Der Arp ist da, Max sowieso – 100 Jahre, die nicht nur von Kunst der Moderne erzählen

Hans Arp mit Ptolemäus I, Venedig, Juni 1954, Fondazione Marguerite Arp, Locarno © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Hans Arp mit Ptolemäus I, Venedig, Juni 1954, Fondazione Marguerite Arp, Locarno © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Das Jahr 2014 hat sich 100 Jahre nach 1914 mit zahlreichen Ausstellungsprojekten und Gedenkveranstaltungen in das historische Gedächtnis eingeschrieben. In Nordrhein-Westfalen hat sich eine Reihe von Kunstmuseen unter dem Titel 1914 – Mitten in Europa zu einer Gemeinschaftsinitiative zusammengefunden.

Diese historische Periode hat auch Kuratoren auf den Plan gerufen, die weitere 100jährige, nicht unbedingt im Mittelpunkt einer allgemeinen, öffentlicher Aufmerksamkeit stehende Aspekte zum Anlass genommen haben, um Ausstellungen zu konzipieren. Die rheinischen Nachbarn, das Arp Museum Bahnhof Rolandseck und das Max Ernst Museum Brühl dokumentieren mit Rendez-vous des amis. 100 Jahre Künstlerfreundschaft Max Ernst und Hans Arp eine lebenslange Künstlerfreundschaft (noch bis 22.Februar 2015), in der sich Ernst und Arp gegenseitig kritisiert und inspiriert haben.

Der 100-Jahre-Horizont mag auf den ersten Blick als Ausstellungs-Mainstream 2014 reichlich bemüht erscheinen. Nähert man sich aber den Ausstellungen mit dem dadaistisch eingefärbten Imperativ Der Max ist da!/Der Arp ist da!, betritt man einen faszinierenden Künstler-Kosmos, den Hans Arp so beschrieben hat: Die schönsten Früchte am Baume Dadas, Spalierobst vom Scheitel bis zur Sohle, züchteten mein Freund Max Ernst und ich in Köln.

Der konstituierende Ausstellungstitel Der Arp ist da! im Max Ernst Museum in Brühl erinnert an ihre von der Öffentlichkeit zu einem Spektakel stilisierte Doppelausstellung 1966 in der Kölner Galerie Der Spiegel. Der damalige heftige Aufschrei mutierte anschließend zur endgültigen Zäsur in der Akzeptanz und Wertschätzung der Moderne; nicht nur in Köln.

Gleichzeitig wird mit der Erinnerung an die Preisverleihungen auf der Biennale XXVII von Venedig 1954 für Skulptur (Arp) und Malerei (Ernst) eine Tür geöffnet, die mit den Ausstellungen einen interessanten Blick auf wichtige Aspekte der Kunst des 20.Jahrhunderts erlaubt. Fokussiert in den Reflexionen ihrer je eigenen künstlerischen Arbeiten, beleuchten sie einen kreativen, dialogischen Schaffensprozess.

Exemplarisch kann dafür der von Arp 1930 veröffentliche Gedichtband weisst du schwarzt du, mit fünf klebebilder von max ernst angesehen werden. Er gibt einen instruktiven Eindruck vom Zusammenspiel von textlichen Evokationen und bildkünstlerischen Reflexionen zwischen den beiden so unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten. Der Text Hommage an die Écriture automatique im Katalog von Jürgen Pech ist ein überzeugender Beweis für die inspirierende Vitalität Dadas – auch heute noch. Nicht Konkurrenz sondern Motivation für das (Heraus)Finden eigener Ausdruckformen zeichnet dieses Rendez-vous des amis aus. Arp war davon überzeugt, dass die Kunst Ausdruck des Unsagbaren über den Menschen ist: Konkrete Kunst. Ausgangs- und Zielpunkt zugleich war ihm das Unbewusste des schöpferischen Prozesses.

So wird der Ausstellungsbesuch in Brühl zu einem lustvollen, lyrisch poetischen Rundgang. Dabei öffnet die feinsinnig kuratierte  Ausstellung mit dem programmatischen Anspruch, Arps Präsentation auf der Biennale in Venedig zu rekonstruieren (Jürgen Pech), eine kleinen Türspalt in den Dada-Kosmos. Eben noch unter einer Soundusche stehend, Arp beim Lesen seiner Gedichte lauschend, wandert der Blick zu fotografischen Dokumentation ihrer gemeinsam geteilten Zeit zwischen Kunst und Alltag. Im weiterem  nimmt man schmunzelnd Arps figurativ gereihte, metamorphologische Skulpturen im Dialog mit Ernst’ surrealen Bildwelten wahr. Florale und vegetativ ornamentale sowie anthropomorphe Formen legen Zeugnis von Arps künstlerischem Credo ab: Wir wollen bilden, wie die Pflanzen ihre Frucht bildet, und nicht abbilden. Wir wollen unmittelbar und nicht mittelbar bilden.

Die Fläche für Sonderausstellungen in Brühl ist relativ klein. Insofern kann sie nicht mehr sein als eine Ouvertüre zu einer größeren Arp-Ernst-Dada-Oper. Diese Oper überwältigt in der dramaturgischen Inszenierung vor allem mit ihrem Textbuch. Der druckgraphisch anspruchsvoll produzierte und detailreich sowie kenntnisreich recherchierte Katalog ist mehr als nur eine textliche Ergänzung zur Ausstellung. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass die Ausstellung vor allem mit diesem überaus lesenswerten Reader, ihre dadaistisch reflektierte Arp-Ernst-Pointe erreicht.

In der Verbindung von Sehen und Lesen wächst unter der Hand ein Verstehen eines ganzen Jahrhunderts. Nicht nur aus der Perspektive der künstlerischen Moderne. Ein facettenreiches Bild vom Leben, Arbeiten und Reflektieren tragisch ambivalenter 100 Jahre europäischer Geschichte, das uns bis heute nicht unberührt lassen (kann).

06.12.14

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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