Buchbinder und Fisch als Sympathieträger in der Tonhalle Düsseldorf

Rudolf Buchbinder © Marco Borggreve

Rudolf Buchbinder © Marco Borggreve

Die Konzertreihe Sternzeichen in der Tonhalle Düsseldorf wirbt für die Saison 2014/15 mit der Aufforderung Führen Sie ihre Ohren ganz groß aus. Mit der momentanen Vakanz der Generalmusikdirektorenstelle nach dem Abgang von Andrey Boreyko hat sich für das Düsseldorfer Konzertpublikum eine interessante, wenn auch nicht ganz freiwillige Hör-Perspektive ergeben. Jedes Konzert mit einem anderen Dirigenten – ein potentieller Reichtum, der die genannten Aufforderung erweitern könnte: Führen Sie ihre Ohren mit großen Dirigenten, die Sie sonst übersehen, ganz groß aus.

Wie sich jetzt im Konzert mit Asher Fisch am Pult zeigte: Eine erfrischend vitale Erfahrung für das Publikum als auch eine musikalische Inspiration für die Düsseldorfer Symphoniker. 2014 ist neben den vielen Gedenkveranstaltungen und Ausstellungen, die an den Beginn des 1.Weltkrieges vor 100 Jahren und seine Folgen erinnern, für die Düsseldorfer Symphoniker ein besonderes Jahr.  Vor 150 Jahren gegründet, ist es seitdem ein fester Bestandteil des Kulturlebens in der Stadt am Rhein. Dass die Zeit des Nationalsozialismus nicht zu den rühmlichsten Zeiten des Orchesters gehört, hat zu der programmatische Konzertauswahl unter dem Thema Totalitarismus geführt. Jedes Sternzeichen-Konzert versucht, den ideologischen Wahn, der Musik nicht nur in Haftung nahm, sie politisch instrumentalisierte und sie letztlich missbrauchte, in seinen historischen und musikgeschichtlichen Kontext demaskierend zu entlarven.

Dass mit Asher Fisch, ein israelischer Dirigent, der nach eigenen Aussagen erst durch Daniel Barenboim Anfang der 1990ger Jahre die Musik Richard Wagners überhaupt kennenlernte, war vielleicht die Überraschung des Abends. Am Freitag in der Tonhalle seine Orchestermusiken aus Der Ring des Nibelungen brachte er mit einer unbefangenen Frische, die lyrisch impressionistische Melodik des Waldwebens (aus Siegfried) musikalisch kompromisslos zupackend zum Klingen. Möglich, dass seine Unbefangenheit der Musik Wagners gegenüber und wie zu Beginn des Konzertabends vielleicht noch viel stärker der Symphonischen Dichtung Les Préludes von Franz Liszt, so etwas wie Gnade einer späten Musikrezeption ist.

Political correctness, die bis heute eine Grenzlinie markiert, bewirkt, dass Kompositionen wie Les Préludes auf deutschen als auch auf vielen Konzertpodien  weltweit nicht gespielt werden. Von der nationalsozialistischen Kriegspropaganda als unselige, heroisierende Sondermeldungs-Fanfare tief ins historische Gedächtnis, respektive Gehör eingegraben, ist sie der exemplarische Beleg für das, was Theodor Adornos Diktum Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch ausdrückt.

Fisch ist, wie er im Star-Talk vor dem Konzert begründete, unabhängig von dem mörderischen Ballast, der Kompositionen wie Les Préludes wie Blei auf der Partitur liegt, von ihrer Konzertwürdigkeit überzeugt. Ursprünglich als Ouvertüre für ein Männerchorwerk komponiert, gab ihm nach der Uraufführung 1854 ein Gedicht von Alphonse de Lamertine eine erhöhte Inspiration, und er stellte der Komposition eine Gedichtzeile daraus als Motto voran: Was anderes ist unser Leben, als eine Reihenfolge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste und feierliche Note der Tod anstimmt? Seine Kreation Sinfonische Dichtung will ausdrücklich keine Sinfonie sein. Sie ist impressionistische Malerei in Musik.

Als Dirigent entpuppte sich Asher Fisch als ein Magier, der mit tänzerischer Eleganz und gleichzeitig mit beharrlicher Eloquenz Zäsuren setzte, die dem Klang des Orchesters markante Tonfärbungen beimischte. Insbesondere in den Wagner’schen Orchestermusiken war das dafür so elementare Blech auf der Höhe seiner Klangkraft. Präzis aufeinander abgestimmt, tonscharfe Akzentuierung, strukturierte Ausgewogenheit zwischen Forte und Pianissimo. So sollte Konzert sein! Mit einem Sympathieträger als Dirigenten wie Fisch, dem man seine Freude des Musikmachens, Musik mit der ihr innewohnenden kulturelle Gestaltungskraft hörbar zu machen, uneingeschränkt sofort abnahm, konnte es nur ein gelingendes Konzert für die Ohren und für den Kopf werden.

Wem die Hauptrolle in diesem Sternzeichen-Konzert eigentlich zugedacht war, schien eindeutig. Rudolf Buchbinder, seit Jahrzehnten der überragende Beethoven-Interpret am Klavier. Dass Asher Fisch im Rückblick auf das Konzert so prominent herausgestellt wird, spricht nicht gegen Buchbinder. Oder gar, als hätte Fisch ihn in den Schatten gestellt. Es ist vielmehr eine schöne Koinzidenz, dass das zu Erwartende (Buchbinder) sich in besondere Weise bestätigte und das weniger Einschätzbare (Fisch) sich als  eine schöne Entdeckung offenbarte.

Zusammen im Concerto F von George Gershwin gewannen sie beide die ungeteilte Sympathie des Publikums. Gleichzeitig gewannen sie für die Gershwin-Komposition neue Sympathisanten. Auf europäischen Bühnen eher selten gespielt – dem Musical-Mann Gershwin hängt die vermeintlich leichte Muse, wie ein schwerer, aus der Mode gekommener Wintermantel auf seinen Schultern – hat Buchbinder es in Amerika mehr als 150 Mal gespielt. Gershwin hat das Concerto F 1924 ohne Berührungsängste komponiert.

Dem Rhythmus der Zeit abgehört, werden klassische Konzertformen mit denen des Jazz sowie mit Tanzrhythmen des Charleston verknüpft. Herausgekommen ist ein Blues, der den Atem einer verrückten Zeit hat. Im Concerto gib es jede Menge Gershwin-Vertrautes. Der näselnde Klarinettenton, Rhapsody-in-Blue-Motive, der Jazz typische, leicht verzögerte Takt. Buchbinder. Der Gentleman am Paino  nahm die von der Partitur vorgegebene, solistische Dominanz mit schnörkellosem Spiel an. Sein Spiel hatte feine Noblesse und emotionale Kraft.

Fast hätte man Ende vergessen können, dass wenige Stunden zuvor der Ehrendirigent der Düsseldorfer Symphoniker Hans Wallat verstorben war und ihm dieses Konzert gewidmet wurde. Man konnte es als Respekt für eine Lebensleistung hören, die Musik mehr zutraut, als viele gewillt sind, zu glauben.

15.12.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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