Die Entdeckung Camille Pissarros als Père de l’impressionnisme

Camille Pissarro, Selbstbildnis, 1903 © Tate London

Camille Pissarro, Selbstbildnis, 1903 © Tate London

In diesen Tagen vormittags vor dem Von der Heydt-Museum Wuppertal immer das gleiche Bild. Eine lange Schlange staut sich vor dem Eingang bis nach draußen. Drinnen großes Gedränge. Neben Mänteln finden auch Gehhilfen an der Garderobe ihren Platz. Die Senioren-Generation hat Camille Pissarro – Der Vater des Impressionismus (noch bis 22.02.2015) fast ausnahmslos fest im Griff.

Pissarro, der älteste unter den Malern, die die Freiluftmalerei, den Impressionismus als bildkünstlerisches Gestaltungsmittel um 1870 für sich entdeckten, wurde von vielen als Père Pissarro verehrt. Die da jetzt die Ausstellung stürmten, sind mehrheitlich erfahrene père und grand-père. Vielleicht deshalb, weil sie in ihrem Leben selbst erfahren haben, wie schwierig es sein kann, den damit verbundenen Erwartungen gerecht zu werden, ist in der Ausstellung eine empathische Aufmerksamkeit zu spüren. Neben der unmittelbaren Freude an seinen Bildern war in Gesprächen immer wieder persönliche Nachdenklichkeit zu hören. Der hatte es auch nicht leicht. Immer knapp bei Kasse und so viele Kinder.

Wer das Von der Heydt-Museum betritt wird mit Abgabe seiner Garderobe auf besondere Nachdenklichkeitsperspektiven eingestimmt. Blickt man nach oben auf die Wand über der Eingangshalle leuchtet Maurizo Nannuccis Statement: It is possible to imagine that all impossible images exist in the field of all possibilities. Macht man sich so erleuchtet auf den Weg zu Pissarro, kann ein kurzer Abstecher im 1.OG zur Sammlung des Hauses zu einem anregenden Umweg zu Pissarros Bildwelt werden.

Der von Bazon Brock in seinem grafischen Beweger-Zyklus (1963 – 1977) dargestellte Fragen-Kontext Wollt ihr das totale Leben? Totales Leben ist kürzestes Lebe. kann unter Berücksichtigung von Pissarros langen, künstlerischen Entwicklungsweg auch als Wegweisung zu seiner immer wieder gemalten Nähe zum Leben benutzt werden.

Geboren 1730 in der exotischen Landschaft der dänisch-westindischen Insel Saint-Thomas, sind ihm seit 1855 Landschaft und Menschen in Frankreich, (für eine kurze Exil-Zeit auch in England) durch alle Schaffensperiode wichtig und nahe geblieben. In den 1890ger Jahren sogar mit Sympathie für anarchistisch sozialistische Ideen. In seiner Malerei spiegelt sich fast die gesamte Kunstentwicklung des 19.jahrhunderts von der Klassik (Gustave Courbet, Honoré Daumier, Jean-François Millet, Giovanni Segantini), über die Schule von Barbizon (Jean-Baptiste Camille Corot, Antoine Chintreuil, Charles-François Daubigny) bis zum Impressionismus (Claude Monet, Odile  Redon, Vincent van Gogh, Paul Cezanne, Paul Gauguin) und dem Pointillismus (Paul Signac, Georges Seurat) wider.

Die Ausstellung Camille Pissarro – Der Vater des Impressionismus, vom Direktor des Van der Heydt-Museums Dr. Gerhard Finckh und seinem Team ausstellungsdidaktisch überzeugend eingerichtet und kuratiert, besticht insbesondere durch die thematischen Hängungen, die Pissarros Arbeiten aus den einzelnen Werkphasen zusammen mit denen der genannten künstlerischen Weggefährten zeigen. Neben umfangreichen Leihgaben aus Museen und Sammlungen weltweit präsentiert die Ausstellung eine größere Anzahl von Werken aus dem eigenen Bestand. Dieser unmittelbare Vergleich zeigt, über welchen exzellenten Sammlungsbestand das Van der Heydt-Museum verfügt.

Eine intensive Dichte bezieht die Ausstellung auch durch die Präsentation von motiv- und zeit-parallelen Arbeiten. Cezanne war um 1877 in Auvers-sur-Oise Nachbar von Pissarro in Pontoise. Er profitierte von dieser Nähe unmittelbar. Sie malten die Landschaften des Oise-Tals – und Cezanne nannte sich fortan Schüler von Pissarro. Aufschlussreich auch das Doppel-Portrait Camille Pissarro zeichnet Paul Gauguin und Paul Gauguin zeichnet Camille Pissarro (um 1882). So nah, so unterschiedlich, so fremd.

Beispiele für die mitunter nur temporäre, letztlich aber kreativ wirksame Künstlerfreundschaft Pissarros, die die Malerei vieler Impressionisten geprägt hat. Gauguin, der auf dem von ihm einst paradiesisch geträumten Tahiti das wahre Leben zu finden suchte, wandte sich nach seiner ernüchterten Rückkehr enttäuscht von Pissarro, dem im Paradies von Saint-Thomas Geborenen ab. Pissarro, immer bereitwillige Quelle, andere künstlerisch zu inspirieren und sogar, wie beispielsweise Gauguin, in seinem künstlerischen Findungsprozess zu beraten, blieb selbst ein Leben lang ein Suchender.

So verhieß ihm auch der Pointillismus eine neue Perspektive. Unter dem Einfluss von Seurat malte er eine Zeitlang pointillistisch; allerdings mit einem eigenen wahrnehmungspsychologischen Effekt. Anders als bei vielen klassischen Pointillisten weiten sich Pissarros Pinseltupfer in die dritte Dimension. Betrachtet man Bilder wie Pinienwald (1892) oder Herbstmorgen in Eragny (1892) von der Seite, erweitert sich die Fläche zum Bildraum.

Allein die Huldigung Père Pissarro nährte noch keine Familie. Und die wuchs mit den Jahren an – und wollte versorgt sein. Erst im letzten Lebensjahrzehnt entspannte sich seine finanzielle Situation. Unabhängig von diesen schwierigen Lebensumständen malte er in Nähe zu den Menschen auf dem Lande, überzeugt von der Wahrhaftigkeit eines langsamen (Er)Lebens.

Seine Farbspiele mit dem Licht bezogen ihre Unmittelbarkeit, die in seinen Arbeiten nach wie vor lebendig ist, aus ihrer sozialen Nähe zu den mit ihm dort lebenden Menschen (Landschaft bei Ennery, nahe Pontoise, 1868; Straße von Saint-Germain-en-Laye nach Louveciennes, 1870; Bäuerin mit Kuh, Osny, 1883). Mit dem Schnee entdeckte er für sich ein spezielles Licht-Motiv (Schnee auf der Route de Versailles in Louveciennes in der Wintersonne, ca. 1870), das seine Malerei insgesamt lichter und durchscheinender machte (Zyklus Die vier Jahreszeiten, 1872).

Die Ausstellung macht weiterhin Lust, Pissarros Original-Mal-Plätze einmal aufzusuchen. Der Film zur Ausstellung zeigt das, was in der Ausstellung selbst nicht zu sehen ist. Durch Überblendung von Pissarros Arbeiten mit fotografischen und  filmischen Sequenzen von heute zeigt sich auf überraschende Weise, dass sich die Landschaft um Pontoise nicht so verändert hat, dass aus der Pissarro-Zeit nichts mehr erkennbar wäre. Die von Pissarro geschätzte unspektakuläre Stille, von ihm malerisch verdichtet und auf die Leinwand übertragen, kann man noch heute erfahren und er-sehen.

Vielleicht noch überraschender, dass die Bilder des pulsierenden Lebens auf den Boulevards, die Pissarro in seinen letzten Lebensjahren aus verschiedenen Pariser Hotelfenster gemalt hat, zwar deutlichere Veränderungen zeigen, aber trotzdem als signifikante Orte erkennbar geblieben sind (Der Louvre, 1902; Blick von Pont-Neuf auf die Seine und den Louvre, 1903). Nur eines ist heute kaum mehr vorstellbar. Dass die Jecken wie in Boulevard Montmartre, Faschingsdienstag am Nachmittag (1897), in diesen Tagen so nüchtern, geordnet in trist anmutender Einförmigkeit, im Karnevalszug durch die Straßen ziehen.

Was würde wohl Père Pissarro davon halten? Wie würde er das malen? Wahrscheinlich würde er ein Bild in pastosen Farben malen, das einem irgendwie bekannt vorkäme.

12.02.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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