Mit Jazz in Europe zeigte das 25.Jazzfestival in Münster, wohin der Weg in die Zukunft führt

 

Marius Neset Septet 2015 © Peter E. Rytz

Marius Neset Septet 2015 © Peter E. Rytz

Jazzfestivals werden immer mehr zu einem Generationenspiel. Auf der Bühne blies die Generation der Kinder das Horn mit der Kraft der Jugend, ließ mit perkussivem Drive der Drums den Raum beben oder versah das Markenzeichen des Festivals, den roten Flügel mit schwingenden Flügeln. Gleichzeitig ist das Festival seit 36 Jahren ein Klassentreffen. Fritz Schmücker ist seit mehr als 30 Jahren der vitale Initiator und die treibende Kraft des Festivals. Ungebrochen von der Neugierde an Jazz umgetrieben. Auf der anderen Seite ist er nicht nur der kultivierte Moderator zwischen Publikum und Jazz-Musikern sondern auch der zwischen den Generationen.

Dass seine jugendfrische Begeisterung und die mit jedem Wort oder Geste spürbare Überzeugung von der Kraft, der Schönheit und der Inspiration des Jazz nicht in einer jugendlicheren Durchmischung des Publikums sichtbar wird, ist zuletzt ihm oder dem Charakter des Festival anzulasten. Es ist ein getreues Abbild unserer älter werdenden Gesellschaft, wie es vielen Lebensbereichen zu beobachten ist. Veranstalter von Oper, Theater, Kassikkonzerten können davon ein Lied singen.

Lieder zu singen, Musik in einer anspruchsvollen und unterhaltsamen Form zugleich zu hören, ist ein dem Jazz ureigenes Moment. Das war auch vom 9. bis 11.Januar 2015 im Theater Münster so. Es war im 36.Jahr seit 1979 erst das 25. Festival. Ende des letzten Jahrhunderts waren nicht nur Münster, sondern viele Kommunen in Deutschland gezwungen ihre Kulturausgaben zu deckeln. Parallel liefen den Jazz-Veranstaltern, die weiterhin auf die bekannten, amerikanischen Jazz-Heroen setzten, deren Gagenforderungen aus dem Ruder. Schmücker setzte auf einen zweijährigen Festivalzyklus und entwicklte in den Zwischenjahren mit In between ein eintägiges Konzertformat.

In beiden Konzertreihen holte er junge Jazz-Entdeckungen, in der Mehrzahl relativ unbekannten Jazz-Musikern, die häufig noch nicht auf der Szene sind, auf die Bühne, und ihnen die Chance zu geben, sich der Jazzgemeinde in Münster zu zeigen. Durchmischt mit gestandenen Jazz-Musikern, verpasste er dem Festival ein neues Gesicht. Eine Strategie mit vielen Risiken, die, wie sich auch in diesem Jahr wieder zeigte, als schon nach wenigen Tagen im Vorverkauf kaum noch Tickets zu haben war, schnell erfolgreich war und ist.

Die Jubiläumsausgabe stand unter dem Titel Jazz made in Europe. Keine gehypte Inthronisation eines Labels Europäischer Jazz. Schon allein deswegen nicht, weil es den genauso so wenig gibt, wie den Italiener, den Franzosen oder den Deutschen. Die musikalische Kraft des Jazz beruhte schon immer auf einem kulturellen Mix. Musikalische Vielfalt, ein Jam von Komposition und Improvisation.

Vom ersten Konzert in Quintett-Besetzung bis zum letzten in Großformation, einschließlich Preisträgerkonzert Westfallen-Jazz mit dem Vokalisten Michael Schiefel (Duo-Partner: David Friedman, vib) war diese fein austarierte Mischung  in Münster zu hören und zu erleben.

Als erste warf die schwedische Saxofonistin Elin Larsson den Hut in den Ring. Sie durchleuchtete in einem Wechsel von lyrischen Harmonie-Bögen und kraftvollen Improvisationen nordischen Tage und Nächte. Durchwebt von aufgehellter Dunkelheit und verschatteter Helligkeit, malten Kristian Persson mit langgezogenen Posaunen-Soli sowie mit einem grundierenden Bass von Niklas Wennström die Motive weiter. Henrik Hallberg (g) und Johan Käck (dr) groovten in diesem Nordlicht-Kosmos vorwärts. Stimmig, emotional, aber auch kühl kalkuliert und berechnend.

Auf der anderen Nordlicht-Seite fackelte der norwegische Saxophonist Marius Neset nicht lange. Ohne Anlauf von Null auf Hundert verblies er die am Ende des langen Sonnabend-Jazz-festival-Tages aufkommende Müdigkeit im Publikum. Like a hurrican entfachte das Marius Neset Septet einen Nordwind, der alle Müdigkeit auffrischte. Neset, seit einiger Zeit als Kritikerliebling in der europäischen Jazz-Szene gefeiert, verfügt über eine überragende, spieltechnische Perfektion. Selbst bei hochkomplexen Läufen ging ihm nicht die Luft aus. Sah man ihm bei seiner Saxofon-Arbeit ins Gesicht, war es, als, verwandelte es seine  Muskulatur in eine grafische Holzschnittstruktur. Fast übergangslos ging die Anspannung in Entspannung (nach getaner Arbeit) über. Neset verkörperte in seinem Spiel eine beeindruckende Balance von Feuer, Eis und (Nordlicht)Wärme.

Der südliche Gegenpol zu den musikalischen Nordlichtern war der ebenfalls hochgelobte, erst an Anfang 20 Jahre alte griechische Pianist Nikolas Anadolis. Seine Biografie liest sich wie ein Märchen. Musik bestimmte von frühen Kindertagen an über ein mehrjähriges Studium (mit einem außergewöhnlich konditionierten Stipendium) am Berklee College of Music in Boston im noch jugendlichen Alter bis heute sein Leben. Seinem Spiel eilt seit dem der Ruf eines Genies voraus. Nicht, dass er diesen Ruf in Münster nicht gerecht geworden wäre. Allein sein Spiel hat stellenweise etwas Introvertiertes, etwas in seinem Musikkosmos Eingeschlossenes, mitunter Egozentrisches, psychisch Angestrengtes, dass man durchaus nachdenklich werden konnte, er möge sich von seinem Genie nicht atemlos vorwärts treiben lassen. Anadolis Trio-Partner Jonas Burgwinkel (dr) und Simon Tailleu (b) waren Partner auf Augenhöhe. Vor allem waren sie mit ihren intelligenten Improvisationen Zeugen für das Potential von Jazz in Europe.

Die zierliche Céline Bonacina und ihr riesiges Baritonsaxophon sind seit Jahren ein Markenzeichen für eine exzellente Spiel- und Formgestaltung. Ihr Projekt Réunion war ein farbenreicher Diskurs in Sachen Weltmusik. Amüsant, schalkhaft und im Dialog mit der Sängerin Himiko Paganotti sprühend voll Witz und Charme.

Das jugendliche Korsett des 25.Jazzfestival Münster stabilisierten gestandene  Jazz-Musiker wie Lars Danielsson (Lars Danielsson Group Liberetto II), der Pianist Keith Tippett mit einem Solo-Auftritt oder Jasper van’t Hof (p, kb) zusammen mit seinen kongenialen Partnern Markus Stockhausen (tp, flh) und Patrice Héral (dr). Mit van’t Hof stand ein Musiker auf der Bühne, der beim 1.Festival 1979 schon mit von der Partie war.

Jazz in Europe hat in Münster einen überzeugenden Beweis erbracht, wie bunt und kreativ er sein kann. Kaum vorstellbar, dass Münster diese einmal gezogene Spur im globalen Jazz-Treibsand verlassen könnte. Allerdings braucht es dafür eine Generationen verbindende Verlässlichkeit. Jazz-Publikum, hört die Signale!

photo streaming 25.Jazzfestival Münster 

15.01.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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