery akzentuierte vor allem die spektakulär dramatischen Takte; jede Pause wurde bei ihm stupend zu einer Generalpause überdehnt. Die feinen, klangschönen Nuancen der Haydn-Sinfonie musste, so hatte man den Eindruck, das Orchester selbst finden und artikulieren. Allein das  Orchestra of the 18th Century, 1981 von Frans Brüggen gegründet, verfügt über eine so hohe spielerische Qualität und Souveränität, dass es dieses dirigistische Missverständnis als musikalische Herausforderung überzeugend annahm.

Jenes Missverständnis machte sich der Pianist Finghin Collins in einer selbstverliebten, theatralisch effektvollen Selbstdarstellung zu eigen. Das Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur (1799) von John Field gibt dem Pianisten reichlich Gelegenheit, sich solistisch zu extemporieren. Davon machte Collins auf einem Broadwood-Flügel (1822 in London gefertigt) reichlich Gebrauch. In Fields Komposition hat das Orchester, wenn man von der orchestralen Dominanz des Allegro ohne Klavierpart absieht, vor allem die Funktion, Introduktionen für die pianistischen Solo-Passagen einzufärben. Finghin Collins überreizte diese Freiräume der Partitur, indem er publikumswirksam seine pianistische Positur zu dirigistischen Attitüden erweiterte.

Mit der jungen Mezzosopranistin Rosane van Sandwijk hatte Fireworks seinen für manchen sicher überaschenden Höhepunkt. Sie verfügt neben einem warmen Mezzosopran, der insbesondere in dem Alt nahen Tonhöhen wunderbar geschmeidig klingt, über eine ausdrucksstarke Gestaltung und Präsenz (seit diesem Jahr ist sie Mitglied des Opernensembles in Kiel). In der Konzert-Arie Ch’io mi scordi di te für Klavier und Orchester, KV 505 (1786) von Wolfgang Amadeus machte sie die Suche nach einer Antwort auf die verzweifelte Ausgangsfrage Warum habe ich Dich vergessen? zu einem musikalisch emotionalen Ringen, das eine große Überzeugungskraft hatte. In der Zäsur Ah, di dolor morrei! (Ach, wäre ich doch vor Kummer gestorben) färbte ihr Mezzosopran Trauer und leise Zuversicht, um fragend zu enden: S’egual tormento può soffrir un fido cuor? Auch wenn sich diese Frage Welche Qual kann ein treues Herz erleiden? heute etwas überdramatisch anhört, bleibt ihre Intention auch in aufgeklärter (Medien dominierter) Zeit gültig. Rosane van Sandwijks Gesang hat dafür eine eindrucksvolle Hör-Anleitung gegeben.

Bevor die Titel gebende Komposition dieses Konzertprogramms Music oft he Royal Fireworks HWV 352 (1749) von Georg Friedrich Händel den vermeintlich abschließenden Höhepunkte bildete, konnte man noch einmal dem Mezzosopran von Rosane van Sandwijk mit Scherza infida aus Händels Oper Ariodante einen exquisiten Hörgenuss ablauschen.

In der Feuerwerksmusik wurden dann die anfangs formulierten akustischen Sensibilitätsanforderungen noch einmal deutlich hörbar. Einerseits die klanglich austarierten, dialogisch ausgewogenen Instrumentalgruppen; andererseits die phasenweise nicht punktgenaue Intonation einzelner Instrumente. Dass, was in anderen Konzerthäusern nicht unmittelbar hörbar sein muss, kann sich im Muziekgebouw nicht verstecken.

Die sehr unterschiedlichen Kompositionen fanden beim Publikum viel Beifall, blieben aber musikalisch durchaus ambivalent. Aber, und das soll an dieser Stelle ausdrücklich vermerkt werden, aus der deutschen Kritiker-Perspektiven war die emotionale Begeisterungsfähigkeit der holländischen Konzertbesucher lebensnah sympathisch. Standing ovations selbstverständlich. Das war erfrischend unmittelbar, allein der Musik und ihrer Emotionalität verpflichtet. Dress codes of cultural correctness – in deutschen Konzertsälen nach wie vor sehr verbreitet – hier erfreuliche Fehlanzeige. Der Konzertbesuch als ein, wenn auch sicher besonderer Teil des Alltags: Inside/outside-  ein und derselbe Mensch. Eine inspirierende Erfahrung!

05.12.14

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Über Peter E. Rytz Review

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