Die heilige Johanna der Schlachthöfe als Rap im Studio der Schaubühne Berlin

 

Schaubühne Berlin © Gianmarco Bresadola

Schaubühne Berlin © Gianmarco Bresadola

Die Welt ist aus den Fugen. Nichts stimmt mehr. Nicht erst seitdem die Globalisierung alle Informationen und Kommunikationen ihrem eigenen Gesetz unterworfen hat. Ende der 1920ger Jahre, in den Zeiten der sogenannten großen Depression in Amerika zeigte der Fordistische Kapitalismus seinen wahren Charakter. Bert Brecht sah ihm in der Dreigroschenoper schon 1928 ins Gesicht: Wovon lebt der Mensch? Seine ungeschminkte Antwort: Ihr Herrn, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt, Das Eine wisset ein für allemal, Wie ihr es immer dreht und immer schiebt, Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Eine effizienzsteigernde Arbeitsorganisation schuf neue Geldvermehrungsräume, einerseits. Andererseits wurde der Einzelne zur Manipulationsmasse. Ein ungleiches Spiel, das in Variationen bis heute mehr oder weniger funktioniert.

Aber: Das Gute ist nicht einfach nur gut, wie auch das Böse allein nicht nur böse ist. Die Gesetze der Thermodynamik wissen von Ungleichzeitigkeiten, die nicht einer für selbstverständlich gehaltenen Alltagslogik folgen. Eins plus Eins muss nicht in jedem Fall Zwei sein. Selbst das Heilige, von dem die Bibel zu wissen glaubt, oder vielmehr zu glauben hofft, erweist sich mitunter als unheilig.

Mit seinem Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe, das Brecht ein Jahr nach der Dreigroschenoper schrieb, legt er die Unmoral wirtschaftlicher Manipulationsstrukturen offen.  Und befragt parallel das Heilige. Geht die Rechnung auf, dass die, die an der Stellschraube Gewinnmaximierung drehen, böse sind, während die, die darin funktionieren müssen (um durch ihre abhängige Arbeit Brot bezahlen können), eigentlich gute Menschen sind?

Ob Peter Kleinert, der in Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin und dem Théatre National de Bretagne, Rennes Die heilige Johanna im Studio Schaubühne Berlin inszeniert hat (Premiere: 07.12.2014), einen Faible für den Vornamen Karl hat, ist ungewiss. Mit einer gewissen Sicherheit kann man aber davon ausgehen, dass er Brechts Karl Marx’s Kapital-Spuren von heute aus unter die Lupe genommen hat. Möglich, dass ihm auch Karl Valentin über den Weg gelaufen ist: Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht.

Peter Kleinert hat mit seiner Inszenierung eine Versuchsanordnung organisiert. Ein Versuch, in dem man am letzten Donnerstag zum 56.Mal Zeuge seines Selbst werden konnte. Auf der einen wie auch auf der anderen Seite des zynisch zyklischen Spiels von Geld und Moral. Wobei bei einem überwiegend sehr jugendlichen Publikum die Positionen relativ eindeutig waren.

Überstrahlt vom Heiligenschein der Heilsarmee-Platzhalterin Johanna Dark, die als zeitgeistige Version Jeanne d‘Arc auch nicht mehr das sein konnte, was sie als historische Figur hartnäckig weiterhin suggeriert. Universelle Gerechtigkeit für alle – nicht mehr als eine utopistische Leuchtspur am Himmel, überall.

Aus dem Brecht’shen Blues ist in Berlin 2013/14 ein Rap des Sowohl-als-auch geworden (Sebastian Fuchs im Zusammenspiel mit einer von ihm so bezeichneten Effekt-Maschine als Takt- und Soundgeber). Das lyrische Sentiment des Blues wird in Kleinerts Inszenierung durch wabernden Sprech-Gesang ins Gestern zurückgedrängt. Es dominierte eine sich selbstverachtende Ironie. Niemand ist zu trauen. Verlässliches Vertrauen, nirgends. Alles geht irgendwie noch, aber eigentlich auch nicht wirklich.

Das phantasierte Gutmenschentum hat in der Inszenierung mit der heiligen Johanna eine exotische, eine wie von einem anderen Stern kommende  Bürgin gefunden. Migrationshintergründigkeit durch die Seitentür: Mariananda Schempp, 1990 in Lima geboren, spielte die Johann als blauäugige, naiv hoffende Unschuld. Eingezwängt  zwischen einem diffusen Glauben an das Gute im Menschen und täglicher Ohnmachtserfahrung angesichts gefühlloser, omnipräsenten Ökonomieeffizienz, ist sie als Schauspielerin zugleich Protagonistin ihrer selbst. Das atmet ebenso aus den Kleidern, die die Kostümbildnerin Veronika Witlandt (1988 in Kathmandu geboren!) entworfen hat.

Die Inszenierung unterspült Klischees vom Dasein in einer überorganisierten Welt. Von Schlachthof und Viehhandel zu ausbalanciertem Miteinander. Das Publikum wurde Zeuge von Handlungsversuchen, die im status nascendi ihrer Sprachunfähigkeit verharren. Im Dauerlauf erprobten die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen Bewegungs- und Kommunikationsabläufe. Laufbewegungen kreuzten und befragten sich: Wie kann Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen funktionieren, wenn Funktionieren nur als  Projektionsfläche für den Lauf der Dinge, für den immer die anderen verantwortlich sind, herhalten muss?

Brecht mit sich selbst In Fragen eines lesenden Arbeiters zitierend: So viele Berichte. So viele Fragen. Der Fleischkönig Mauler, von Marcel Kohler als Dreh- und Angelpunkt der Selbstbefragung gespielt, war nicht nur durch seine Körpergröße sehr präsent. Sprache, Spiel und gestische Variabilität hoben ihn aus einem insgesamt agilen und spielfreudigen Ensemble noch heraus. Nils Strunk, Moritz Kienemann, Benjamin Vinnen, Sylvana Schneider sowie Katharina Sattler fanden in wechselnden Rollen – Spieler und Gegenspieler – einen Handlungssprech, der die Tonlage ihrer Generation  glaubhaft machte. Katharina Sattler spielte die Frau des Mauler als eine inszenatorische Ergänzungsfigur. Die Idee, sie als dramaturgische Kommunikatorin, als mehr oder weniger skrupellose Antreiberin zu pushen, fehlte manchmal die narrative Stringenz. Hier schien die Inszenierung manchmal über-ambitioniert.

Denn es ist eine Kluft zwischen oben und unten…was oben vorgeht, erfährt man unten nicht, und nicht oben, was unten vorgeht. Und es sind zwei Sprachen oben und unten, resigniert Johanna zum Schluss. Vieles im bemühten Miteinander ungleicher (Wirtschafts)Partner endete eher im klaren Unklaren.

Brecht entlässt uns aus seinem Drama imperativisch: Bleibe stets mit dir im Streite! Kleinert entließ seine Schauspieler mit staubverklebten Brillen. und das Publikum in applaudierender Fraglosigkeit.

18.12.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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