Bachs Weihnachtsoratorium im Konzerthaus Dortmund mit dem Kammerorchester Basel und dem deutschen Kammerchor – eine uneingelöste Message

© Petra Coddington 2014

© Petra Coddington 2014

Wer einmal (oder sogar mehrmals) das Weihnachtsoratorium BWV 248 von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig mit dem Thomanerchor gehört hat, dem hat sich in seine musikalische Seele gewissermaßen ein Ur-Moment Weihnachtsoratorium unauslöschlich eingeschrieben. Damit sind Vor- aber auch Nachteile zugleich verbunden. Alle Aufführungen danach werden sich, ob bewusst oder unbewusst damit messen lassen müssen.

Ausgangs- und letztlich auch Zielpunkt der im Oratorium erzählten Weihnachtsgeschichte, die im Wesentlichen auf den Apostel Lukas zurückgeht, ist die für die Christen damit verbundene Frohe Botschaft: Euch ist heut‘ ein Kindlein geboren. Bach hat für dieses biblisch himmlische Heilsversprechen eine hymnische Musik komponiert. Wenn diese Musik außerhalb ihres religiösen Zuhauses gespielt wird, streift sie ein anderes Musikgewand über. Ihr habitueller Kontext wird dann von  der Form des Kunstliedes bestimmt.

Im Konzerthaus Dortmund war vor diesem Hintergrund eine Adaption des Weihnachtsoratoriums als Rekonstruktion mit dem Kammerorchester Basel auf historischen Instrumenten und dem Deutschen Kammerchor sowie in der Besetzung der Sopran- und Alt-Stimmen mit Countertenören zu hören. Es wurde, um es gleich zu sagen, letztlich kein überzeugendes Konzert. Es mag sein, dass das Konzert insgesamt unter einem ungünstigen Stern stand.

Der Tenor Werner Güra musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen; Jörg Dürmüller ersetzte ihn mit einer braven, soliden Gesangskultur, der aber insgesamt das charismatische Temperament in den Rezitativen fehlte. Von dem hochgelobten Bassisten Matthias Goerne ging von Anfang an eine unkonzentrierte Nonchalance aus.  Artikulation und Tongebung waren eher statisch. Man vermisste mitunter eine interpretatorische Präzision. Auch er schien gesundheitlich indisponiert zu sein.

Der worst case eines Konzerts, bei dem der Sänger das Wiederholungszeichen der Orchesterpartitur übersieht, entsprechend falsch weitersingt und abbrechen muss, passierte Goerne in der fünften Kantate. Dieses grand malheur de musique hatte etwas von einem schicksalhaften Moment, als ihm ausgerechnet bei Durch der Strahlen heller Schein! offenbar die lichte Übersicht verloren ging.

Diese Tages-Wirklichkeiten waren nicht der alleinige Grund, dass die programmatische Konzeption des Konzerts nicht aufging. Berücksichtigt man, dass die historischen Instrumente empfindlich gestimmt sein müssen, um mit ihrem gedämpften Klangvolumen raumfüllend ihre Klangschönheit auszubreiten, wäre Nachsicht prinzipiell geboten, wenn die Abstimmung im Orchester nicht immer in der Balance ist. Leider gelang es im Verlaufe des Konzerts immer weniger, einen gemeinsamen Orchesterton zu finden. Insonderheit den Trompeten ging zum Schluss ganz offensichtlich (offenhörlich) die Luft aus. Wobei dem Orchester insgesamt das Strahlende, das Leuchtende des Bach’schen Oratoriums fehlte. Die ihm innewohnende, farbige Motivik von unbändiger Lebensfreude blieb im unterkühlten Klang des Kammerorchester Basels auf halbem Wege stecken.

Gespannt war man, wie der in diesem Herbst mit überwältigendem Lob von der Kritik überhäufte Contertenor Valer Sabadus die Sopranpartie singen würde. Die hoch gesteckten Erwartungen fielen mit seinem ersten Einsatz (zusammen mit dem Chor) Er ist auf Erden kommen arm auf ein irritierend leises, in den Höhen sprödes Tonformat ab. Auch wenn er sich phasenweise steigerte, konnte er in diesem Konzert nicht überzeugen.

Die von dem anderen Countertenor Terry Wey gesungenen Alt-Partie mangelte es an einer warm grundierten Farbgebung. Beiden Countertenöre war gemeinsam, dass sie nicht nur technisch in  einem überanstrengten Gestus sangen. In den Pausen zwischen ihren Gesangseinsätzen saßen sie tief gebeugt in angespannter Haltung über ihren Partituren. Während Wey ab und zu noch einen offen Blick ins Publikum wagte, vermied Sabadus jeden Blickkontakt mit ihm.

Die rätselhafte Dramaturgie der solistischen Auftritte verstärkte das Unausgewogene dieses Konzerts. Die Solisten erhoben sich mit jedem Einsatz vom ihrem Sitzplatz am Rand des Orchester, gingen zur Bühnenmitte und kehrten nach ihrem Gesangseinsätzen unmittelbar wieder zu ihren Stühlen zurück – auch dann, wenn die Musiksätze orchestral oder chorisch noch nicht beendet waren – und schufen damit eine diffuse Unruhe.

Bemerkenswert blieb an diesem Abend allein der Deutsche Kammerchor. Mit jeweils nur drei Sängern bzw. Sängerinnen in den vier Stimmen gelang ihnen eine wohl temperierte Wiedergabe der Chöre und Chorale des Oratoriums. Konnte man anfangs angesichts der reduzierten Besetzung noch am ehesten Zweifel haben, dass sie den oratorischen Anforderungen gerecht werden würden, verschoben sich die Zweifel überraschend zum Kammerorchester Basel und zu den Solisten.

Obwohl im abschließenden Quartett die vier Solisten vehement Was will uns Welt und Sünde tun dem Konzertpublikum selbstbewusst bekundeten,  blieb ihre emphatische Message im Konzert jedoch uneingelöst.

12.12.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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